{"id":21466,"date":"2011-06-12T09:50:46","date_gmt":"2011-06-12T09:50:46","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/06\/aus-dem-leben-eines-krimidesigners\/"},"modified":"2022-06-12T22:49:56","modified_gmt":"2022-06-12T20:49:56","slug":"aus-dem-leben-eines-krimidesigners","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/06\/aus-dem-leben-eines-krimidesigners\/","title":{"rendered":"Aus dem Leben eines Krimidesigners"},"content":{"rendered":"\n<p>Neulich landete ein dickes, ja, sagen wir ruhig: wohlh\u00e4biges Buch auf dem wtd-Redaktionstisch, teure Broschur mit angeklebtem Leseb\u00e4ndchen, und auf dem Cover ein Aufkleber: \u201eEin kulinarischer Policeprocedural aus dem Rhein-Main-Donau-Kreis f\u00fcr alle Freunde des Noir und des Katzenkrimis\u201c. Wir waren sprachlos. Und wie immer, wenn wir sprachlos sind, dachten wir angestrengt dar\u00fcber nach, was in den K\u00f6pfen wildfremder Menschen vor sich gehen mag, wenn sie nachdenken. In welchem Gehirn werden solche Monstrosit\u00e4ten ausgebr\u00fctet? All die neuen \u201eSubgenres\u201c und special-interest-Krimis, die \u201eKirchenthriller f\u00fcr Makrobiotiker\u201c, die \u201eWhodunits f\u00fcr Linksh\u00e4nder\u201c, der \u201eerste Vollpfosten-Fu\u00dfballkrimi zur Frauen-WM 2012?\u201c Dem wollten wir auf den Grund gehen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Recherchen gestalteten sich m\u00fchselig, doch wtd ist immer dann am besten, wenn es richtig wehtut, wenn die Informanten verlegen schweigen und der Redaktionsassistent vorschl\u00e4gt, doch lieber \u201eeine geile Rezi\u201c rauszuhauen, damit er p\u00fcnktlich seine Freundin poppen kann. Nein, genau dann laufen wir zu gro\u00dfer Form auf. Wir recherchierten unverdrossen weiter und stie\u00dfen schlie\u00dflich auf die Pressedame eines gr\u00f6\u00dferen deutschen Krimiverlags, der zu einer noch sehr viel gr\u00f6\u00dferen internationalen Verlagsgruppe geh\u00f6rt, Namen sind hier Schall und Rauch. \u201eJa\u201c, best\u00e4tigte uns die Dame nach einigem Z\u00f6gern, es gebe da Spezialisten, Krimidesigner sozusagen, deren Aufgabe es sei, st\u00e4ndig neue \u201eFormate\u201c zu entwickeln, die Zielgruppe punktgenau ins Visier zu nehmen, \u201edort abzuholen, wo sie steht\u201c. Aber nein, mehr k\u00f6nne sie uns nicht verraten. Es bedurfte unserer gesamten \u00dcberredungskunst und des Versprechens, das n\u00e4chste Dutzend Neuerscheinungen besagten Verlagshauses \u00fcber den gr\u00fcnen Klee zu loben, bis die Pressefrau endlich einen Namen und eine Telefonnummer preisgab: Martin Senkfort, Berlin-Prenzlauer Berg. Wir kontaktierten den guten Mann.<\/p>\n\n\n\n<p>Er war erfreut, von uns zu h\u00f6ren. Aha, wtd! Ja doch, er verfolge uns regelm\u00e4\u00dfig, schon aus Berufsgr\u00fcnden. \u201eWer wtd liest, der wei\u00df, wie der Hase l\u00e4uft \u2013 und genau darauf kommt es an. Immer am Puls der Leserschaft! Wenn bei wtd \u00fcber den politischen Krimi diskutiert wird, ist zu \u00fcberlegen, ob es nicht Zeit f\u00fcr den \u201epolitisch-erotischen Thriller aus dem Lehrermilieu\u201c sei.\u201c Doch, er denke etwas in dieser Art gerade an, k\u00f6nne aber noch nichts genaues sagen. Ob wir mit ihm ein Interview f\u00fchren k\u00f6nnten? Unser Berlin-Korrespondent, ein guter Mann, k\u00e4me gerne bei ihm vorbei? \u201eOkay\u201c, sagte Senkfort schlie\u00dflich, \u201eer ist mir willkommen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Krimidesigner bewohnt ein ger\u00e4umiges Apartment im dritten Stock einer j\u00fcngst sanierten ehemaligen Mietskaserne mit berlintypischem Hinterhof. Alles sehr geschmackvoll und teuer eingerichtet. \u201eIn meinem fr\u00fcheren Leben war ich Innenarchitekt\u201c, informiert Senkfort, \u201eda sammelt man Erfahrungen, die beim Designen von Krimis von eminenter Wichtigkeit sind. Hier wie dort geht es um das Ambiente, um den Wohlf\u00fchlfaktor. Bin ich eher der Ledersofa-Typ oder doch der Birkenholzliebhaber? Fengshui oder doch lieber IKEA? Laufe ich lieber barfu\u00df auf griechischen Hirtenteppichen oder bevorzuge ich Echtholzparkett mit altr\u00f6mischen Intarsien? Solchen Fragen sieht sich auch der Krimidesigner gegen\u00fcber. Denn die Leser wollen sich EINRICHTEN, das ist das ganze Geheimnis. Wer sein Leben lang in den miefigen R\u00e4umen einer Henning-Mankell-Rumpelkammer zugebracht hat, f\u00fchlt sich in der literarischen Jugendstilvilla eines Ross Thomas denkbar unwohl. F\u00fcr ihn geeigneter w\u00e4re also ein \u201eskandinavischer Ermittlerkrimi mit hohem Depressionsfaktor und angedeuteter Weltverschw\u00f6rung\u201c, was als LABEL \u2013 so nennen wir das in der Fachsprache \u2013 selbstverst\u00e4ndlich viel zu lang und ungehobelt klingt. Also nennen wir es meinetwegen \u201eein sakrilegraler Deprikrimi f\u00fcr kalte Winterabende\u201c. Da haben sie die Dan-Brown-Spacken, die Mankell-Deppis und all die Leute, die nachts nicht schlafen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Korrespondent ist schwer beeindruckt. Gut, sagt er, aber das sei das LABEL. \u201eWie aber wird aus dem LABEL der KRIMI, also welcher Autor entbl\u00f6det sich nicht, quasi auf Zuruf&#8230; ist es nicht umgekehrt, dass zuerst der KRIMI da ist und ihm erst dann ein LABEL&#8230;\u201c Senkfort lacht kurz, aber herzlich. \u201eAlso erstens einmal, Bester: Wir sagen nicht KRIMI, wir nennen das Kind bei seinem ehrlichen Namen. PRODUKT. Und wie bei jedem Produkt braucht man Rohstoffe, das was sie ein Manuskript nennen. Ich gebe Ihnen gerne ein Beispiel aus der Praxis. Dem XY-Verlag wird, von einer bis dato v\u00f6llig unbeleckten Deb\u00fctantin, ein Manuskript angeboten. Furchtbar! Das Ding spielt in Bayern und die Dame hat wohl zuviel Wolf Haas gelesen, au\u00dferdem hatte sie fr\u00fcher in Deutsch eine Eins, das sind dann immer die Schlimmsten, glauben Sie mir! Aber jetzt kommen ein paar Dinge zusammen. Erstens: Das Manuskript ist sprachlich unter aller Kanone. Will sagen: Man braucht es lektoratsm\u00e4\u00dfig kaum zu \u00fcberarbeiten, es kann so bleiben wie es ist. Dann spielt die Geschichte in Bayern. Urspr\u00fcnglich in N\u00fcrnberg, aber N\u00fcrnberg ist zur Zeit ganz schlecht. Allg\u00e4u ist besser. Also verlagern wir das Setting dorthin. Drittens: Der Krimi will witzig sein. Ist er zwar nicht, aber, unter uns, was ist in Deutschland schon witzig \u2013 und man lacht trotzdem \u00fcber jeden Schei\u00df. Und Wolf Haas hat sich gut verkauft, oder? Ein paar Tausend Leseschwache haben wir damit praktisch automatisch im Boot. Jetzt komme ich ins Spiel. Ich schaue mir an, was an Rohstoff da ist: holpriges Dummdeutsch, Humor, Allg\u00e4u, Wolf Haas. Und, ich verga\u00df es zu erw\u00e4hnen, auch noch Polizeiroman, denn der Held ist Gendarm. Daraus designe ich nun das Label \u201eein literarisch-humoristischer Allg\u00e4u-Krimi in der Tradition von Sj\u00f6wall-Wahl\u00f6\u00f6\u201c. Ist aber viel zu lang. Also verk\u00fcrze ich zu WINTERKARTOFFELKN\u00d6DEL, was zugleich einen brauchbaren Titel abgibt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAha\u201c, macht der Korrespondent, \u201eund so etwas verkauft sich?\u201c Wieder lacht Senkfort. \u201eUnd wie! Unser Credo lautet: Kein Krimileser, keine Krimileserin ist so doof, dass er oder sie nicht noch doofer werden k\u00f6nnte. Das nennt man Kulturoptimismus, mein Freund. Nat\u00fcrlich haben wir daneben auch den umgekehrten Weg. Zuerst kommt das Label \u2013 etwa \u201eein Weinkrimi aus dem alten Theben\u201c oder \u201eultimativer Psychothriller zum Oktoberfest\u201c \u2013 und danach mieten wir uns einen Lohnschreiber, eine Lohnschreiberin, der oder die daraus das PRODUKT fertigt. Kommt auch vor. Klappt auch meistens.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Korrespondent schluckt. Erstens die Informationen, zweitens den edlen Traubensaft, den ihm Senkfort zuvorkommend kredenzt hat. \u201eAber jetzt mal unter uns: Mit Literatur oder so hat das doch nichts mehr zu tun, oder?\u201c Senkfort verschluckt sich an seinem 1991er Chateau Lamarque. \u201eLiteratur? Moment mal, ich glaube, Sie sind im falschen Film! Wir reden hier von Krimis! Ich designe auch Literatur, keine Frage. Junge wilde Autorinnen mit Monsterbr\u00fcsten und einer fatalen Neigung zu ausgedehnten Monatsblutungen, die man dann zielgruppengerecht labeln kann oder&#8230; aber das ist eine andere Geschichte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wir verzichten darauf, sie zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neulich landete ein dickes, ja, sagen wir ruhig: wohlh\u00e4biges Buch auf dem wtd-Redaktionstisch, teure Broschur mit angeklebtem Leseb\u00e4ndchen, und auf dem Cover ein Aufkleber: \u201eEin kulinarischer Policeprocedural aus dem Rhein-Main-Donau-Kreis f\u00fcr alle Freunde des Noir und des Katzenkrimis\u201c. Wir waren sprachlos. 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