{"id":21495,"date":"2011-06-16T10:22:41","date_gmt":"2011-06-16T10:22:41","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/06\/der-teufelskreis-des-politischen-i\/"},"modified":"2022-06-16T04:12:20","modified_gmt":"2022-06-16T02:12:20","slug":"der-teufelskreis-des-politischen-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/06\/der-teufelskreis-des-politischen-i\/","title":{"rendered":"Der Teufelskreis des Politischen I"},"content":{"rendered":"\n<p><strong> Vorspiel(en) auf dem Theater<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Mann steht auf einer B\u00fchne. Er soll die Leute, die vor dieser B\u00fchne sitzen, unterhalten, nein, Entschuldigung, nicht unterhalten, er soll sie belehren, aufkl\u00e4ren, zum Nachdenken bringen, wozu er sie aber, wer wei\u00df schon warum, zum Lachen bringen muss. Er ist kein Comedian, kein Witzeerz\u00e4hler, kein Hanswurst mit Schellenkappe, er ist politischer Kabarettist und hei\u00dft Georg Schramm, man hat ihn schon im Fernsehen erblickt. Die Leute da vorne in der ersten Reihe gefallen ihm nicht. Gro\u00dfkopfete auf Freikarten, die das hier mit einer Muckibude f\u00fcr die Lachmuskulatur verwechseln. Oder eben nicht verwechseln, sondern ehrlich daf\u00fcr halten.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>R\u00fcckblende: ein beliebiges Silvester in den sechziger Jahren, kurz vor dem Jahreswechsel. Im Fernsehen l\u00e4uft wie immer eine Veranstaltung der Lach- &amp; Schie\u00dfgesellschaft, Dieter Hildebrandt und Co. stehen auf B\u00fchne. Vor ihnen in der ersten Reihe die Politikerprominenz mitsamt Damen und Sektk\u00fcbeln. Sie lachen \u2013 die Herr- und Damschaften -, sie perlen \u2013 die Pointen der Kabarettisten vor Witz, die Sektflaschen in den K\u00fcbeln, weil sie halt Sektflaschen sind. Herr Strau\u00df bekommt sein Fett weg. Tats\u00e4chlich, Lachen macht ihn schlanker, Lachen erleichtert sein Gewissen. Hildebrandt und Kollegen geben sich alle M\u00fche, aber Herr Strau\u00df steht nicht wutschnaubend auf, schreit nicht \u201eDas ist keine Satire mehr, das ist Diffamie!\u201c und rennt aus dem Saal, obwohl er das vielleicht m\u00f6chte, aber das w\u00e4re kontraproduktiv, obwohl es dieses Wort in den sechziger Jahren noch gar nicht gab. Synergieeffekte, denkt Herr Strau\u00df (nein, gab es auch noch nicht, das Wort). Indem ich die da oben ungest\u00f6rt reden lasse, zeige ich, wie wichtig mir doch Demokratie ist. Indem ich dies zeige und sogar mitlache, denkt sich der Zuschauer vor dem Fernsehschirm: Guck an, der Strau\u00df ist tolerant. Kann sein, dass sie sogar Mitleid mit mir haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Mitleid hat Georg Schramm an diesem Abend nicht. \u00dcberhaupt: Mitleid ist nicht so sein Ding, wenn er seiner Arbeit nachgeht, das hei\u00dft: Mitleid mit denen, die selbst kein Mitleid haben. Dann ist er w\u00fctend. Kennt man von ihm. Unter all dem D\u00fcnnpfiff, der sich Kabarett nennt, ist er so ziemlich der einzige, der auch mal z\u00fcnftig und fest in die Pfanne kotet, so dass man merkt: Der hat genug gefressen um eigentlich kotzen zu m\u00fcssen, aber er hat es auch verdaut und jetzt schei\u00dft er sie alle zu, die Leistungstr\u00e4ger in den ersten Reihen, das ganze vornehme Schmarotzergesocks. Und also tut er das, \u2192<a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=M5ZlX3U6osw\">man kann es sich anh\u00f6ren<\/a>, man h\u00f6rt auch, wie ihm das Extemporieren manchmal die Pointe versaut, man wei\u00df, dass das gut ist, dass hier jede Pointe fehl am Platze w\u00e4re. Und man h\u00f6rt, wie sich die in der ersten Reihe zu emp\u00f6ren beginnen, \u201eaufh\u00f6ren!\u201c rufen, wie sich aber welche in den hinteren Reihen freuen, dass sich die in den ersten Reihen emp\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch, das ist alles sehr sch\u00f6n. Schramm sagt, was er von denen da vorne h\u00e4lt, er h\u00e4lt ihnen \u2013 ein ziemlich d\u00e4mlicher Ausdruck \u2013 \u201eden Spiegel vor\u201c, und nat\u00fcrlich erkennen sie sich wieder, was aber Strafe genug ist. Ein gelungener Auftritt? Ja, ein gelungener Auftritt. Und dennoch: Was hat er bewirkt, wen ver\u00e4ndert? Die in der ersten Reihe? Bestimmt nicht. Die in den hinteren Reihen? Auch nicht. Die haben sich nur gefreut, denen wurde nichts Neues erz\u00e4hlt. Uns, die wir das nachtr\u00e4glich h\u00f6ren durften? Wir fragen uns, was denn h\u00e4tte passieren m\u00fcssen, um Schramms Auftritt zu etwas anderem zu machen als einer Geste, einer Ermutigung, einer Provokation. Die in den ersten Reihen h\u00e4tten sich l\u00e4utern m\u00fcssen, aufstehen, \u201eja, ja, ja, ich werde mich fortan \u00e4ndern!\u201c ausrufen. Die in den letzten Reihen h\u00e4tten auf die Stra\u00dfe gehen, demonstrieren m\u00fcssen, Bankeneing\u00e4nge blockieren, den Damen da vorne wenigstens Bier in die Dekolletees kippen. Weder das eine noch das andere ist geschehen, das politische Huhn k\u00f6chelt im eigenen Saft so wie immer, wie schon in den Sechziger Jahren bei der Lach- und Schie\u00dfgesellschaft, wie sp\u00e4ter etwa beim Bayrischen \u201eDerblecken\u201c auf dem Nockherberg, wie bei Auftritten von Georg Schramm, es ist ein Ritual, ein Teufelskreis, eine Sisyphosarbeit, eine Selbstbefriedigung, eine Selbstreinigung, ein Alibi, ein Lendenschurz. Wir ahnen wohl, dass die in der ersten Reihe am liebsten die Meinungsfreiheit ganz abschaffen w\u00fcrden. Sie arbeiten ja feste daran. Wir ahnen auch, dass die in den hinteren Reihen am liebsten auf die Stra\u00dfe gehen, Banken blockieren, aufgebretzelte Damen bel\u00e4stigen w\u00fcrden. Aber sie tun es nicht. Sie tun es in effigie, wie der Lateiner sagt, sie tun es, indem sie ihren Blutdruck steigen lassen, ihren Puls beschleunigen, indem sie sich endlose Alleen mit vielen, vielen B\u00e4umen oder endlose Gassen mit noch mehr Laternenpf\u00e4hlen vorstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und was hat das alles mit Kriminalliteratur zu tun? Mit dem \u201epolitischen Krimi\u201c? Sehr viel, alles. Im besten Fall, dass er, wie vielleicht auch Georgs Schramms Auftritt, irgendwo in den Weiten einen einzelnen Menschen packt und ver\u00e4ndert. Im schlechtesten Fall \u2013 also dem Normalfall, dass er l\u00e4ngst ein Teil der ritualisierten Unterhaltungsindustrie, des Beschwichtigungsbusiness, des Affirmationsjahrmarkts geworden ist, auf dem man sich in bunten Karussells immer um die eigene Achse der Emp\u00f6rung dreht. Und am Ende geht es nur darum, dass man spannend unterhalten wurde, so wie die Besucher einer Georg-Schramm-Veranstaltung doch nur gut ablachen wollen, die in der ersten Reihe, weil sie genau wissen, dass ihnen das ganze Theater eh nichts anhaben kann, die in den hinteren Reihen, weil sie sonst nicht viel zu lachen haben und froh sind, dass es noch Menschen gibt, die das, wor\u00fcber es nichts zu lachen gibt, l\u00e4cherlich machen. Und jetzt werden wir ganz seri\u00f6s und wollen dem auf den Grund gehen. Politischer Krimi \u2013 alles f\u00fcr die Katz?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorspiel(en) auf dem Theater Ein Mann steht auf einer B\u00fchne. Er soll die Leute, die vor dieser B\u00fchne sitzen, unterhalten, nein, Entschuldigung, nicht unterhalten, er soll sie belehren, aufkl\u00e4ren, zum Nachdenken bringen, wozu er sie aber, wer wei\u00df schon warum, zum Lachen bringen muss. 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