{"id":21518,"date":"2011-04-14T14:08:56","date_gmt":"2011-04-14T14:08:56","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/04\/politischer-krimi-fragen-und-keine-antworten\/"},"modified":"2022-06-06T21:32:26","modified_gmt":"2022-06-06T19:32:26","slug":"politischer-krimi-fragen-und-keine-antworten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/04\/politischer-krimi-fragen-und-keine-antworten\/","title":{"rendered":"Politischer Krimi: Fragen und keine Antworten"},"content":{"rendered":"\n<p>Frage: Was ist ein \u201epolitischer Krimi\u201c? Gegenfrage: Was ist ein \u201eunpolitischer Krimi\u201c? Antwort: Ein unpolitischer Krimi ist die handels\u00fcbliche Melange aus schlechtem Deutsch, Regionals\u00fclz und Befindlichkeitsprosa und Wer wars. Ein politischer Krimi ist also&#8230;.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nein, so geht das nicht. Ich schaue mir der Stapel gelesener B\u00fccher der letzten Wochen an. In \u201eStadt der Spitzel\u201c von Hans Helmich werden die Hausbesetzerszene und die Rank\u00fcne des Privatfernsehens thematisiert. Mechtild Borrmanns \u201eWer das Schweigen bricht\u201c greift zur\u00fcck in die Nazizeit. Dominique Manotti entlarvt den \u201eRoten Glamour\u201c in franz\u00f6sischen Regierungs- und Polizeikreisen. Ingrid Strobls \u201eEndstation Nippes\u201c erz\u00e4hlt von Pflegeeltern und Kindesmissbrauch. Didier Decoin beschreibt in \u201eDer Tod der Kitty Genovese\u201c unter anderem das Funktionieren von Medien und die Gleichg\u00fcltigkeit der Menschen. All das ist auf irgend eine Weise politisch, weil es die Wirklichkeit nicht als die Kulisse des Verbrechens zurechtschneidet, sondern als ihre Quelle identifiziert. Das Pr\u00e4dikat \u201ePolitkrimi\u201c w\u00fcrde man dennoch nur Manotti anheften.<\/p>\n\n\n\n<p>Ortsbesichtigungen. M\u00fcssen uns politische Krimis zwangsl\u00e4ufig in die Hinterzimmer der Macht f\u00fchren \u2013 oder gen\u00fcgt es, die Nase in die Allt\u00e4glichkeit dieser Gesellschaft zu halten, um das mehr oder weniger aufdringliche Parf\u00fcm des Politischen zu riechen? Stimmt die alte Behauptung von der Privatheit des Politischen auch in der Kriminalliteratur oder bedarf es zumindest der Staatsintrige, der Korruption, des Machtmissbrauchs? Wer darf eigentlich politische Kriminalliteratur schreiben, nur Wei\u00dfrussen, Chinesen, Nordkoreaner und Kubaner? Sind \u201epolitische Krimis\u201c von Autoren aus rechtsstaatlich soliden Demokratien per se billige Panikmache oder Nestbeschmutzung? Wie soll man schreiben, deskriptiv aufkl\u00e4rerisch oder engagiert kritisch? Ist am Ende nur true crime politisch?<\/p>\n\n\n\n<p>So geht das, wenn man sich Fragen stellt. Man sch\u00fcttelt sie ein wenig und gleich fallen neue Fragen herab. Eine Sache indes scheint mir klar zu sein: Wenn wir politische Krimis lesen, dann lesen wir \u00fcber uns selbst. Wir sind nicht nur Zuschauer eines Spiels, das \u00fcber unseren K\u00f6pfen mit uns als den Bespielten veranstaltet wird, wir sind nicht nur Objekte, nein, wir sind auch handelnde Subjekte in diesen Geschichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Krimi entsteht. Vorige Woche war es wohl, dass im Dritten Programm eine Reportage \u00fcber einen gro\u00dfen Kaffeer\u00f6ster zu sehen war, der seinen Hauptumsatz inzwischen mit Produkten jenseits der schwarzen Br\u00fche macht. Mit diesen Produkten selbst war soweit alles in Ordnung. \u00d6kologisch unbedenklich, keine dubiosen Chemikalien. Aber der Kaffee. Der kommt vorwiegend aus Guatemala und wird unter anderem von Kindern gepfl\u00fcckt, was die Gesch\u00e4ftsleitung des Kaffeer\u00f6sters zwar wacker leugnete, aber irgend wann so wacker denn doch nicht mehr. Man sah achtj\u00e4hrige M\u00e4dchen, die nicht zur Schule gingen, weil sie zum Familieneinkommen beitragen hatten. Gleichaltrige Jungs schleppten 50-Kilo-S\u00e4cke bergab, die sie an einem Stirnband befestigt krummr\u00fcckig schleppten, dann abnahmen, schnauften, um mit umgerechnet 3 Euro Tageseinnahme (f\u00fcr die ganze schuftende Familie!) davon zu schleichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist kein Krimi, das ist die Wirklichkeit. Wenn ich daraus einen Krimi mache \u2013 jemand wird ermordet, jemand kl\u00e4rt auf \u2013 dann ist es immer noch die Wirklichkeit, aber stark in den Grenzen des Genres trivialisiert, das unfassbar Allgemeine auf das Konkrete des Erz\u00e4hlten heruntergebrochen. Ihr Konsumberater meint: Menschen, die diesen Krimi lesen, trinken auch weniger Kaffee. Oder mit mehr Schuldgef\u00fchlen oder vor\u00fcbergehend oder beides, ja, wahrscheinlich beides. Aber sie haben nur deshalb gelesen, weil man es ihnen als Krimi verpackt hat, und ich wei\u00df nicht, ob ich dar\u00fcber jubeln soll oder doch lieber kotzen, wenn ich mir die Krimimimi bei der Lekt\u00fcre eines solchen Krimis vorstelle.<\/p>\n\n\n\n<p>Das w\u00e4re vielleicht ein praktikabler und vielversprechender Ansatz: Politische Krimis vermitteln uns Dinge, die uns eigentlich nicht interessieren, weil wir nichts davon h\u00f6ren wollen, weil wir ihnen ohnm\u00e4chtig ausgeliefert zu sein glauben. Nachteil: Sie sind eben Krimis und damit das, was Krimis nun einmal sind: Bed\u00fcrfnisbefriediger, Lesefutter, Zeitvertreiber, Nervenkitzler, Fluchtfahrzeug, Katalysator, Beruhigungs- und Schmerztablette, Mediator, emotionaler Sturm im Wasserglas. Kriminalliteratur, Trivialliteratur. Es gibt dazu keinen Gegenentwurf, es gibt Erg\u00e4nzungen, Anreicherungen, Modifikationen, Verkleidungen, Camouflage, der Kern jedoch bleibt das Entertainment, die schicke Schau, das Zelebrieren von Mord &amp; Totschlag mit Kaufmanns-\u201eund\u201c, eine l\u00e4ngst industrialisierte Form von Zerstreuung, als \u201eLesen\u201c mit kulturellem Bonus, solange sie lesen, und seien es nur Krimis, verbl\u00f6den sie uns nicht ganz vor den Fernsehger\u00e4ten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das sind nur Behauptungen. Um zu erkennen, was sich dahinter verbirgt, wollen wir in loser Folge diesen Begriff der \u201epolitischen Kriminalliteratur\u201c etwas genauer unter die Lupe nehmen. Wir? Das sind zun\u00e4chst Else Laudan, Verlegerin der Ariadne-Krimis im Argument Verlag und meine Wenigkeit, wir, das seid aber auch IHR. Kommentare, Einw\u00fcrfe, l\u00e4ngere Beitr\u00e4ge, alles ist willkommen, alles wird diskutiert. Von mir ist eine kleine \u201eGeschichte der politischen Kriminalliteratur an markanten Beispielen\u201c zu erwarten, ein Streifzug durch das \u201eSubgenre\u201c, von 1862 bis heute, von J.D.H. Temme bis Dominique Manotti. Ob wir am Ende wissen, was das ist, ein \u201epolitischer Krimi\u201c? Warum es ihn geben muss oder nicht, warum es den Anschein hat, als erlebe er eine Renaissance, warum sich schon die ersten abwehrenden Stimmen zu Wort melden, die uns Krimi als den Ausdruck einer archaisch-mythologischen Lust auf Gewalt verkaufen wollen. Das werden wir sehen. Aus keinem anderen Grund veranstalten wir das hier.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frage: Was ist ein \u201epolitischer Krimi\u201c? Gegenfrage: Was ist ein \u201eunpolitischer Krimi\u201c? Antwort: Ein unpolitischer Krimi ist die handels\u00fcbliche Melange aus schlechtem Deutsch, Regionals\u00fclz und Befindlichkeitsprosa und Wer wars. Ein politischer Krimi ist also&#8230;.<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-21518","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21518","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21518"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21518\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21518"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21518"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21518"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}