{"id":21506,"date":"2011-07-03T09:46:20","date_gmt":"2011-07-03T09:46:20","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/07\/eine-duestere-prognose\/"},"modified":"2022-06-16T04:13:28","modified_gmt":"2022-06-16T02:13:28","slug":"eine-duestere-prognose","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/07\/eine-duestere-prognose\/","title":{"rendered":"Eine d\u00fcstere Prognose"},"content":{"rendered":"\n<p>Ein dramatischer Hilferuf erreichte uns vom Syndikat, der Vereinigung deutschsprachiger Krimiautorinnen und \u2013autoren. In einer Pressemitteilung (\u201eDringend!\u201c \u201eLebenswichtig!\u201c) wird auf den drohenden Fachkr\u00e4ftemangel des Berufsbildes Spannungsproduktion hingewiesen, schon heute seien Stellen nicht mehr mit einheimischem Personal zu besetzen. \u201eEs sieht d\u00fcster aus\u201c, lautet das niederschmetternde Fazit.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Situation ist kompliziert. W\u00e4hrend sich auf dem Lande die Praxen der AutorInnen von Regionalkrimis dicht an dicht dr\u00e4ngen, herrscht bei den eher urbanen und globalen Themen schon jetzt Unterversorgung. Aufsehen erregte neulich eine PR-Aktion des Rotbuch Verlags Berlin, der in gro\u00dfformatigen Anzeigen \u201eKrimiautoren f\u00fcr das Thema Hartz IV\u201c rekrutieren wollte, bislang ohne Erfolg. Man lieb\u00e4ugelt nun damit, einen arbeitslosen schwedischen Autor mit dem Thema zu betrauen, \u201eBasiskenntnisse der deutschen Sprache Voraussetzung\u201c, damit wenigstens das Niveau der meisten deutschen Fachkr\u00e4fte nicht unterschritten wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht. Bew\u00e4hrte Autoren wie D.B. Blettenberg oder Frank G\u00f6hre stehen kurz vor der Rente, ihre Themen \u201einternationale Settings\u201c und \u201egro\u00dfst\u00e4dtische Kriminalit\u00e4t\u201c harren w\u00fcrdiger Nachfolger. Auf der anderen Seite verlassen immer mehr gut ausgebildete AutorInnen das Land und erliegen den Verlockungen fremdl\u00e4ndischer Arbeitsbedingungen. Der hierzulande eher unauff\u00e4llige Dieter Paul Rudolph re\u00fcssiert derzeit in Spanien und denkt nicht im Traum an eine R\u00fcckkehr. \u201eDeutschland? Ich schei\u00df drauf. Hier in Marbella gibt es Party ohne Ende, Geld ohne Ende und blutjunge Philologiestudentinnen ohne Ende. In Deutschland hingegen: Korrupte und geistig impotente Kritiker, ein daniederliegendes Verlags- und Buchhandelswesen, brunzdumme Leser und steinalte Groupies.\u201c Spricht\u2019s \u2013 und springt mit erigiertem Mittelfinger in die Fluten des beneidenswert pisswarmen Mittelmeers.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEin typischer Fall\u201c, kommentiert Isegrimm Fr\u00f6hlich, Intimkenner der deutschen Krimiszene. \u201eJemand wie Rudolph, ein ausgebildeter Spezialist f\u00fcr ruppigen Krimisex in arnoschmidtesker Technik, wird schmerzlich vermisst.\u201c Fr\u00f6hlich kann aber auch mit L\u00f6sungsvorschl\u00e4gen aufwarten. \u201eIch sehe nicht ein, dass Arbeitslose, die in Altersheimen Alzheimerpatienten aus Krimis vorlesen, nicht auch welche schreiben k\u00f6nnten. Gerade auf den Feldern \u201esoziale K\u00e4lte\u201c und \u201eKorruption, Dummheit, B\u00fcrokratie \u2013 hier w\u00e4chst zusammen, was zusammengeh\u00f6rt\u201c bringen sie doch einschl\u00e4gige praktische Erfahrungen mit. Voraussetzungen: Die H\u00fcrden f\u00fcr Berufsanf\u00e4nger m\u00fcssen gesenkt werden. Garantierte Mindestabnahme von 10000 Exemplaren des Deb\u00fcts, der Glauser-Preis als obligatorische Starthilfe in die Karriere, garantierte Spitzenpl\u00e4tze auf der Krimi-Bestenliste \u2013 das m\u00fcsste doch zu schaffen sein!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wirklichkeit sieht anders aus, wie auch der Notruf des Syndikats belegt. Brancheninterne Umschulungen \u2013 Hausfrauen zu Spionageexpertinnen, dilettierende Elektroingenieure auf den Spuren von David Peace und James Ellroy -, der bedrohlich steigende Import von urbaner und globalisierter Kriminalliteratur, Zwangsumsiedlungen l\u00e4ndlich beheimateter RegionalkrimiautorInnen (Klaus-Peter Wolf von der Nordsee nach Duisburg, zehn Allg\u00e4ukrimischreiber an die sozialen Brennpunkte von Berlin-Wedding und D\u00fcsseldorf-K\u00f6), all das ist gut gemeint, aber letztlich nur ein Tropfen auf den hei\u00dfen Stein, der das Fass zum \u00dcberlaufen bringt und das Kind mit dem Bade aussch\u00fcttet, so dass es in den trockenen Brunnen f\u00e4llt. Die Zukunftsaussichten? Wahrhaft d\u00fcster. Die schwarzgelbe Koalition? Wie gehabt mit sich selbst besch\u00e4ftigt. Dpr? Gerade mit einer blutjungen Philologiestudentin am Sonnenstrand von Marbella besch\u00e4ftigt. \u201eMorgen schreibe ich einen 1A-Krimi \u00fcber die sozialen Unruhen in Spanien! Deutschland? Wo liegt das?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Traurig, traurig.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein dramatischer Hilferuf erreichte uns vom Syndikat, der Vereinigung deutschsprachiger Krimiautorinnen und \u2013autoren. 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