{"id":21498,"date":"2009-02-16T07:38:51","date_gmt":"2009-02-16T07:38:51","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/02\/eine-kurze-studie-zur-perspektive-zweiter-teil\/"},"modified":"2022-06-16T04:12:42","modified_gmt":"2022-06-16T02:12:42","slug":"eine-kurze-studie-zur-perspektive-zweiter-teil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/02\/eine-kurze-studie-zur-perspektive-zweiter-teil\/","title":{"rendered":"Eine kurze Studie zur Perspektive, zweiter Teil"},"content":{"rendered":"\n<p>Den ersten Teil gibt es \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2009\/02\/eine-kurze-studie-zur-perspektive-erster-teil.php\">hier<\/a>)<\/p>\n\n\n\n<p>Warum ein Autor diese und nicht jene Perspektive w\u00e4hlt, um seine Geschichte zu erz\u00e4hlen, das sollte er nicht nur genau wissen, er sollte sich auch \u00fcber die Konsequenzen im Klaren sein. Sagt jemand &#8222;ich&#8220;, dann sieht er \u2013 und mit ihm der Leser \u2013 die Welt mit seinen Augen. Und er redet \/ denkt in seiner eigenen Sprache.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es ist also immer ein h\u00f6chst subjektive Geschichte, die da erz\u00e4hlt wird, und sie wird explizit nicht sklavisch f\u00fcr den Leser erz\u00e4hlt, d.h. dieses Ich darf sich nicht zum Lieferanten von Informationen erniedrigen, um \u2013 m\u00f6glichst in korrektem Deutsch \u2013 die Stelle des fehlenden Autor-Ichs gleich mitzubesetzen. Ein Satz wie &#8222;Mensch, wer steht denn da an der B\u00e4ckerei, die 1885 von Georg Konrad Meyer gegr\u00fcndet wurde und seit zwanzig Jahren auch feine K\u00fcchen anbietet?&#8220; w\u00e4re somit v\u00f6llig unglaubw\u00fcrdig. In einer aus der distanzierten Perspektive des ER mag er noch angehen, obwohl&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtig bleibt, dass die wenigsten Menschen so denken wie sie schreiben. Wohl mag ich einen Autor schelten, der &#8222;Er sieht aus wie wenn er gleich sterben w\u00fcrde&#8220; aus SEINER Perspektive formuliert, einem ICH jedoch kann ich dies nicht zum Vorwurf machen. Ganz im Gegenteil.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber verlassen wir den Autor und seine Absichten, nicht ohne noch einmal zu betonen, dass er welche haben sollte. Wenden wir uns dem Leser und SEINER Perspektive zu. Die nun ist, wie anders, das ICH, was sich vor allem im Ph\u00e4nomen des Sich-Identifizierens zeigt. Ganz gleich, ob man sich in der Rolle des allwissenden Detektivs, des von Selbstzweifel zernagten Polizisten oder dem hilflosen Opfer wiederfindet \u2013 es ist beinahe unm\u00f6glich, einen Kriminalroman aus der Distanz zu lesen, als sei man selbst ein Unbeteiligter. Was wohl der Spannung geschuldet ist, die uns emotional ber\u00fchrt und in den Text zieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ich-Perspektive des Romans hat es dabei, vor allem, wenn sie strikt subjektiv angelegt ist, naturgem\u00e4\u00df schwer, denn hier trifft die Subjektivit\u00e4t der Fiktion auf die Subjektivit\u00e4t des Leser-Ichs. Folgerichtig bietet die distanzierte Perspektive des ER \/ SIE ob ihrer subjektiven Nicht-Pr\u00e4terminierung generell bequemere M\u00f6glichkeiten, sich ein Stellvertreter-Ich im Roman auszusuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kann ein Autor dies steuern? Nur bedingt. Es kann seine Absicht sein, es dem Leser so schwer wie nur m\u00f6glich zu machen, in den Sog der Identifikation zu springen. Wir erinnern uns noch an das explizit Dokumentarische der Dragnet \/ Stahlnetz \u2013 Reihe, deren Protagonisten losgel\u00f6st von aller Subjektivit\u00e4t zu Ermittlermaschinen geformt waren, gef\u00fchrt von der kalt reportierenden Stimme aus dem Off. Und das andere Extrem: die vollkommene Subjektivit\u00e4t, die den Leser, ob er will oder nicht, an die Figur, die da erz\u00e4hlt, bindet. Er kann dies ablehnen oder annehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedenfalls: Das Spiel mit der Erz\u00e4hlperspektive erlaubt dem Autor auf mannigfaltige Weise, seine Leserschaft zu manipulieren. Wenn es mir gelingt, ihn in den Kopf einer h\u00f6chst unsympathischen Person zu treiben, mit ihm Dinge zu denken, die er ohne die Lekt\u00fcre niemals denken, gar verstehen w\u00fcrde, habe ich als Autor schon gewonnen. Ich habe den Leser ein wenig aus sich selbst herausgel\u00f6st. Dies kann auch gelingen, wenn ich ihn dazu n\u00f6tige, einfach nur auf Distanz zur Geschichte \u2013 und vielleicht auch zur eigenen Subjektivit\u00e4t zu gehen, um sich anzuschauen, welche Szenerarien da in der Geschichte aufgebaut und beschrieben werden. Wie auch immer: Eine Gebrauchsanweisung daf\u00fcr gibt es nicht, keine Regeln, keine Do&#8217;s und Dont&#8217;s. Alles liegt in der Kunst des Autors \u2013 und dann in der Bereitschaft des Lesers.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den ersten Teil gibt es \u2192hier) Warum ein Autor diese und nicht jene Perspektive w\u00e4hlt, um seine Geschichte zu erz\u00e4hlen, das sollte er nicht nur genau wissen, er sollte sich auch \u00fcber die Konsequenzen im Klaren sein. Sagt jemand &#8222;ich&#8220;, dann sieht er \u2013 und mit ihm der Leser \u2013 die Welt mit seinen Augen. 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