{"id":21512,"date":"2009-02-25T08:20:00","date_gmt":"2009-02-25T08:20:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/02\/krimis-interpretieren\/"},"modified":"2022-06-09T23:21:29","modified_gmt":"2022-06-09T21:21:29","slug":"krimis-interpretieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/02\/krimis-interpretieren\/","title":{"rendered":"Krimis interpretieren"},"content":{"rendered":"\n<p>Man renne nicht gleich schreiend davon, wenn ich behaupte, Franz Kafka habe mit seinem Roman &#8222;Das Schlo\u00df&#8220; auch f\u00fcr eine Sternstunde der Kriminalliteratur gesorgt. Nein, nein, wir werden ihn schon nicht vereinnahmen. Aber was passiert dort eigentlich? Ein Landvermesser namens K. wird auf ein Schloss befohlen und wei\u00df bis zum Ende nicht, was er dort soll, und die Leser wissen es ebenfalls nicht. Der Rest ist Interpretation.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Interpretation oder: Erfindung. Jedes literarische Werk von Rang wartet darauf, interpretierend erfunden zu werden. Das Offensichtliche, das zugunsten einer positivistisch dominierten Sinnhaftigkeit Elaborierte ist jedoch ein Feind der Erfindung. Hier n\u00e4mlich gilt: \u00dcberlasse das Erfinden den Autoren. Die erfinden das Areal, auf dem du Leser sch\u00f6pferisch t\u00e4tig sein darfst, denn auch gleich mit.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4re also &#8222;Das Schlo\u00df&#8220; ein Kriminalroman, er m\u00fcsste, um vor den Urteilen seiner Konsumenten zu bestehen, erstens klar aussprechen, warum K. aufs Schloss befohlen wurde, zweitens erz\u00e4hlen, wie sich die mysteri\u00f6se Ausgangssituation sukzessive erhellt und drittens, wie die Geschichte im Sinne dieses logischen Konstrukts endet. Ansonsten h\u00e4tten wir quasi permanenten Suspense, die Interpretationsm\u00f6glichkeiten w\u00e4ren unendlich und nicht, wie im z\u00fcnftigen Krimi, auf das immer st\u00e4rker reduzierte Innenangebot des Textes beschr\u00e4nkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Binnenangebot an Interpretationsm\u00f6glichkeiten ist das Hauptcharakteristikum herk\u00f6mmlicher Kriminalliteratur. Und dabei kommt es zu einem seltsamen Ph\u00e4nomen. Mein als Leser eingereichtes Interpretationsangebot (&#8222;M\u00fcller hat Maier erschlagen, weil Maier M\u00fcllers Frau beigewohnt hat&#8220;) wird sp\u00e4testens am Ende des Endes gnadenlos mit dem fixen InterpretationsGEgebot des Autors verglichen. Habe ich gut erfunden, also den T\u00e4ter, das Motiv fr\u00fchzeitig entdeckt \u2013 bin ich entt\u00e4uscht, denn das finale \u00dcberraschungsmoment fehlt. Habe ich schlecht erfunden, hat nicht M\u00fcller Maier erschlagen, sondern Schulze, weil ihm Maier Geld schuldete, bin ich gl\u00fccklich dar\u00fcber, beim Erfinden versagt zu haben, wird mir doch nur so das Aha-Erlebnis als Belohnung zuteil.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun sind die meisten Kriminalromane so gestrickt, dass bis kurz vor ihrem Abschluss sowohl die Erfindung &#8222;M\u00fcller erschl\u00e4gt Maier&#8220; als auch die &#8222;Schulze erschl\u00e4gt Maier&#8220; als des Autors ultima ratio latent bleibt. F\u00fcr welche dieser M\u00f6glichkeiten sich der Autor letztlich entscheidet, ist ein mehr oder weniger willk\u00fcrlicher Akt. Der Autor muss uns seine Entscheidung nur gut verkaufen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kafka h\u00e4tte &#8222;Das Schlo\u00df&#8220; also damit beenden k\u00f6nnen, dass er K. zum Objekt einer Intrige macht. K. n\u00e4mlich hat, wie wir vielleicht zwanzig Seiten vor dem Ende erfahren w\u00fcrden, vor Jahren die Tochter des Schlossherrn verf\u00fchrt, diese wiederum beging Selbstmord, der trauernde Vater sann auf Rache etc. &#8222;Das Schlo\u00df&#8220; w\u00e4re somit formal zum Krimi geworden \u2013 und wahrscheinlich sofort aus dem Kanon &#8222;Hochliteratur&#8220; gefallen. Zu recht, nat\u00fcrlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist also Kriminalliteratur mindere Literatur? Nein. Erstens, weil es von Anfang an Kriminalromane gegeben hat, die selbst dann, wenn sie L\u00f6sungen beeinhalten, die das Wer Warum Wie ausarbeiten, gen\u00fcgend Raum f\u00fcr Erfindungen bieten, die nicht genrekonform mit einer Musterl\u00f6sung des Autors abgeglichen werden. Zweitens, weil dieses Wer Warum Wie in vielen Kriminalromanen entweder nicht mehr elaboriert wird oder als Nebenprodukt, als Konzession an den herk\u00f6mmlichen Krimigeschmack.<\/p>\n\n\n\n<p>Nehmen wir Jerome Charyns &#8222;Citizen Sidel&#8220;. Ein Roman, den der Leser v\u00f6llig f\u00fcr sich erfinden muss. Tut er es aus alter Gewohnheit nicht, liest er einen v\u00f6llig konfusen, schlechten Krimi. Schauen wir uns nun an, wie die Kritik &#8222;Citizen Sidel&#8220; erfunden hat, f\u00e4llt auf, dass sie sich hier und da freiwillig in begrenzte Interpretationsrahmen hat zw\u00e4ngen lassen. Ist &#8222;Citizen Sidel&#8220; wirklich ein Roman \u00fcber die Absurdit\u00e4ten des US-amerikanischen Pr\u00e4sidentenwahlkampfs? Gut, er ist in Deutschland just erschienen, als sich Herr Obama intern mit Frau Clinton pr\u00fcgelte und extern mit Herrn McCain und Frau Palin. Dennoch ist die Erfindung &#8222;Citizen Sidel = Pr\u00e4sidentenwahlkampf&#8220; eine angesichts der M\u00f6glichkeiten bedauerliche Selbstbescheidung der Kritik.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Kafka gelernt hat auch Pablo De Santis, dessen &#8222;Die sechste Laterne&#8220; geradezu &#8222;kafkaesk&#8220; gelesen werden sollte und in dem uns der Meister auch konsequenterweise st\u00e4ndig \u00fcber den Weg l\u00e4uft. Hier werden Leserin und Leser zu Erfindern, wie auch bei Leo Perutz, der uns sehr viel elaborierter vorkommt, dessen Textkonstrukte jedoch dann, wenn man sie nachbaut, immer sofort in sich zusammenfallen und so doch wieder das Eigensch\u00f6pferische des Rezipienten verlangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem bisher Behaupteten ergeben sich Fragen. Ist jeder &#8222;frei erfindbare&#8220; Text ein &#8222;guter, literarisch hochwertiger&#8220; Text? Und jeder in seinen Interpretationsm\u00f6glichkeiten beschr\u00e4nkter ein literarisch mi\u00dflungener? Nat\u00fcrlich nicht. Aber genauso wenig ist ein pr\u00e4zise durchkonstruierter Krimi automatisch gelungen und ein hinsichtlich seiner Sinnhaftigkeit und oberfl\u00e4chlichen L\u00f6sungen im Nebul\u00f6sen verbleibender automatisch ein schlechter. Kafkas &#8222;Schlo\u00df&#8220; geh\u00f6rt auch nicht deshalb zum Kanon der gro\u00dfen Literatur des 20. Jahrhunderts, weil er uns etwas erz\u00e4hlt. Sondern weil er uns selbst etwas erz\u00e4hlen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man renne nicht gleich schreiend davon, wenn ich behaupte, Franz Kafka habe mit seinem Roman &#8222;Das Schlo\u00df&#8220; auch f\u00fcr eine Sternstunde der Kriminalliteratur gesorgt. Nein, nein, wir werden ihn schon nicht vereinnahmen. Aber was passiert dort eigentlich? 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