{"id":21470,"date":"2009-02-02T08:02:22","date_gmt":"2009-02-02T08:02:22","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/02\/traum\/"},"modified":"2022-06-06T23:57:42","modified_gmt":"2022-06-06T21:57:42","slug":"traum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/02\/traum\/","title":{"rendered":"Traum?"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich hatte einen b\u00f6sen Traum. Mir tr\u00e4umte, die Kriminalliteratur sei von mitleidigen AutorInnen zu dem einzigen Zweck erfunden worden, auch die geistig weniger flexible Bev\u00f6lkerung unseres Kulturlandes beim Lesen von B\u00fcchern mit intellektuellen Erfolgserlebnissen zu begl\u00fccken. Die Grund\u00fcberlegung: Ist der Leser zu doof, die Geheimnisse eines Textes selbstst\u00e4ndig ans Tageslicht seines Verstandes zu bringen, spendiert man ihm via Krimi ermittelndes Personal, das diesen Job f\u00fcr ihn erledigt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Lie\u00df sich Edgar Poe den Krimi nur deshalb patentieren, weil er es satt hatte, von Scharen tumber Sinndetektive auf die dilettantischste Art gedeutet zu werden? Schuf er seinen Dupin als Idealleser, als Cicerone f\u00fcrs hirnweiche Volk? Butzibutzi, liebes Leserkindchen, schau nur! Das ist GUT \u2013 und das ist B\u00d6SE! Weiter brauchen wir uns nicht mehr zu bem\u00fchen, denn weiter kannst du ja nicht denken.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder verdankt der Krimi seine Entstehung Gottes unergr\u00fcndlichem Ratschluss? Seufzte nicht schon Jesus unter dem Kreuz: &#8222;Sie werden Proust f\u00fcr laaaaaankweilig! \u00e4stimieren. Und f\u00fcr dieses Pack muss ich sterben!&#8220; \u2013 F\u00fcgte dann aber zur eigenen Beruhigung hinzu: &#8222;Aber wenn wir die Dummbeutel nicht ins Paradies aufnehmen, d\u00fcrfte dieses Paradies der am d\u00fcnnsten besiedelte Ort des gesamten Universums sein.&#8220; \u2013 Seitdem tritt, wer einigerma\u00dfen bei Groschen ist, schleunigst zum Atheismus \u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch zur\u00fcck zur Kriminalliteratur. Wenn das Lesen einer Enquete gleichkommt, einer st\u00e4ndigen Suche nach nichtvorhandener Wahrheit, dann simuliert der Kriminalroman tats\u00e4chlich das, was eigentlich im Kopf der lesenden Instanz passieren sollte. Wer liest und denkt, befindet sich qua definitionem in einem literarischen Werk. Wer nur liest, liest garantiert gerade einen Krimi.<\/p>\n\n\n\n<p>In Ordnung; auch der Nichtkrimi ist in den meisten F\u00e4llen ausgelagerte Leserintelligenz. Wie du ein Buch zu entdecken, zu erforschen hast, sagt dir das Buch selbst an allen Ecken und Kanten, hier wird Lesen zur Pauschalreise, zum All-inclusive-Abenteuer hinter den Z\u00e4unen der Denkfaulheit. Krimis aber sind die unverfrorensten Vollstrecker des ausgelagerten, bequem per Ratenzahlung abzustotternden Denkens. Einer gr\u00fcbelt f\u00fcr dich, einer l\u00e4sst stellvertretend f\u00fcr alle seine kleinen Grauen gl\u00fchen, einer serviert wie ein galanter Wiener Caf\u00e9hausober die Wahrheit und Wirklichkeit auf dem Tablett. Man braucht sie nur abzunicken. Mord ist ein Verbrechen (Nicken), darunter machen wirs nicht, darunter verstehen wirs auch gar nicht. Verbrechen haben aufgekl\u00e4rt zu werden (Nicken, Nicken), w\u00e4re ja noch sch\u00f6ner, w\u00e4re ja Anarchie sonst. Kein Fitzelchen Leben darf au\u00dferhalb der Logik funktionieren, und diese Logik sei &#8222;nachvollziehbar&#8220; auch dann, wenn man im Fremdw\u00f6rterduden nachschauen muss, was das denn bedeutet, Logik.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Moment bin ich aufgewacht. Ein Traum, ein b\u00f6ser Traum, ein Albtraum. Oder doch nicht? Und was habe ich damit zu schaffen, der ich gleichzeitig Hersteller und Konsument der leichtverdaulichen Denknahrung bin? Bin ich nicht anders, besser, kl\u00fcger? \u2013 Ich erinnere mich (ungern): Damals im Schuhgesch\u00e4ft, als ich aus Verstehen statt der Schuhnummer meinen Intelligenzquotienten nannte, die Verk\u00e4uferin sogleich ins Lager ging, Anprobierware zu holen \u2013 und ich f\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter in neuen Schuhen aus dem Gesch\u00e4ft. Passten. Seitdem bin ich vorsichtig. Aber man soll das alles nicht so ernst nehmen. Nein, soll man nicht. Tr\u00e4umen ist ja das Spiel wildgewordener Synapsen und lose baumelnder Nervenenden, die sich zuf\u00e4llig ber\u00fchren und wilde Szenarien herstellen, mit denen man beim Krimi keinen Blumentopf gewinnen k\u00f6nnte. Genau. So ist das. Aufstehen und den Kopf sch\u00fctteln. Mensch, Mensch, Mensch!<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hatte einen b\u00f6sen Traum. Mir tr\u00e4umte, die Kriminalliteratur sei von mitleidigen AutorInnen zu dem einzigen Zweck erfunden worden, auch die geistig weniger flexible Bev\u00f6lkerung unseres Kulturlandes beim Lesen von B\u00fcchern mit intellektuellen Erfolgserlebnissen zu begl\u00fccken. 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