{"id":21504,"date":"2011-06-28T08:04:57","date_gmt":"2011-06-28T08:04:57","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/06\/linwood-barclay-kein-entkommen\/"},"modified":"2022-06-17T21:12:48","modified_gmt":"2022-06-17T19:12:48","slug":"linwood-barclay-kein-entkommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/06\/linwood-barclay-kein-entkommen\/","title":{"rendered":"Linwood Barclay: Kein Entkommen"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"157\" height=\"250\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/barclay.jpg\" alt=\"barclay.jpg\"\/> Das also ist ein Pageturner. Mehr Mordwerkzeug als Buch, eine bis weit jenseits der 500-Seiten-Marke planierte Geschichte, ein Zeitaufwand mithin, den man sich sonst nur bei wirklich wichtigen Werken erlaubt. Aber keine Panik. Als Pageturner erf\u00fcllt Linwood Barclays \u201eKein Entkommen\u201c alle Voraussetzungen des Hochleistungssports Lesen. Eine seltsam fl\u00fcchtige Story in seltsam fl\u00fcchtigen S\u00e4tzen, von seltsam fl\u00fcchtigen Augen irgendwann nur noch wie eine monotone Landschaft \u00fcberflogen. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Liest sich wie Butter, wenn sich Butter lesen lie\u00dfe, und ist wie diese \u2013 man hat gerade seine pers\u00f6nliche Bestleistung im Weglesen eines Krimis gebrochen \u2013 am Ende nur noch ein dunkler fettiger Fleck in einem Hinterzimmer der Erinnerung.<br \/>David Harwood ist Journalist bei einer Provinzzeitung. Er ist \u00f6rtlicher Korruption auf der Spur, denn ein privates Gef\u00e4ngnis soll erbaut werden, was nur mit gen\u00fcgend Schmiermittel f\u00fcr die Stadtr\u00e4te zu bewerkstelligen ist. Privat hat Harwood Probleme, seine Frau Jan ist schwer depressiv, ein Ausflug in den Vergn\u00fcgungspark mit dem gemeinsamen kleinen Sohn soll sie auf andere Gedanken bringen. Doch dort verschwindet erst einmal kurzzeitig das Kind und schlie\u00dflich die Ehefrau selbst. Spurlos nat\u00fcrlich und die Polizei wird misstrauisch, als sich die Fakten gegen David verdichten. Hat er selbst seine Frau ermordet? Harwood wei\u00df nicht wie ihm geschieht, zumal er herausfindet, dass Jans Vergangenheit eine andere ist als vermutet. Es kommt, wie es kommen muss: Alles verschw\u00f6rt sich gegen den wackeren Helden, das Ganze k\u00f6nnte eine Intrige der Gef\u00e4ngnismafia sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist es aber nicht. Der Leser erf\u00e4hrt dies relativ fr\u00fch und sp\u00e4testens jetzt nimmt alles seinen krimigerechten Lauf, erh\u00f6ht sich die Lesegeschwindigkeit. Dass Barclay keinen Wert auf sprachliche Feinheiten legt, wei\u00df man seit den ersten S\u00e4tzen, dass er in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden den Fall rekapituliert, ebenfalls. Vor allem aber wei\u00df man, wie das Ganze endet, obwohl man bis zum Ende nicht wei\u00df, was das Ganze eigentlich soll. Aber zum Nachdenken hat der gehetzte Leser eh keine Zeit. Er liest wie im Rausch und f\u00fchlt sich wie ein Formel 1 \u2013 Pilot, der unabl\u00e4ssig seine Runde um s\u00e4mtliche Versatzst\u00fccke des Genres dreht. Nichts bleibt h\u00e4ngen, keine einzige Figur besitzt auch nur entfernt so etwas wie Glaubw\u00fcrdigkeit oder l\u00e4dt zur Empathie ein. Statt dessen wird uns ein buntes Men\u00fc aus Trivial-Fastfood vorgesetzt, dessen Kombination hinten und vorne verpfuscht ist. Spannung? Kann man vergessen. Daf\u00fcr ein paar hoch aktuelle Gedanken zur Zeitungskrise in den USA, ein Blick in die \u2013 hier wirklich g\u00e4hnenden \u2013 Abgr\u00fcnde diverser Seelen, ein Sp\u00fcrchen Humor im immer sentimentaler ger\u00fchrten Brei der Emotionen.<\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits: Man ahnt, dass so etwas seine Zielgruppe hat. Das Lesen solcher B\u00fccher ist eben kein H\u00fcrdenlauf, nichts gilt es zu \u00fcberwinden, der Sport, der hier ausge\u00fcbt wird, hei\u00dft Zeittotschlagen. Die Stoppuhr l\u00e4uft, dann, nach einem wie erwartet hochdramatischen Showdown, wird sie angehalten, die Veranstaltung ist vorbei und man begibt sich zur n\u00e4chsten. Wahrscheinlich wieder \u00fcber 500 Seiten, wahrscheinlich noch schneller, wahrscheinlich noch folgenloser. Kein Entkommen? Nein, denn selbst der unsinnigste und billigste Sport (574 Seiten! 9,99 Euro!) kann s\u00fcchtig machen.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Linwood Barclay: Kein Entkommen. <br \/>Ullstein 2011 (Never Look Away. 2010. Deutsch von Nina Pallandt). <br \/>574 Seiten. 9,99 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das also ist ein Pageturner. Mehr Mordwerkzeug als Buch, eine bis weit jenseits der 500-Seiten-Marke planierte Geschichte, ein Zeitaufwand mithin, den man sich sonst nur bei wirklich wichtigen Werken erlaubt. Aber keine Panik. Als Pageturner erf\u00fcllt Linwood Barclays \u201eKein Entkommen\u201c alle Voraussetzungen des Hochleistungssports Lesen. 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