{"id":21509,"date":"2009-02-23T07:56:59","date_gmt":"2009-02-23T07:56:59","guid":{"rendered":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/02\/der-karnevalskiller-aus-den-abgruenden-eines-alten-kriminalisten\/"},"modified":"2022-06-05T23:32:13","modified_gmt":"2022-06-05T21:32:13","slug":"der-karnevalskiller-aus-den-abgruenden-eines-alten-kriminalisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/02\/der-karnevalskiller-aus-den-abgruenden-eines-alten-kriminalisten\/","title":{"rendered":"Der Karnevalskiller. Aus den Abgr\u00fcnden eines alten Kriminalisten"},"content":{"rendered":"\n<p>Sein ganzes Leben lang hatte der alte Kommissar gegen das Verbrechen gek\u00e4mpft. Jugendlichen Schwarzfahrern begegnete er grunds\u00e4tzlich mit entsicherter Pistole \u2013 man konnte ja nie wissen. Verkehrss\u00fcnder, Ehrenm\u00f6rder, Ladendiebe, Besitzer notorisch in Sandk\u00e4sten urinierender Hunde: Der alte Kommissar hasste sie alle. Einen aber liebte er wie sonst nur noch sich selbst und w\u00fcnschte sich, er werde ihn niemals dingfest machen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das war der Karnevalskiller. Ein anonymer Wohlt\u00e4ter der Menschheit, der eindrucksvoll bewies, wie eine pr\u00e4zise geworfene Handgranate aus einem Elfer- einen F\u00fcnferrat machen konnte, der fortan mit der H\u00e4lfte seiner Gliedma\u00dfen und seiner guten Laune humorterroristischen Veranstaltungen vorsitzen musste; ein Engel des kultivierten Geschmacks, als er den brachialen Witzerei\u00dfer &#8222;De Doof&#8220; per Vogelschrot sauber aus der Butt geblasen hatte; ein Genie der Vielfalt, dem die Funkenmariechen des K\u00f6lner Karnevals komplett durch wahlweise Erw\u00fcrgen, Ersticken, Erstechen und Sch\u00e4nden zum Opfer fielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Waren das Verbrechen? Manche nannten es so. Der alte Kommissar, der gewiefte Praktiker, allerdings nicht. Er nickte nur stumm vor Freude und ermittelte lustlos; legte falsche Spuren, vernahm die falschen Zeugen, zog die falschen Schl\u00fcsse. Denn, oh!, welche Verbrechen, s\u00e4mtlich unges\u00fchnt, gingen auf das Konto der n\u00e4rrischen Zeit! Verbrechen gegen den Humor und die \u00c4sthetik, Verbrechen gegen die Sprache, die Musik, Verbrechen gegen die Intelligenz und alles, was denkende Menschen in Jahrtausenden m\u00fchsam erschaffen hatten. Plato! Kant! Hobbes! Handke! Sie sa\u00dfen im Himmel wie auf Erden und sch\u00fcttelten die weisen H\u00e4upter nicht weniger liebevoll als der alte Kommissar das seine.<\/p>\n\n\n\n<p>Schaudernd gedachte der alte Kommissar all der im Laufe seines Lebens erlittenen Kappen- und Prunksitzungen, der Fernsehveranstaltungen zumal, die seine \u2013 gl\u00fccklicherweise verstorbene \u2013 Ehefrau zu ertragen ihn gezwungen hatte. Die desastr\u00f6sen Dekolletes der Damen mit ihren Schwei\u00dfr\u00e4ndern auf trockener Eselshaut! Jungmannen mit fickrigen roten Pickeln in der Weinseligkeit eines sogenannten Gesichts, die Narrenkappe keck \u00fcber dem unerm\u00fcdlich Schuppen kalbenden Haupthaar! Und erst die alten M\u00e4nner! Die Juristen und Bilanzbuchhalter, Politiker und Schlagetote aus Wirtschaft, Sozialem und Raubadel! Wie sie ihre H\u00e4me herauslachten, ihre Geh\u00e4ssigkeit in die Dekolletes vorstehend beschriebener Damen spien, sich mit Weinschorle, deutschem Schaumwein und franz\u00f6sischem Weinbrand das verdorbene Blut auffrischten!<\/p>\n\n\n\n<p>Hausten also die wahren Bestien, die blutr\u00fcnstigsten Ungeheuer nicht unter uns? Als geachtete B\u00fcrger, die es einmal im Jahr wie den Mr. Hyde in uns allen zum Karneval zog? Brecht, dachte unser alter Kommissar, guter, noch \u00e4lterer Brecht mit seiner unsterblichen Sentenz: Was ist die Ein\u00e4scherung eines Rosenmontagszuges gegen das blo\u00dfe Stattfinden eines Rosenmontagszuges? Eine nicht genug zu lobende Tat!<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, auf den Karnevalskiller lie\u00df der alte Kommissar nichts kommen. Obwohl ihm Gesicht und Geist des gro\u00dfen Mannes, seine edle Philosophie, sein menschenfreundliches Handeln nicht in allen Einzelheiten gegenw\u00e4rtig waren, verband ihn doch eine seltene Seelenverwandtschaft mit diesem Wohlt\u00e4ter aller denkenden Wesen, und wenn ihm das Herz ob all der Verbrechen, die bis Karnevalsdienstag geschahen, schwer war, kniete er nieder und bat IHN, er m\u00f6ge dazwischenhauen wie Thor mit dem Hammer.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Tages jedoch war es soweit. Der Karnevalskiller hatte die Prunksitzung von Mainz-Gonsenheim vermittels eines Maschinengewehrs in seine Gewalt gebracht und drohte nun, alle N\u00e4rrinnen und Narren niederzum\u00e4hen, wenn nicht die Regierung an Eidesstatt und notariell beglaubt garantierte, dass ab sofort Schluss sei mit lustig. Erst wenn B\u00fcttenreden als extremistische Akte ge\u00e4chtet seien, wenn auf Schunkeln die Todesstrafe stehe und das Schwingen nackter Frauenbeine auf knarzenden Bretterb\u00fchnen mit lebenslanger Haft ges\u00fchnt werde, erst dann gebe er Ruhe und lasse die gefangene Schar ehedem frohsinniger, nun aber in schwerer Panik erstarrter Jecken unbeschadet ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am alten Kommissar war es nun, mit dem Karnevalskiller zu verhandeln. Der Karnevalskiller war ein ergrautes M\u00e4nnchen, einstmals in mittleren Dienst einer staatlichen Bank besch\u00e4ftigt, Junggeselle, Gelegenheitsraucher, Liebhaber mediterraner Pastagerichte. Der alte Kommissar seufzte. In der linken Tasche seiner Jacke wartete die entsicherte Pistole, &#8222;puste ihn weg!&#8220;, hatte ihm der Einsatzleiter noch zugemurmelt, &#8222;wenn du es nichts tust, tun es die Scharfsch\u00fctzen&#8220;, die auf den Balkonen postiert waren. Was sollte er machen?<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich bin&#8220;, begann der alte Kommissar, &#8222;gl\u00fccklich, Sie endlich pers\u00f6nlich kennenzulernen. Seien Sie versichert, dass jetzt Millionen Menschen drau\u00dfen im Lande die Daumen dr\u00fccken, dass Sie ungeschoren davonkommen, ihrer ehrenwerten Arbeit weiterhin nachgehen k\u00f6nnen und manch pr\u00e4chtiger Verdienstorden f\u00fcrderhin Ihre Heldenbrust schm\u00fccken mag.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Karnevalskiller hob mi\u00dftrauisch die Augenbrauen. &#8222;Aber?&#8220; fragte er, &#8222;Die ganze Sache hat doch ein Aber, oder nicht?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Traurig nickte der alte Kommissar. Ihm war nicht entgangen, dass der Karnevalskiller einen Schoppen Moselwein ergriffen und schon fast zur G\u00e4nze geleert hatte. Noch weniger war ihm entgangen, dass der Karnevalskiller keine Anstalten machte, das Entgelt f\u00fcr den genossenen Trunk auf den Tisch zu legen, damit eine Bedienung korrekt w\u00fcrde abkassieren k\u00f6nnen, wenn denn alles vorbei w\u00e4re und sie noch am Leben. Oh!, dachte der alte Kommissar, ist denn kein Ding unter der Sonne wirklich ohne Fehl? Hat auch ER, der g\u00f6ttliche Karnevalskiller, seine Abgr\u00fcnde, seine verbrecherischen Seiten?<\/p>\n\n\n\n<p>So war es. Ein Dieb war er, dieser Karnevalskiller. Einen Schoppen Moselwein! Langsam und mit der Routine seiner beinahe vierzig Dienstjahre griff der alte Kommissar in die linke Jackentasche, ergriff die Pistole und zog sie in einer einzigen Bewegung hervor. Der Karnevalskiller machte sich hektisch an seiner UZI zu schaffen, doch zu sp\u00e4t, vergebens. Eine Sekunde sp\u00e4ter lag er da in seinem Blute, die Erstarrung der Geiseln l\u00f6ste sich, die ebenfalls paralysiert gewesene Dreimannkapelle spielte einen Tusch \u2013tata-tata-tata- und bis in die Morgenstunden erklang es: &#8222;Der alte Kommissar hat den Karneval gerettet! Er lebe hoch, hoch, hoch!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Er aber, den sie da hochleben lie\u00dfen, war l\u00e4ngst nach Hause gegangen. Dort hockte er im Dunkeln, ein Glas Bier in der Linken, die Pistole in der Rechten, und er wusste nicht, welchen Arm er zuerst heben sollte.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sein ganzes Leben lang hatte der alte Kommissar gegen das Verbrechen gek\u00e4mpft. Jugendlichen Schwarzfahrern begegnete er grunds\u00e4tzlich mit entsicherter Pistole \u2013 man konnte ja nie wissen. Verkehrss\u00fcnder, Ehrenm\u00f6rder, Ladendiebe, Besitzer notorisch in Sandk\u00e4sten urinierender Hunde: Der alte Kommissar hasste sie alle. 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