{"id":21520,"date":"2011-04-18T11:38:35","date_gmt":"2011-04-18T11:38:35","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/04\/ein-politischer-krimi-von-1862\/"},"modified":"2022-06-07T00:12:05","modified_gmt":"2022-06-06T22:12:05","slug":"ein-politischer-krimi-von-1862","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/04\/ein-politischer-krimi-von-1862\/","title":{"rendered":"Ein politischer Krimi von 1862"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"307\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/temme.jpg\" alt=\"temme.jpg\"\/> \u00dcber die Vorz\u00fcge des Kriminalschriftstellers Joducus Donatus Hubertus Temme habe ich hier und anderswo schon genug gesagt. Dass er war, was es nach den Vertretern der Schundtheorie gar nicht geben d\u00fcrfte, ein politischer Kriminalautor n\u00e4mlich, erschlie\u00dft sich schon aus seiner Biografie. Der Jurist Temme, u.a. Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung, engagierte sich in der Revolution von 1848\/49, wurde mehrfach inhaftiert und seines Richteramts mitsamt der Pensionsberechtigung beraubt, fl\u00fcchtete schlie\u00dflich nach Z\u00fcrich, wo er seine vielk\u00f6pfige Familie durch das Schreiben von Kriminalromanen und \u2013erz\u00e4hlungen (letztere vor allem f\u00fcr \u201eDie Gartenlaube\u201c) ern\u00e4hrte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es war indes mehr als schn\u00f6de Brotarbeit, die Temme hier ablieferte (von einigen hastig hingeschriebenen Geschichten abgesehen, die wir ihm gerne verzeihen). In seinem sachlichen, niemals zu dekorativer literarischer Innenarchitektur degradierten Stil entwarf er eine Vision von \u201eRecht\u201c, deren Bedeutung er von der staatlichen bis zur privaten Ebene skizzierte, wobei nicht ausbleiben konnte, dass er die traurige Wirklichkeit mitbeschrieb. Dies geschieht zwar vorwiegend in den Form von \u201eKrimi\u201c, wie er seit Mitte des 19. Jahrhunderts aufbl\u00fcht, aber wenigstens einmal auch als \u201etrue crime\u201c in \u201eDer Studentenmord in Z\u00fcrich\u201c (1872). Ein Student, ganz offensichtlich Spitzel in Diensten deutscher F\u00fcrsten, wird ermordet, Temme recherchiert in den Kreisen der politischen Emigranten und liefert dabei ein facettenreiches Bild dieses Milieus. Es ist eine Dokumentation \u201enach Aktenlage\u201c, nicht im Stile des Genres dramatisiert, sondern vorsichtig aus den Fakten gezogen und mit juristischer Akkuratesse aufbereitet. So verwundert es nicht, dass am Ende nicht \u201edie Aufl\u00f6sung\u201c steht, lediglich eine angedeutete Mutma\u00dfung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie politisch brisant solche Arbeiten waren, erkennt man schon daran, dass sich Temme beinahe f\u00fcr den Rest seines Lebens (er starb 1881 in Z\u00fcrich, in das er nach einem kurzen Intermezzo in Tilsit zur\u00fcckgekehrt war) den Schikanen der preu\u00dfischen Zensur ausgesetzt sah. Deren Vorgehen war subtil: <em>&#8222;Das Verbot erfolgte an die Leihbibliotheken unter Vermeidung der \u00d6ffentlichkeit. Den Inhabern von Leihbibliotheken wurde einfach durch einen Polizeibeamten angesagt, da\u00df sie bei Vermeidung der Entziehung ihrer Konzession die Romane nicht auszuleihen h\u00e4tten; dieselbe Strafe wurde ihnen angedroht, wenn sie das Verbot weiter mittheilen w\u00fcrden.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Text, den wir etwas genauer unter die Lupe nehmen wollen, ist eine l\u00e4ngere Erz\u00e4hlung, die 1862 erstmals in vier Lieferungen in der \u201eGartenlaube\u201c erschien. Sie hei\u00dft \u201eDer Amnestirte\u201c und rankt sich um die Ereignisse der \u201eBadischen Revolution\u201c von 1848\/49, als sich hier zwischen Karlsruhe und Bodensee die versprengten Reste des deutschen Aufstandes sammelten, f\u00fcr eine Zeitlang die Macht \u00fcbernehmen konnten, bevor sie eine Koalition unter preu\u00dfischer F\u00fchrung blutig und mit brutalster Gewalt (es kam auch zu Massenexekutionen) zerschlug.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Ich-Erz\u00e4hler, leicht erkennbar nach dem biografischen Vorbild des Autors erschaffen, bereist die Bodenseegegend. Am Kloster des Ortes Diessenhofen, das er in einem Nachen passiert, erz\u00e4hlt ihm der F\u00e4hrmann die Geschichte eines verwundeten badischen Offiziers, der bei einem Fluchtversuch auf die Schweizer Seite von preu\u00dfischen H\u00e4schern verfolgt wurde und sich nur mit knapper Not und der Hilfe einer jungen Nonne in Sicherheit bringen konnte. Aus der Beschreibung des F\u00e4hrmanns glaubt der Erz\u00e4hler einen fl\u00fcchtigen Z\u00fcrcher Bekannten zu erkennen, den stillen und zur\u00fcckhaltenden Alexander Roth, ebenfalls ein Fl\u00fcchtling und gewesener Offizier. Einmal neugierig geworden, forscht der Erz\u00e4hler weiter und erf\u00e4hrt die ganze tragische Geschichte des Soldaten und der Nonne. Beide mussten sich von fr\u00fcher her kennen, sie pflegte ihn aufopfernd gesund, sie liebten sich augenscheinlich, doch dann verschwand die Nonne, selbst als \u201eentsprungen\u201c gesucht, Roth emigrierte in die Schweiz.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck in Z\u00fcrich, kommt es zu einer Unterredung mit Roth, die weitere Details der Beziehung zu der Nonne preisgibt. Eigentlich von Adel, war Roth auf der Seite der Aufst\u00e4ndischen in Bedr\u00e4ngnis geraten und geflohen. Seine Flucht f\u00fchrte ihn zum Schloss eines Bekannten, \u00fcber den es hei\u00dft: <em>\u201eEs war die Wohnung eines Freundes, der zur Partei der entschiedensten, der heftigsten Reaction geh\u00f6rte. Er war mein erkl\u00e4rtester, erbittertester politischer Widersacher. Aber er war zugleich der stolzeste und der unbeugsamste Charakter, und nie habe ich einen Mann kennen gelernt, der eifers\u00fcchtiger auf seine Ehre vor den Menschen, vor der Welt war. Der untadelhafteste Edelmann zu sein, an dessen Namen und Ruf auch nicht das kleinste Fleckchen geh\u00e4ngt werden k\u00f6nne, das war ihm Alles, daf\u00fcr h\u00e4tte er sein Leben als ein Nichts hingegeben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Doch Roth erscheint zum denkbar ung\u00fcnstigsten Zeitpunkt. Die Frau seines Freundes ist gerade verstorben, in seinen Diensten als Gesellschafterin steht auch Ida, die Jugendfreundin des Offiziers. Es beginnt nun eine b\u00f6sartige Intrige zu Ungunsten der jungen Frau, sie wird verhaftet, doch ihr gelingt die Flucht ins Kloster, wo sich ihre und Roths Wege wieder kreuzen. Hinter der Intrige steckt kein anderer als der so ehrenhafte Edelmann, der auf Ida eigene Schuld abw\u00e4lzt. Erst nach einer Amnestie 1862 macht sich Roth auf die Suche nach der Geliebten, doch als er sie endlich findet, ist es zu sp\u00e4t. Was ihm einzig verbleibt, ist die Rache an seinem \u201eFreund\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Erz\u00e4hlung, die sowohl ihrem Aufbau als auch ihrer Sprache nach als Schulungsmaterial f\u00fcr junge AutorInnen taugt, ist gleichzeitig ein Paradest\u00fcck von \u201epolitischem Krimi\u201c, in dem sich ein gesellschaftliches Anliegen nicht unter dem M\u00e4ntelchen einer melodramatischen und durchaus auch trivialen Liebesgeschichte verbirgt, um als geheime Botschaft in die Gehirne argloser Spa\u00dfleserschaft zu wandern, sondern wo dieses Unterhaltende mit der politischen Essenz untrennbar eins wird, das Private und das Politische sich durchdringen, einander bedingen und vorantreiben. Es geht um Recht und Ehre, beides fragw\u00fcrdige Begriffe, die Temme mit kaltem Wortskalpell seziert. Sie gelten nur innerhalb des gehobenen Standes, wo das Herkommen selbst \u00fcber politische Feindschaften hinwegsieht, sie werden obsolet, wenn Vertreter unterer Klassen ins Spiel kommen, wie die Geschichte des zugleich ehrenvollen wie ehrlosen Schlossherrn zeigt. F\u00fcr ein liberales und demokratisches Recht ist in dieser Welt kein Platz, Schuld und S\u00fchne f\u00fchren auf morschem rechtlichen Fundament in die Ausweglosigkeit. Am Ende sind es wieder die \u00fcberkommenen Standesregeln, die f\u00fcr \u201eGerechtigkeit\u201c sorgen, es kommt zum Duell.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen dem Politisch-Analytischen und dem trivialen Melodramatischen fungiert der Mordfall als das entscheidende Scharnier, das die unaufl\u00f6sliche Bindung garantiert. Zum einen Motor der Spannung, zum anderen der \u00dcbersetzer des abstrakten Begriffs von \u201ePolitik\u201c in die Sprache des einzelnen Individuums. Die Aufgabe des \u201eGenres\u201c ist also eine zweifache, es bringt den Text zum Leser und versorgt ihn mit dem erwarteten Zeitvertreib, es schafft aber gleichzeitig auch die notwendige Basis, mehr oder weniger theoretische Informationen in Konkretes zu verwandeln, die Fallh\u00f6he zwischen beiden Ebenen nachzuzeichnen und die innige Korrespondenz, denen das Verh\u00e4ltnis von Politischem und Privatem ausgesetzt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEin Amnestirter\u201c kommt wie eine Blaupause dessen daher, was den gelungenen \u201epolitischen Krimi\u201c in seiner Entwicklung auszeichnen wird. Wir wollen das in der n\u00e4chsten Folge in einer vergleichenden Analyse mit einem Werk weiter ausf\u00fchren, das mehr als 100 Jahre nach Temmes Erz\u00e4hlung entstand und heute gemeinhin als ein H\u00f6hepunkt der Verbindung von politischem Engagement, ja, Agitation und trivialer Unterhaltung gilt: die Martin-Beck-Romane von Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEin Amnestirter\u201c ist enthalten in:<br \/>J.D.H. Temme: In einer Brautnacht. Criminalerz\u00e4hlungen 1860 ff (= Criminalbibliothek 1850 \u2013 1933, Band III, herausgegeben von Dieter Paul Rudolph). Edition K\u00f6ln 2009<\/p>\n\n\n\n<p>Informationen zu Temme und Faksimiles einige seiner Werke findet man \u2192<a href=\"http:\/\/alte-krimis.de\/autoren_temme.htm\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die Vorz\u00fcge des Kriminalschriftstellers Joducus Donatus Hubertus Temme habe ich hier und anderswo schon genug gesagt. 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