{"id":21514,"date":"2009-02-26T08:27:33","date_gmt":"2009-02-26T08:27:33","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/02\/qiu-xiaolong-blut-und-rote-seide\/"},"modified":"2022-06-07T17:34:10","modified_gmt":"2022-06-07T15:34:10","slug":"qiu-xiaolong-blut-und-rote-seide","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/02\/qiu-xiaolong-blut-und-rote-seide\/","title":{"rendered":"Qiu Xiaolong: Blut und rote Seide"},"content":{"rendered":"\n<p>Jetzt ist, wie vieles andere aus dem Westen, auch der Serienm\u00f6rder in China angekommen. Und zwar mit allen bekannten Schikanen, makabere Leicheninszenierungen inklusive. So weit, so langweilig. Qiu Xiaolong macht aus den bekannten Mustern jedoch ein h\u00f6chst gelungenes St\u00fcck Kriminalliteratur, dessen Objekt des Interesses China selbst ist.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Oberinspektor Chen Cao hat sich eine Auszeit genommen, um einen Universit\u00e4tsabschluss in Literatur zu machen. Die &#8222;femme fatale&#8220; in der klassischen chinesischen Literatur, so lautet das Thema. Aber er kommt nicht zur Ruhe. Einen politisch delikaten Fall von Immobilienspekulation und Korruption m\u00f6ge er sich n\u00e4her betrachten, verlangen seine Vorgesetzten, und dann findet man die Leiche einer jungen Frau im roten qipao, dem engen langen Kleid ehedem &#8222;bourgeoiser&#8220; chinesischer Tradition. Die Frau liegt mitten in Shanghai, unter dem Kleid nackt, barf\u00fc\u00dfig, m\u00f6glicherweise sexuell missbraucht. Auftakt zu einer Mordserie, die die Stadt in Atem h\u00e4lt und bei deren Opfern es sich um junge M\u00e4dchen handelt, die im &#8222;Unterhaltungsgewerbe&#8220; t\u00e4tig sind.<\/p>\n\n\n\n<p>In pr\u00e4ziser und anstrengender Kleinarbeit n\u00e4hern sich Chen und sein Mitarbeiter Yu der Wahrheit. Die liegt, auch das unterscheidet &#8222;Blut und rote Seide&#8220; kaum von westlichen Exemplaren der Serienm\u00f6rder-Schematik, in der Vergangenheit und l\u00e4uft auf fr\u00fche Traumatisierung des T\u00e4ters hinaus, nat\u00fcrlich streng sexuell unterf\u00fcttert. Warum das bei Qiu dennoch zum schl\u00fcssigen und originellen Roman taugt, hat vor allem zwei Gr\u00fcnde.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst einmal Chen selbst. Mit ihm hat Qiu eine komplexe, weil in sich gebrochene Serienfigur geschaffen, den feingeistigen Dichter, der umst\u00e4ndehalber bei der Polizei gelandet ist, den skrupul\u00f6se Moralisten, dem doch nichts anderes \u00fcbrigbleibt, als mit den Vertretern der allgegenw\u00e4rtigen und m\u00e4chtigen Kommunistischen Partei zu paktieren. Das ist etwas anderes, viel Handfesteres als die hierzulande mit Vorliebe aufgefahrenen &#8222;inneren D\u00e4monen&#8220;, in Chen vereinigen sich die widerspr\u00fcchlichen Werte eines Landes, das bei aller Ann\u00e4herung an westliche Standards noch tief in der Tradition des Konfuzianismus einerseits und der des sozialistischen Ideals und seiner eher despotischen Praktiken steckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n auch, wie Qiu seinen Oberinspektor zwischen diesen beiden Polen agieren l\u00e4sst. W\u00e4hrend er die konfuzianischen Klassiker studiert und Erkenntnisse gewinnt, die der L\u00f6sung des Falles dienen, versucht er sich auch in Freudianischer Psychologie, wenngleich die dem chinesischen Charakter fremd ist. Immer aber muss Chen jeden seiner Schritte \u00fcberlegen, sich der Auswirkungen bewusst sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Der andere Grund, warum &#8222;Blut und rote Seide&#8220; gelingt, liegt im Fall selbst. Der reicht, wie gesagt, zur\u00fcck in die Jugend des T\u00e4ters, in die Zeit der Kulturrevolution mit ihren brutalen Ausw\u00fcchsen. Die sind, das zeigt die Figur des M\u00f6rders deutlich, noch lange nicht vergessen oder gar verarbeitet, unter der Schale des modernen, erfolgreichen Chinesen lauern die Traumata auch weiterhin.<\/p>\n\n\n\n<p>Den T\u00e4ter \u00fcberf\u00fchrt Chen schlie\u00dflich bei einem Abendessen, das durch &#8222;grausame Speisen&#8220; bestimmt wird (und dem westlichen Leser wird sich so manches Mal der Magen dabei herumdrehen). Es ist ein Gespr\u00e4ch, in dem noch einmal Vergangenheit und Gegenwart, politisches Kalk\u00fcl und kriminalistische Taktik aufeinandertreffen. Mit einem sehr chinesischen Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Blut und rote Seide&#8220; liefert den Beweis, dass die Muster des Serienkillerkrimis die Konfrontation mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht nur aushalten, sondern diese Wirklichkeit zum Nutzen des Lesers erhellen k\u00f6nnen. Und das ist schon ein ganze Menge.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Qiu Xiaolong: Blut und rote Seide. Oberinspektor Chens f\u00fcnfter Fall. <br \/>Zsolnay 2009. 378 Seiten. 19,90 \u20ac<br \/>(Red Mandarin Dress, 2007, deutsch von Susanne Hornfeck)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt ist, wie vieles andere aus dem Westen, auch der Serienm\u00f6rder in China angekommen. Und zwar mit allen bekannten Schikanen, makabere Leicheninszenierungen inklusive. So weit, so langweilig. 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