{"id":21502,"date":"2011-06-21T08:51:20","date_gmt":"2011-06-21T08:51:20","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/06\/der-teufelskreis-des-politischen-ii\/"},"modified":"2022-06-13T00:14:59","modified_gmt":"2022-06-12T22:14:59","slug":"der-teufelskreis-des-politischen-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/06\/der-teufelskreis-des-politischen-ii\/","title":{"rendered":"Der Teufelskreis des Politischen II"},"content":{"rendered":"\n<p><em>(Teil I: \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/06\/der-teufelskreis-des-politischen-i.php\">Vorspiel(en) auf dem Theater<\/a>)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Clash of Cultures?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das noch immer dominierende, von einer erdr\u00fcckenden Mehrheit der AutorInnen und LeserInnen bevorzugte Grundmuster der Kriminalliteratur basiert auf gesellschaftspolitischen Parametern des 19. Jahrhunderts. Es ber\u00fccksichtigt die \u00c4ngste und Hoffnungen jener Zeit ebenso wie ihre privaten Bed\u00fcrfnisse, verbindet die Unsicherheit (mystery) mit dem Fortschrittsglauben (detection) und der katalysatorischen Funktion (thrill). Bis dieses Fundament gegossen war, mussten Kanten abgeschliffen, Unebenheiten gegl\u00e4ttet und \u00e4sthetische Makel eliminiert werden. Ein wirklicher Bezug zur Lebenswelt der Leserschaft, die Anwesenheit von Problemen ohne L\u00f6sung, eine wie auch immer ausfallende Referenz an Herrschaftsverh\u00e4ltnisse \u2013 all da wurde nach und nach entfernt, was aber \u201edas Politische\u201c nicht tilgte, sondern es nur umpolte. WEIL der Krimi nicht politisch sein durfte, war er es um so mehr. Zur\u00fcck blieb der H\u00e4kelkrimi, blieb Mord um seiner selbst willen, ein anonymes Stellvertreterobjekt zur Trieb- und Aggressionsabfuhr, ein Sedativum.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kriminalliteratur von Conan Doyle bis zu den Ladies des Golden Age hatte also eine Gegenwelt als R\u00fcckzugsraum etabliert, einen Raum, in dem der Schmutz genauso klinisch sauber war wie das dramaturgische Besteck, mit dem man ihn portionierte und einfl\u00f6\u00dfte. Was nun nicht \u00fcberraschen kann, denn genau darin besteht die Funktion des Trivialen und sie ist legitim. Doch dieses \u00e4sthetisch bis auf die Knochen abgenagte Programm wird immer auch zum Anlass, einen Paradigmenwechsel zu vollziehen, beileibe nicht nur in der Kriminalliteratur. Auch die sogenannte \u201eh\u00f6here\u201c wird zwangsl\u00e4ufig und im Wortsinn von \u201eallgemein bekannt\u201c trivial, sobald etwa B\u00fcchners \u201eWoyzeck\u201c in wohlfeiler Liebhaberausgabe in der Bibliothek herumsteht. Nicht dass hier etwas zum bildungsb\u00fcrgerlichen Mainstream wird, bedingt diese Trivialit\u00e4t. Sie ist vielmehr dem Teufelskreis geschuldet, ohne den Literatur undenkbar w\u00e4re oder schlicht nichts weiter als eine l\u00e4ngere, aus W\u00f6rtern gekn\u00fcpfte Kette, an der man das Mantra der Selbstvergewisserung abbeten kann. Ich lese, was ich eh schon wei\u00df \u2013 und weil ich es schon wei\u00df, best\u00e4tigt es mich in meiner Meinung. So betrachtet, ist Trivialisierung das nat\u00fcrliche Schicksal jeglicher Literatur \u2013 und die Quelle ihrer notwendigen Erneuerung zugleich.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder k\u00f6nnte ein Querverweis zum \u201epolitischen Kabarett\u201c hilfreich sein. Der triviale Kabarettist, eigentlich ein verkappter Comedian, wird politische Ereignisse der Pointe unterordnen. F\u00fcr ihn ist etwa die gegenw\u00e4rtige Griechenlandkrise ein Vehikel f\u00fcr den Witz (\u201eWenn die Griechen ihre Inseln verkaufen, nehme ich Lesbos, aber nur, wenn da gerade ein feministischer Kongress stattfindet.\u201c) und kein Gelegenheit, \u00fcber spekulative Finanzpolitik aufzukl\u00e4ren. Aber selbst wenn er dies tut, bewegt er sich in Konsens seiner Zuh\u00f6rer, er spricht die Sprache, die sie von ihm erwarten, sein wahrhaftiges Publikum besteht also aus denen, f\u00fcr die diese Sprache NEU ist. F\u00fcr alle anderen ist der Vortrag ritualisiert, auf ihre Bed\u00fcrfnisse heruntergebrochen, das Irritierende formalisiert. Das hat insofern Auswirkungen auf das \u201ePolitische\u201c, als es, in Kunst verpackt, immer die Aufforderung zur Ver\u00e4nderung impliziert. Nat\u00fcrlich kann etwas auch politisch sein, indem es meine Weltanschauung st\u00fctzt, immer wieder repetiert, was faul ist im Staate. Letztlich jedoch verbleibt es auf dem Niveau des der Trivialliteratur zugewiesenen Eskapistischen, inszeniert eine Gegenwelt, das Adorno\u2019sche \u201eRichtige im Falschen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun k\u00f6nnen wir daran wenig \u00e4ndern und nicht erwarten, jeder neue Autor, dessen B\u00fccher wir lesen, jeder Kabarettist, dem wir zuh\u00f6ren, erfinde das Rad seiner Kunst neu. Wir haben den Extremfall formuliert, den Beginn dessen, was in der Kriminalliteratur \u2013 die, nebenbei, sich mit dem Neuen naturgem\u00e4\u00df schwertut, aber dazu kommen wir noch \u2013 immer wieder zu beobachten ist, wenn auch vielleicht niemals so deutlich wie beim ersten gro\u00dfen Paradigmenwechsel, als Hardboiled \/ Noir gegen den h\u00e4kelseligen Whodunnit opponierten. Dazu mehr in Teil 3. Halten wir als Zwischenfazit folgendes fest: Weder die Form noch der Inhalt bestimmt den Grad des Politischen, es ist die Wirkung, die Art und Weise der Rezeption, die ihn definiert. Und: Das Schablonisierte ist nicht der Feind des \u201eUnkonventionellen\u201c, sondern lediglich ein anderer, sp\u00e4terer Aggregatzustand desselben. Der offenbare Clash of Cultures entpuppt sich als Generationenkonflikt, als ein in der Evolution von Kunst allgemein konstitutiv wirkender Akt. Das merken wir sp\u00e4testens, als sich der hartgekochte Dreck der Wirklichkeit in die Weicheiwelt der englischen Landh\u00e4user vorwagt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Teil I: \u2192Vorspiel(en) auf dem Theater) Clash of Cultures?<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-21502","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21502","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21502"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21502\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21502"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21502"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21502"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}