{"id":21522,"date":"2009-03-02T08:35:37","date_gmt":"2009-03-02T08:35:37","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/03\/dont-look-back\/"},"modified":"2023-09-20T01:05:30","modified_gmt":"2023-09-19T23:05:30","slug":"dont-look-back","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/03\/dont-look-back\/","title":{"rendered":"Don&#8217;t look back"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Ich habe mich dagegen gestr\u00e4ubt. Jeden Werktag um 17 Uhr 40, als eine Hand zur Fernbedienung greifen wollte, die ihr dann die andere, vern\u00fcnftigere im letzten Moment entwand. Typischer Fall von gespaltener Pers\u00f6nlichkeit. Wem zu verdanken? ARTE.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>ARTE n\u00e4mlich wiederholt seit geraumer Zeit &#8222;The Avengers&#8220;, jene Serie, die hierzulande als &#8222;Mit Schirm, Charme und Melone&#8220; l\u00e4ngst legend\u00e4r geworden ist. John Steed und Emma Peel, very british, Ironie und Sex, Verschrobenheit und die Serienmuster der Sechziger, verr\u00fcckte Wissenschaftler z\u00fcchten denkende Pflanzen, sinistre Geheimdienstler werden per Tanzkurs nach England eingeschleust, M\u00f6rder gehen senkrecht die W\u00e4nde hoch. Aber vor allem: Emma Peel. Lederhaut und Minirock, Kampfsport und unterk\u00fchlter Humor. Irgendwie Modesty Blaise (die weichgesp\u00fclte Version), keinesfalls mit dem aktuellen schwedischen Verschnitt aus Herrn Larssons B\u00fcchern zu verwechseln, das hat Emma nicht verdient.<\/p>\n\n\n\n<p>Emma. Einen ung\u00fcnstigeren Zeitpunkt, ihr \u00fcber den Weg zu laufen, h\u00e4tte es gar nicht geben k\u00f6nnen. Man stakste durchs Niemandsland zwischen Noch-Kindlichkeit und Fast-Pubert\u00e4t, erg\u00f6tzte sich an der Kampfmaschine Emma und sp\u00fcrte doch schon bauchkribbelnd die glorreiche Zukunft des Sexsymbols Emma. Kurzum: Ich war schwer verliebt in sie respektive ihre Darstellerin Diana Rigg, ohne zu wissen, warum.<\/p>\n\n\n\n<p>Das hatte Auswirkungen auf den Blick, mit dem man die Episoden der Serie betrachtete. Es war irgendwie witzig, irgendwie skurril, es gab Action und, heute wei\u00df mans, die immergleiche Seriendramaturgie. Ja, heute wei\u00df mans. Und das ist der Punkt. Was w\u00fcrde passieren, s\u00e4he man die Serie nun mit den Augen eines Erwachsenen? Meine Bedenken habe ich vor kurzem bei \u2192<a href=\"http:\/\/filmblog.stuttgarter-zeitung.de\/?p=782\">Thomas Klingenmaier<\/a> kundgetan: Sich retrospektiv mit den Comic- und Fernsehhelden seiner Jugend zu besch\u00e4ftigen, ist im g\u00fcnstigsten Falle milde nostalgisch, im ung\u00fcnstigsten brutal ern\u00fcchternd. Also sollte man es lassen. Also sollte man es lassen? Leicht gesagt. Die eine, die unvern\u00fcnftige Hand, siehe oben, war am Ende doch st\u00e4rker; und so schaue ich, wenn es meine Zeit erlaubt, eben die alten Avengers-Folgen noch einmal und versuche zu begreifen, warum \u2013 ja, was eigentlich? Warum sie mir immer noch gefallen?<\/p>\n\n\n\n<p>Denn das ist die \u00dcberraschung: Ich kann mich auch vier Jahrzehnte sp\u00e4ter noch immer an diesen Filmchen erfreuen, trotzdem nicht zu \u00fcbersehen ist, wie sehr sie dem gesunden Menschenverstand eine lange Nase drehen. Nun ist das nat\u00fcrlich kein Kriterium. Die Serie hatte nie etwas mit gesundem Menschenverstand und seiner Logik zu tun, genau das war ja ihre St\u00e4rke. Aber manchmal jault man dennoch auf, wenn es allzu kn\u00fcppeldick auf einen niederprasselt. Nehmen wir als Beispiel die Folge &#8222;Das 13. Loch&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Emma Peel und John Steed werden mit dem Tod eines Agenten konfrontiert. Sie finden sehr schnell (eine Folge dauert ja nur 50 Minuten!) heraus, dass sich der Ermordete bevorzugt auf einem Golfplatz herumtrieb. Eigentlich h\u00e4tte er &#8222;Wissenschaftler&#8220; \u00fcberwachen sollen (warum eigentlich, wird nicht n\u00e4her erl\u00e4utert). Die beiden Helden schleichen sich als neue Mitglieder in den Golfclub ein und stellen (wieder verdammt schnell) fest, dass einer der Wissenschaftler zweimal t\u00e4glich zu festgelegten Zeiten mit einem Techniker auf dem Platz golft, morgens um 11 und mittags um 15 Uhr. Und immer verschwinden sie am 13. Loch&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Wie es sich f\u00fcr einen guten Krimi geh\u00f6rt, lernen wir in der Folge eine Reihe h\u00f6chst verd\u00e4chtiger Personen kennen, von denen einer \u2013 nat\u00fcrlich der unverd\u00e4chtigste \u2013 der omin\u00f6se &#8222;Chef&#8220; von etwas sein muss, \u00fcber das wir bis kurz vor Schluss flei\u00dfig zu r\u00e4tseln haben: den sinister-debilen Platzwart (und ausf\u00fchrenden Killer), einen alerten Golflehrer, einen Anf\u00e4nger auf dem Gr\u00fcn und ein reichlich geschw\u00e4tziges Mitglied des Clubs. Nachdem Steed und Peel bei ihren Recherchen allerlei Mordanschl\u00e4gen entgangen sind (f\u00fchrerlose Golfwagen, heimt\u00fcckisch aus dem Hinterhalt abgefeuerte Golfballkanonen, die wie Panzerf\u00e4uste aussehen, Sprengstoff im Zielloch), wird das Geheimnis rechtzeitig vor dem Showdown gel\u00fcftet. Unter dem 13. Loch gibt es einen Raum, in den der Wissenschaftler und der Techniker zweimal t\u00e4glich verschwinden, um mit einer &#8222;fremden Macht&#8220; (guess who) Kontakt aufzunehmen. Und zwar immer zu festgelegten Zeiten, denn das ist der Clou: In den pr\u00e4digitalen Zeiten ist ein solcher Livekontakt nur m\u00f6glich, indem man einen Weltraumsatelliten (mit eindeutig russischem Namen) anzapft. Um dies zu k\u00f6nnen, muss sich der Satellit direkt \u00fcber dem Golfgel\u00e4nde befinden, damit der Wissenschaftler auf direktem Wege seine Forschungsergebnisse dem Feind verklickern kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, und da h\u00f6rts eigentlich auf. So ein Bl\u00f6dsinn! Warum bauen die ihre Funk- und Fernsehzentrale ausgerechnet unter dem 13. Loch? Und m\u00fcssen sich einen abk\u00e4mpfen, stets zu genau festgelegten Uhrzeiten ihre Partie zu spielen? Ginge das auch nicht anderswo, in einem diskreten Keller vielleicht? Nein, nat\u00fcrlich nicht. Die Episode braucht das Ambiente des Golfclubs, so wie es manchmal das eines Heiratsinstitutes braucht oder einer Tanzschule, obwohl auch das h\u00f6chst unlogisch, weil viel zu auff\u00e4llig ist. Sei&#8217;s drum.<\/p>\n\n\n\n<p>Der vern\u00fcnftige Teil in mir hadert also mit der Logik von &#8222;The Avengers&#8220;. Der unvern\u00fcnftige aber fl\u00fcstert: Eh, macht doch nichts. Erz\u00e4hl mir blo\u00df nicht, du w\u00fcrdest dich f\u00fcr die F\u00e4lle, f\u00fcr die Action, f\u00fcr die Dramaturgie interessieren. Das ist tempi passati. Inzwischen hast du die Pubert\u00e4t \u2013 hoffentlich \u2013 halbwegs \u00fcberwunden, und wenn du dir die Filmchen anguckst, dann nur, um noch einmal zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob Emma Peel auch heute noch als Sexsymbol taugt. Und siehe: Sie tut es. Man ist immer noch ein wenig in sie verknallt, mag Diana Rigg inzwischen auch \u00fcber 70 sein und Emma Peel schon seit Jahrzehnten nicht mehr im Dienst. Denn sie war von Anfang an verheiratet, was man damals verdr\u00e4ngt hat. Bis in der letzten Folge ihr verschollen geglaubter Mann wieder auftauchte und MRS. Peel heim an den h\u00e4uslichen Herd eilte. Womit die Serie, munter fortgesetzt, eigentlich erledigt war.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fchle ich mich jetzt eines Zaubers meiner Jugend beraubt? Nein. Also kann ich mir auch die restlichen Folgen getrost ansehen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe mich dagegen gestr\u00e4ubt. Jeden Werktag um 17 Uhr 40, als eine Hand zur Fernbedienung greifen wollte, die ihr dann die andere, vern\u00fcnftigere im letzten Moment entwand. Typischer Fall von gespaltener Pers\u00f6nlichkeit. Wem zu verdanken? 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