{"id":21529,"date":"2009-03-05T07:53:35","date_gmt":"2009-03-05T07:53:35","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/03\/uta-maria-heim-das-rattenprinzip-wespennest\/"},"modified":"2022-06-18T03:02:49","modified_gmt":"2022-06-18T01:02:49","slug":"uta-maria-heim-das-rattenprinzip-wespennest","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/03\/uta-maria-heim-das-rattenprinzip-wespennest\/","title":{"rendered":"Uta-Maria Heim: Das Rattenprinzip \/ Wespennest"},"content":{"rendered":"\n<p>B\u00fccher, die einem als Fortsetzungen vorangegangener B\u00fccher angedroht werden, weil sie ohne die nicht zu verstehen seien, mag ich nicht. Grunds\u00e4tzlich. Ohne Ausnahme. Uta-Maria Heims &#8222;Wespennest&#8220; ist die Fortsetzung von &#8222;Das Rattenprinzip&#8220; (1991), das der Autorin den Deutschen Krimipreis 1992 beschert hat. &#8222;Wespennest&#8220; brilliert als eigenst\u00e4ndiges Werk. Um es aber in Vollendung zu &#8222;verstehen&#8220;, lese man &#8222;Das Rattenprinzip&#8220;. Vorher, nachher, ganz egal. Soviel zu meinen Grunds\u00e4tzen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>&#8222;Das Rattenprinzip&#8220;. Anfang der Neunziger kommt Udo Winterhalter, bisher Provinzjournalist, als Lokalchef zum Stuttgarter &#8222;Tagblatt&#8220;. Winterhalter ist ehrgeizig, der Kl\u00fcngel der Gro\u00dfstadt verwirrt ihn. Er ist mit Claudi liiert, der Tochter des &#8222;roten Karle&#8220;, einem kommunistischen Handwerker, den der ideologische Niedergang im Osten schwer gebeutelt hat. Auch mit &#8222;Ossi&#8220; Oswald ist er befreundet, einem leicht dubiosen Polizeibeamten. Mehr oder weniger zuf\u00e4llig kommt Winterhalter einer Bestechungs- und Manipulationsgeschichte auf die Spur, in deren Mittelpunkt die &#8222;Schw\u00e4bischen Motoren-Werke&#8220; stehen. Sie &#8222;sponsern&#8220; ein Kulturmagazin sowie weitere Institutionen des intellektuellen Lebens, das &#8222;Literarische Zentrum&#8220; etwa, dessen Leiterin, die aparte Schweizerin Brigitte Heckmann, Winterhalter auf amour\u00f6se Abwege lockt. Dahinter steckt nat\u00fcrlich wirtschaftliches Kalk\u00fcl, bei dem auch das &#8222;Tagblatt&#8220; seine schmutzige Rolle spielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie es sich f\u00fcr einen Krimi geh\u00f6rt, kommen etliche Menschen zu Tode. Der Journalist Leif G\u00f6tzburg rast mit seinem Wagen ungebremst gegen eine Hauswand und verbrennt. Ein junges M\u00e4dchen wird erstochen, und irgendwann erwischt es auch die Heckmann und ganz am Schluss den naseweisen Dackel.<\/p>\n\n\n\n<p>Erz\u00e4hlt wird uns diese Geschichte in schnellen Schnitten aus vielen Perspektiven, sprachlich mit stilistischer Flexibilit\u00e4t und b\u00f6sem, pointiertem Witz. Seine achtzehn J\u00e4hrchen merkt man dem &#8222;Rattenprinzip&#8220; also nicht an, es ist im besten Sinne zeitlos. St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck werden die Elemente einer typischen Provinzschweinerei angekarrt, bei der sich Gro\u00dfindustrie und Kultur, Journaille und Schickimicki bezwecks Geld- und Machtvermehrung auf das Innigste verschwistern. Ein \u00fcberschaubares Szenario also \u2013 nein, nicht ganz. Denn das Netz, das Heim hier auswirft, ist nicht so fest gekn\u00fcpft, wie es manch ein Krimifan gerne h\u00e4tte. Am Ende baumeln lose F\u00e4den, und einen davon nimmt Uta-Maria Heim im &#8222;Wespennest&#8220; wieder auf, zieht daran \u2013 und siehe, es entsteht ein neues Netz, eins \u00e0 la 2009.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wespennest&#8220;. 2008, immer noch in Stuttgart. &#8222;Ossi&#8220; Oswald, im &#8222;Rattenprinzip&#8220; noch Polizist und Verfassungssch\u00fctzer, sp\u00e4ter schwerkranker Fr\u00fchrentner, ist ermordet worden. Just dort, wo einstens Leif G\u00f6tzburg unliebsame Bekanntschaft mit einer Hauswand machte. Gibt es einen Zusammenhang? Winterhalter, im &#8222;Rattenprinzip&#8220; f\u00fcrs Ermitteln zust\u00e4ndig, ist inzwischen Erfolgsautor, wenn auch eher zwielichtiger Art. Am &#8222;roten Karle&#8220; nagt noch immer der Zusammenbruch des Kommunismus, einen Schlaganfall hat er auch gehabt, Claudi lebt als verheiratete Ehefrau und Mutter im Gutb\u00fcrgerlichen, weitere Protagonisten d\u00e4mmern in Senioren-Wohngemeinschaften mehr oder weniger vision\u00e4r vor sich hin. Die Polizisten Anita Wolkenstein und Timo Fehrle nehmen sich des Falles an.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie schon im &#8222;Rattenprinzip&#8220; kommen sie diversen Provinzintrigen auf die Spur, doch die Autorin, angetreten, ihren 1991er Roman &#8222;vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe&#8220; zu stellen, hat etwas ganz anderes im Sinn und missg\u00f6nnt uns den kleinen Sieg \u00fcber die Un\u00fcbersichtlichkeit, den Trost des &#8222;Jetzt wissen wir, was da gespielt wurde&#8220;. Sie wirft alles, wirklich alles in einen gro\u00dfen Topf und r\u00fchrt: Altnazis und Stasi, Wirtschaftsbosse und Verfassungsschutz, den gro\u00dfen und den kleinen Terrorismus, ja, sogar das Reale mit dem Irrealen, die blanken Fakten mit den Mythen. Was geschah damals, 1977, wirklich in Stammheim? Haben Ensslin, Baader und Raspe tats\u00e4chlich Selbstmord begangen? Totgeglaubte tauchen auf. Irgendwo auf Kuba oder im Haushalt Claudis, wo die im &#8222;Rattenprinzip&#8220; ermordete Brigitte Heckmann inzwischen als Katze lebt und das gro\u00dfe Vergn\u00fcgen hat, das Hirn ihres Exliebhabers aufzulecken, bevor sie erschossen wird, um als Wespe wiedergeboren zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Huch? Darf man das? Wird hier nicht etwas, statt vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe, vom Kopf in den Wirrkopf gestellt? Keineswegs. Denn: 2008. Alles h\u00e4ngt zusammen, Globalisierung. Es geschehen Dinge, die man niemals f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte, Verbindungen zwischen dem Unvereinbaren offenbaren sich, \u00dcbersichtlichkeit ist zum Synonym f\u00fcr Naivit\u00e4t geworden. Die Ratten feiern den Sieg \u2013 und keiner schaut hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja doch: Mit &#8222;Wespennest&#8220; ist Uta-Maria Heim ein verdammt realistischer Kriminalroman gelungen, mindestens so brillant geschrieben wie &#8222;Das Rattenprinzip&#8220;, aber eben auf dem aktuellen Stand der Dinge, in seiner Nichtplausibilit\u00e4t h\u00f6chst plausibel, ein Stimmenwirrwarr, als h\u00e4tte sie einfach in die verr\u00fcckte Welt hineingeh\u00f6rt \u2013 hat sie sicher -, es ist das Ende der guten alten Ratio, und auch hier mit gen\u00fcgend baumelnden F\u00e4den, die uns auf eine Fortsetzung hoffen lassen. Irgendwann, gleicher Ort, wieder mit dem Beweis, dass engagierte Kriminalliteratur nicht nur gut gemeint, sondern auch verdammt gut geschrieben sein kann. Hoffentlich dauert es nicht weitere 18 Jahre. 2009 jedenfalls werden es die Kolleginnen und Kollegen schwer haben, &#8222;Wespennest&#8220; auch nur zu erreichen. Versuchen sollten sie es aber, kann der deutschen Kriminalliteratur nicht schaden.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Uta-Maria Heim: Wespennest. Der Sieg des Rattenprinzips. <br \/>Gmeiner 2009. 279 Seiten. 9,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Uta-Maria Heim: Das Rattenprinzip. Gmeiner 2008 <br \/>(EA: Rowohlt 1991). 231 Seiten. 9,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>B\u00fccher, die einem als Fortsetzungen vorangegangener B\u00fccher angedroht werden, weil sie ohne die nicht zu verstehen seien, mag ich nicht. Grunds\u00e4tzlich. Ohne Ausnahme. Uta-Maria Heims &#8222;Wespennest&#8220; ist die Fortsetzung von &#8222;Das Rattenprinzip&#8220; (1991), das der Autorin den Deutschen Krimipreis 1992 beschert hat. &#8222;Wespennest&#8220; brilliert als eigenst\u00e4ndiges Werk. 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