{"id":21477,"date":"2009-02-06T07:55:04","date_gmt":"2009-02-06T07:55:04","guid":{"rendered":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/02\/eine-kurze-studie-zur-perspektive-erster-teil\/"},"modified":"2022-06-05T23:34:37","modified_gmt":"2022-06-05T21:34:37","slug":"eine-kurze-studie-zur-perspektive-erster-teil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/02\/eine-kurze-studie-zur-perspektive-erster-teil\/","title":{"rendered":"Eine kurze Studie zur Perspektive, erster Teil"},"content":{"rendered":"\n<p>Bevor man sich ans Schreiben eines Kriminalromans macht, m\u00fcssen grunds\u00e4tzliche Dinge gekl\u00e4rt werden. Das wohl wichtigste, weil folgenreichste: die Erz\u00e4hlperspektive. W\u00e4hle ich die auktoriale, also dritte Person Singular, oder wird die Geschichte aus dem Protagonisten heraus erz\u00e4hlt, erste Person Singular?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Er \/ sie oder ich? Er \/ sie UND ich? Gar Er \/ sie und ich und du wie in Zoran Drvenkars &#8222;Sorry&#8220;? Das Terrain, so scheint es, ist abgesteckt. Man entscheidet sich f\u00fcr eine Perspektive, die irgendwo zwischen dem allwissenden Erz\u00e4hler (etwa bei Reginald Hill) oder dem rigoros aus dem Ich heraus berichtenden Protagonisten (z.B. bei David Peace oder Norbert Horst) liegt. Aber so einfach ist das nicht, denn die genannten Ankerpositionen sind so eindeutig keineswegs.<\/p>\n\n\n\n<p>Nehmen wir Reginald Hill. Seine Geschichten werden aus der Distanz, von au\u00dfen erz\u00e4hlt, der Autor wei\u00df alles (Hill ist der Thomas Mann der Kriminalliteratur). Blickt man jedoch genauer hin, stimmt das nicht ganz. Denn die Perspektive des Autors bem\u00e4chtigt sich auch seiner Figuren, er dringt in ihre K\u00f6pfe, ihre Gedanken, er schaut ihnen beim Denken und Analysieren zu. Das Erz\u00e4hlte flie\u00dft kontinuierlich und, ganz wichtig, von einer mehr oder weniger einheitlichen deskriptiven Sprache transportiert. Trivial: Hill schreibt in &#8222;korrekten, vollst\u00e4ndigen S\u00e4tzen&#8220;, man sieht den Autor geradezu vor sich, wie er den Inhalt des Erz\u00e4hlten aus ihrem emotionalen Kontext nimmt und in eine einheitliche Form gie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz anders bei Peace oder Horst. Hier ist man als Leser unmittelbar vor Ort, verfolgt die Handlung aus den jeweiligen Perspektiven der Protagonisten. Mit erkennbaren Folgen. Ein einheitlicher Erz\u00e4hlduktus fehlt, die Syntax zerbr\u00f6selt. Es fehlt der gemeinsame Rahmen, in dem sich Autor und Leser treffen, dieser Blick von au\u00dfen nach innen. Ein Autor, der distanziert erz\u00e4hlt, spannt diesen Rahmen auf und geleitet seine Leserschaft durch den Text. Nicht so beim radikalen ICH von Peace oder Horst. Was im Kopf des Protagonisten gedacht wird, kommt unmittelbar auf den Leser.<\/p>\n\n\n\n<p>Praktisches Beispiel, willk\u00fcrlich Hills &#8222;Der Wald des Schweigens&#8220; entnommen:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Seine Analyse traf es nicht ganz, dachte Ellie, als sie die anderen G\u00e4ste musterte. Zwar waren ein oder zwei, wie etwa der Theologieprof, daf\u00fcr bekannt, da\u00df sie beim ersten Gl\u00e4serklingen auftauchten, aber es waren nicht nur die alkoholischen Trittbrettfahrer vertreten, auch die moralischen sorgten f\u00fcr eine hohe G\u00e4stezahl. Man befand sich offensichtlich am politisch korrekten Ort.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ellie Pescoe besucht eine Party und macht sich so ihre Gedanken. Eine Analyse ist nicht ganz zutreffend, es gibt schwere Alkoholiker und Moralisten, letztere verhalten sich politisch korrekt, d.h. sie werden nicht gerade die Politik von Frau Thatcher loben, sondern eher mehr Tierschutz fordern. Auff\u00e4llig ist hier aber, dass die anscheinende Genauigkeit der Beschreibung bei n\u00e4herer Betrachtung keine sein muss. Das mit der Analyse ist tats\u00e4chlich ein Gedanke Ellies, wie das &#8222;dachte&#8220; hinreichend signalisiert. Ob Ellie allerdings auch die Kategorisierung der G\u00e4ste vornimmt, wissen wir nicht. Wahrscheinlicher: Die Perspektive wechselt flie\u00dfend von Ellie zum Autor und seinem aus der Distanz gef\u00e4llten Urteil.<\/p>\n\n\n\n<p>Es versteht sich, dass die Wahl der Ich-Perspektive gravierende Folgen f\u00fcr den Erz\u00e4hlflu\u00df und den Rahmen hat, den Hill im wiedergegebenen Zitat aufspannt. Ich m\u00f6chte jetzt nicht konstruieren, wie etwa Peace oder Horst eine solche Szene schreiben w\u00fcrden, aber sie w\u00fcrden es ganz bestimmt ANDERS machen. Bei ihnen w\u00e4re eindeutig, dass Ellie, wenn wir in ihr f\u00fcr einen Moment die ICH-Erz\u00e4hlerin betrachten wollen, alles aus sich herausdenkt, was Hill distanziert wiedergibt. Aber eben anders, ohne den Rahmen, der sich bei Hill vor allem in der einheitlichen, kontinuierlichen Erz\u00e4hlform und den Kategorisierungen zeigt. Wo Hill &#8222;Alkoholiker&#8220; und &#8222;Moralisten&#8220; identifiziert, st\u00fcnde bei Peace und Horst vielleicht &#8222;der versoffene Theologieprof&#8220; oder &#8222;reden wieder mal von den moralischen Vorteilen des Tofufressens, die Heuchler&#8220;. Den Rahmen m\u00fc\u00dften sich die Leser selbst einrichten, indem sie etwa die Tofufresser als &#8222;politisch korrekt&#8220; klassifizierten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen, dass die Wahl der Perspektive immer auch die Wahl der ihr gem\u00e4\u00dfen Sprache und Auswahl der Details sein muss. Hinzu kommt die Geschwindigkeit, mit der erz\u00e4hlt wird. Bei Hill ist sie, wie es sich f\u00fcr den distanzierten Autor geh\u00f6rt, fast immer gleich. Ger\u00e4t etwa Dalziel in Panik, weil er seine Gespielin in einer Mordsache verh\u00f6ren und als Beschuldigte sehen muss, spiegelt sich dieser stressige Umstand nicht in einer schnelleren, auch syntaktisch \/ grammatisch zerzausten Sprache. Bei Peace ist es genau umgekehrt. Hier wird immer schnell erz\u00e4hlt, der Stress ist allgegenw\u00e4rtig, selbst da, wo die Handlung eine Ruhephase, ein Reflektieren erlauben w\u00fcrde. Norbert Horst ist in dieser Hinsicht flexibler, was schlicht darin liegt, dass sein Ich-Erz\u00e4hler neben dem ungebremsten, assoziativen Gedankenfluss einer streng organisierten T\u00e4tigkeit als ermittelnder Polizeibeamter nachgeht, die in ihrer Monotonie automatisch gedankliche Ruhepausen vorschreibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle drei genannten beherrschen ihr Metier. Und das ist ausschlaggebend. Es w\u00e4re geradezu l\u00e4cherlich, Hill daf\u00fcr zu schelten, dass er als allwissender, lenkender Autor die Geschichte in seinen Sprachduktus presst. Er darf das, denn er kann das vorz\u00fcglich. Ebenso hirnrissig der Einwand, Peace oder Horst machten es ihren Lesern vors\u00e4tzlich schwer, weil dem Erz\u00e4hlten der deskriptive Rahmen fehle oder das Schulenglisch \/ Schuldeutsch mit F\u00fc\u00dfen getreten werde. Denn auch sie wissen, was sie tun und wie sie es tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Durchschnittsautor (schweigen wir ganz von den allgegenw\u00e4rtigen Dilettanten) beherrscht die Kunst der Perspektive in der Regel NICHT, vor allem dann nicht, wenn er die ICH-Position w\u00e4hlt. Ein \u2013 von mir spontan erfundener \u2013 Satz wie &#8222;Ich beobachtete die Partyg\u00e4ste und stellte fest, dass sie sich alle politisch korrekt verhielten&#8220; w\u00e4re einfach daneben. Trotzdem gibt es Autoren \u2013 etwa Manfred Wieninger -, die auch in der Ichform jene Distanz des auktorialen Erz\u00e4hler stimmig aufbauen k\u00f6nnen. Bei Wieninger gerinnt die Distanz des Autors zu einer charakteristischen Geste des Icherz\u00e4hlers, eine Position zwischen Hill und Peace \/ Horst, die auch sprachlich perfekt umgesetzt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Musterg\u00fcltig hat das Ineinandergreifen von Ich und Er \/ Sie die beste deutschsprachige Krimiautorin des 20. Jahrhunderts inszeniert. Bei Pieke Biermann l\u00e4sst sich das Objektive (um ein problematisches Synonym f\u00fcr die distanzierte Perspektive einzuf\u00fchren) nicht vom Subjektiven (Ich) trennen. Die Autorin sitzt immer in den K\u00f6pfen und gleichzeitig \u00fcber der Szenerie, das Tempo ist untrennbar mit dem Ort verbunden, an dem die Geschichte spielt (sehr sch\u00f6n in &#8222;Vier, F\u00fcnf, Sechs&#8220; zu beobachten).<\/p>\n\n\n\n<p>Ich ist also nicht immer Ich und Er nicht immer Er. Es gibt aber eine dritte Instanz, die des Interpreten, des Lesers. Ihr widmen wir uns demn\u00e4chst.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bevor man sich ans Schreiben eines Kriminalromans macht, m\u00fcssen grunds\u00e4tzliche Dinge gekl\u00e4rt werden. Das wohl wichtigste, weil folgenreichste: die Erz\u00e4hlperspektive. W\u00e4hle ich die auktoriale, also dritte Person Singular, oder wird die Geschichte aus dem Protagonisten heraus erz\u00e4hlt, erste Person Singular?<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-21477","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21477","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21477"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21477\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21477"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21477"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21477"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}