{"id":21528,"date":"2011-07-31T10:31:53","date_gmt":"2011-07-31T10:31:53","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/07\/oslo-sichten-oslo-sehen\/"},"modified":"2022-06-13T01:03:13","modified_gmt":"2022-06-12T23:03:13","slug":"oslo-sichten-oslo-sehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/07\/oslo-sichten-oslo-sehen\/","title":{"rendered":"Oslo sichten, Oslo sehen"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"211\" height=\"300\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/asimov_sonne.jpeg\" alt=\"asimov_sonne.jpeg\"\/> In Isaac Asimovs Science-Fiction-Krimi \u201eDie nackte Sonne\u201c verschl\u00e4gt es den Protagonisten zur Aufkl\u00e4rung eines Mordfalles auf den fernen Planeten Solaria. Nur 20.000 Menschen, Nachkommen fr\u00fcher Auswanderer von der Erde, \u201eSpacer\u201c genannt, leben dort, weitab voneinander auf riesigen Anwesen, von Heerscharen willf\u00e4hriger Roboter versorgt und von der Angst besessen, einander zu begegnen, sich leibhaftig SEHEN zu m\u00fcssen. Ihre sozialen Bed\u00fcrfnisse befriedigen sie durch SICHTEN, dreidimensionale Projektionen, die die Illusion eines direkten Kontaktes garantieren, im Grunde aber nichts anderes sind als Fern-Sehen. Man ist da und doch weit weg. Der Ekel vor der Unmittelbarkeit des Sehens, die schaurige Vorstellung, verbrauchte Atemluft eines anderen menschlichen Wesens in die eigenen Lungen zu saugen, ist nicht angeboren, dieser Ekel wird anerzogen. Einzige Ausnahme: Ehepartner, doch auch hier nur unter Qualen, aus Gr\u00fcnden der Fortpflanzung indes unumg\u00e4nglich. Andererseits haben Solarier bei aller verqueren Sexualit\u00e4t kein Problem damit, beim Sichten nackt zu sein, wie unser Protagonist gleich zu Beginn seines Aufenthalts peinlichst ber\u00fchrt erfahren muss.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es f\u00e4llt mir leicht, diesen Aspekt von Asimovs Roman hier wiederzugeben, denn ich habe ihn gerade zur Vorbereitung meiner August-Kolumne auf der Krimicouch gelesen. In dieser Kolumne geht es um die Zusammenh\u00e4nge von Krimi und Science Fiction. Die aparteste \u2013 manche werden sagen: die steilste \u2013 These dieser Kolumne wird die sein, bei den Martin-Beck-Romanen des schwedischen Autorenpaares Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 handele es sich AUCH um Science Fiction, weil hier die negative Utopie einer Gesellschaft heraufbeschworen werde. Tja. Und dann kam Oslo, kam der Massenmord, kam der Zwang zur journalistischen \u201eSichtung\u201c, kam aus der Rumpelkammer des Gehirns die scheinbar zwanghafte Assoziation Verbrechen in Norwegen \u2013 Schwedenkrimi \u2013 wie h\u00e4ngt das zusammen? \u2013 kam \u2192<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/anschlaege-in-norwegen-die-heimsuchung-der-idyllen-1.1124494\">Thomas Steinfeld in der \u201eS\u00fcddeutschen\u201c <\/a>und schrieb u.a. dies:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eMan wird nicht sagen k\u00f6nnen, Dutzende, wenn nicht Hunderte von skandinavischen Kriminalschriftstellern h\u00e4tten geahnt, dass eine friedliche, sch\u00f6ne Welt und grenzenloser Schrecken zusammengeh\u00f6ren. Aber sie rechneten offenbar damit, in der Fantasie: Die pl\u00f6tzliche \u00dcberw\u00e4ltigung der heimatlichen Idylle durch das (wom\u00f6glich international vernetzte) Verbrechen geh\u00f6rt ebenso zum engsten Repertoire des nordischen Kriminalromans wie die unerh\u00f6rte Grausamkeit, mit der diese \u00dcberw\u00e4ltigung vollzogen wird\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Sein Text hei\u00dft \u201eHeimsuchung der Idyllen\u201c und eine inhaltliche Auseinandersetzung mit ihm ist eigentlich gar nicht m\u00f6glich, weil die ihn tragende krimispezifische Argumentation so haneb\u00fcchen unwissend daherkommt, dass man zum xten Mal an der Hybris des Feuilletons verzweifeln m\u00fcsste oder sagen wir es etwas positiver: An der Waghalsigkeit, mit der man sich ohne gr\u00f6\u00dfere Kenntnisse von dem, was man da in die Welt hinausschreit, so seine zeilenf\u00fcllenden Gedanken macht. Was es zu Steinfeld zu sagen gibt, hat \u2192<a href=\"http:\/\/krimiblog.de\/blog\/2011\/07\/26\/thomas-steinfeld-und-sein-ganz-schlechter-krimi\/\">Ludger Menke<\/a> gesagt, also Schwamm dr\u00fcber. Dennoch wollen wir uns die Schl\u00fcssels\u00e4tze seines Aufsatzes noch einmal zu Gem\u00fcte f\u00fchren, weil sie eben nicht nur auf Steinfeldschem Mist wachsen. Sie lauten: <em>\u201eSo kommt es, oder genauer: so kam es, dass gerade die friedlichsten Gesellschaften die blutigsten Kriminalromane hervorbrachte(n) (&#8230;) In der Fantasie werden die der Gemeinschaft sch\u00e4dlichen Elemente erkannt und wirkungslos gemacht. So gesehen, sind diese B\u00fccher immer auch Tr\u00e4ume von Erl\u00f6sung (&#8230;).\u201c <\/em> Denkt man sich jetzt noch das Schl\u00fcsselwort des \u201eIdylls\u201c dazu, wird aus dem Krimi das, was er f\u00fcr den Nichtkenner nun einmal ist: Eine Zufuhr eskapistisch gew\u00fcrzter Wortspeisen f\u00fcr von all dieser Idylle gelangweilte Menschen, ein neckisches Exorzieren des b\u00f6sen Einzelnen aus dem guten Allgemeinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch dieses \u201eIdyll\u201c, das hier beschworen wird, existiert lediglich in einer oberfl\u00e4chlichen medialen Vermittlung, man erinnere sich nur an das in aller Welt gepriesene Modell des schwedischen \u201eVolksheims\u201c, in dem eine Utopie sozial(demokratisch)er Gerechtigkeit und F\u00fcrsorge Realit\u00e4t geworden zu sein schien. Eine SICHTUNG, um es mit Asimov zu sagen, keineswegs ein SEHEN. Dann kamen Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 und SAHEN genauer hinter diese Projektion. Was sie in zehn Kriminalromanen zu erz\u00e4hlen hatten, demontierte das vorgebliche Idyll, aus f\u00fcrsorglichen Umarmungen wurden bevormundende und im Wortsinne atemberaubende Strangulierversuche, die alles organisierende, urspr\u00fcnglich philantropisch motivierte B\u00fcrokratiemaschine mutierte zum quasifaschistischen Moloch, das ach so liberale Individuum offenbarte engstirnige, reaktion\u00e4re Reflexe \u2013 ja, das war Science Fiction, es war die Hochrechnung erkennbarer Anfangssymptome zu k\u00fcnftigen Krankheiten, die sich heutzutage bequem auch in diesem unserem Lande besichtigen lassen, man setze f\u00fcr \u201eVolksheim\u201c nur \u201eAgenda 2010\u201c ein, diesen Freifahrschein f\u00fcr die Unterh\u00f6hlung von Arbeitnehmerrechten und die Stigmatisierung der Opfer ungez\u00fcgelter Profitmaximierung, man nehme sich einen dieser \u201esozial abgefederten\u201c Namenlosen und vergleiche ihn etwa mit dem Kindesm\u00f6rder in Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6s \u201eDer Mann auf dem Balkon\u201c, einem Fr\u00fchrentner in all seinem Elend und seiner Einsamkeit \u2013 man tue das und wird erkennen, dass hier nicht ein \u201eIdyll\u201c via Spannungsliteratur gereinigt werden sollte, man nichts \u201evorausahnte\u201c, sondern einfach Realit\u00e4ten mitteilte und auch, wie sie sich entwickeln MUSSTEN. Idyll? Keine Spur. Ahnung? Nein, logisches Weiterdenken. Eskapismus, gar pseudoreligi\u00f6se Katharsis? Mitnichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die unmittelbar nach dem Massenmord von der norwegischen Autorin \u2192<a href=\"http:\/\/www.npr.org\/2011\/07\/27\/138756602\/crime-writers-expose-scandinavias-dark-side\">Anne Holt<\/a> ausgesprochene Empfehlung, Politiker sollten doch Krimis lesen, diese seien schlie\u00dflich ein Spiegel, mag auf den ersten Blick logisch und vern\u00fcnftig klingen, ist jedoch auf den dringend notwendigen zweiten r\u00fchrend naiv (<em>&#8222;The only way to prevent this from happening in the future is to turn the mirror, look at ourselves and see what the hell happened,&#8220; says Holt&#8220;<\/em>). Denn Spiegel projizieren. Man SICHTET sich, aber man SIEHT sich nicht. Was also w\u00fcrde ein krimilesender Politiker sichten aus sich selbst in einer Welt, f\u00fcr die er mitverantwortlich ist, eine Welt, in der sich pl\u00f6tzlich \u201eAbgr\u00fcnde\u201c auftun und Mordgestalten ausspucken, die es zu bek\u00e4mpfen gilt, damit das gesichtete Bild von jener Makellosigkeit bleibt, die allem K\u00fcnstlichen anhaftet, das die Wirklichkeit nachzuahmen versucht. Wer also \u2013 und hier voltieren wir elegant zum \u201epolitischen Krimi\u201c \u2013 in einem Krimi ein Bild erwartet, bekommt genau das geliefert: eine Selbstbest\u00e4tigung. Die Romane von Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 indes sind alles andere als das. Sie warnen nicht vor Entwicklungen, sie warnen vor den Anf\u00e4ngen. Sie sichten keine \u201eApokalypse mit Killer\u201c, sie sehen eine Gegenwart als Massaker.<\/p>\n\n\n\n<p>In ihren besten Momenten besitzt (Kriminal-)Literatur die F\u00e4higkeit, sich vor sich selbst zu ekeln, was schon bei Asimov als Hauptargument gegen den unmittelbaren Kontakt mit seinesgleichen galt. Ein Krimi soll keine Bilder projizieren, keine Illusionen errichten, er soll im Gegenteil Bilder zertr\u00fcmmern, Illusionen zerst\u00f6ren, er soll Ekel erzeugen, nicht vor anderen, sondern vor uns selbst. Er ist in diesem Sinne Science Fiction, die Aussicht n\u00e4mlich auf das was geschieht, wenn der gutgemeinte Fortschritt unweigerlich aus dem Ruder l\u00e4uft. Er pendelt aus in die Zukunft \u2013 und pendelt sofort wieder zur\u00fcck in die Gegenwart. Nur dann kommunizieren wir wirklich, nicht mit einem Fremden, aber mit uns selbst \u2013 also doch mit einem Fremden.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Isaac Asimovs Science-Fiction-Krimi \u201eDie nackte Sonne\u201c verschl\u00e4gt es den Protagonisten zur Aufkl\u00e4rung eines Mordfalles auf den fernen Planeten Solaria. 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