{"id":21532,"date":"2011-04-20T09:40:58","date_gmt":"2011-04-20T09:40:58","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/04\/didier-decoin-der-tod-der-kitty-genovese\/"},"modified":"2022-06-18T02:39:35","modified_gmt":"2022-06-18T00:39:35","slug":"didier-decoin-der-tod-der-kitty-genovese","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/04\/didier-decoin-der-tod-der-kitty-genovese\/","title":{"rendered":"Didier Decoin: Der Tod der Kitty Genovese"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"334\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/decoin.jpg\" alt=\"decoin.jpg\"\/> Wir brauchen das. Etwas, auf das wir zeigen, etwas, \u00fcber das wir uns emp\u00f6ren k\u00f6nnen. Der Tod von Kitty Genovese, 28 Jahre alt und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin einer Bar, war so ein Ereignis. Ihre Ermordung am 13. M\u00e4rz 1964 haben jetzt gleich zwei Autoren rekonstruiert, Ryan David Jahn in \u201eEin Akt der Gewalt\u201c sowie Didier Decoin mit \u201eDer Tod der Kitty Genovese\u201c. Ein ber\u00fchmter, immer wieder f\u00fcr moralisches Sichereifern geeigneter Fall, der den Begriff des \u201eBystander-Effekts\u201c pr\u00e4gte, die Passivit\u00e4t zuf\u00e4lliger Tatzeugen angesichts eines vor ihren Augen und Ohren ver\u00fcbten Verbrechens.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>In der Nacht des 13. M\u00e4rz, kurz nach drei Uhr morgens, wird Kitty Genovese, die gerade von der Arbeit kommt, ein Opfer des M\u00f6rders und Vergewaltigers Winston Moseley. Der, im allt\u00e4glichen Leben ein treusorgender Familienvater und unauff\u00e4lliger Angestellter, sticht Kitty auf offener Stra\u00dfe vor ihrem Haus nieder, l\u00e4sst sich durch die ver\u00e4rgerte Reaktion eines aus dem Schlaf gerissenen Anwohners nur kurz irritieren, folgt der gefl\u00fcchteten Kitty und ermordet sie im Flur ihres Hauses, bevor er sich an der Leiche vergeht. Die ganze Zeit \u00fcber gibt es Augen- und Ohrenzeugen, 38 wenigstens, Bewohner eines gegen\u00fcberliegenden Appartementhauses vor allem. Sie tun nichts. Greifen nicht ein, rufen nicht die Polizei. H\u00e4tten sie es getan, Kitty Genovese w\u00e4re wohl noch zu retten gewesen. Der Fall sorgt f\u00fcr Schlagzeilen, nicht nur wegen der plakativen Gef\u00fchlsk\u00e4lte des T\u00e4ters, vor allem die Nicht-Reaktionen der Zeugen emp\u00f6ren ein ganzes Land. Zur Rechenschaft, wie von vielen gefordert, wird keiner von ihnen gezogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Decoin erz\u00e4hlt die Ereignisse aus der Sicht eines \u00e4lteren Schriftstellers und begeisterten Anglers, selbst Bewohner des Hauses der stummgebliebenen Zeugen, zur Tatzeit jedoch abwesend und daher \u201eunschuldig\u201c. Eine clevere Strategie, denn \u00fcber diese Konstellation gelingt es Decoin, den \u201eBystander-Effekt\u201c um einen anderen, notwendigen zu erg\u00e4nzen, nennen wir ihn burschikos den \u201eMoralapostel-Effekt\u201c. 38 Personen haben sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig gemacht. Auch diese Zahl bezweifelt Decoin, sie ist jedoch auch unwichtig. Viel bedeutender wird die Rezeption der Ereignisse, ihre mediale Hyperventilierung und die allerorten aufbrausende Emp\u00f6rung. Dabei geh\u00f6rt es zum Basiswissen der Massenpsychologie, dass der Einzelne, sobald er in der Menge auftritt, ein Teil von ihr ist, die moralischen Maximen seines Handelns quasi einfriert, auf \u201edie Masse\u201c delegiert, sich auf die Zivilcourage anderer verl\u00e4sst. Jahn hat das k\u00fcrzlich in einem \u2192<a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/leben\/buch\/artikel\/1\/die-gesellschaft-ist-beschissen\/\">Interview <\/a>mit der \u201etaz\u201c auf den Punkt gebracht: <em>\u201eIch denke, die Gesellschaft ist immer ein St\u00fcck weit beschissen. Von Mensch zu Mensch sind wir normalerweise echt gut, auf pers\u00f6nlicher Ebene, nur wenn man die Gesellschaft als Ganzes betrachtet, dann gibt es diese Schreckliche, B\u00f6se.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In der Figur des Erz\u00e4hlers und seiner entr\u00fcsteten Ehefrau spiegelt Decoin dieses Moralaposteltum wider bzw. l\u00e4sst es den Leser ergr\u00fcnden, der bei ein wenig Kenntnis der Historie ahnt, vor welchem Hintergrund sich das grausame Schicksal der Kitty Genovese erf\u00fcllt: Vietnam. Ein Land wird vor den Augen der Welt\u00f6ffentlichkeit zerbombt und niemand gebietet Einhalt, es ist auch hier immer die Individualisierung (das nackte kleine M\u00e4dchen, das schreiend der Kamera zu rennt, die von Napalm zerfetzte Haut), die uns reagieren l\u00e4sst, nicht die gro\u00dfe, gesichtslose Dimension.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Umsetzung des Falles ist vielschichtig. Decoin verzahnt die unglaubliche Selbstverst\u00e4ndlichkeit der Tat selbst, die Quasinormalit\u00e4t, mit der gemordet wird, und ihre journalistische Zuspitzung, das gro\u00dfe Leid des Opfers und die vielleicht noch gr\u00f6\u00dfere Gleichg\u00fcltigkeit der Augen- und Ohrenzeugen, die wohlfeile Moral derer, denen gl\u00fcckliche Umst\u00e4nde ersparten, selbst zu T\u00e4tern zu werden, und die latente Schuld angesichts der anonymen Massenmorde, die \u201eman\u201c im Namen abstrakter und also nebul\u00f6ser Werte begeht. Das alles in einer konzentrierten, zwischen n\u00fcchterner Beschreibung und protagonistischer Selbstgef\u00e4lligkeit pendelnden Sprache (von Bettina Bach sorgf\u00e4ltig \u00fcbertragen), ein kunstvolles Ineinandergreifen von Fakten und Fiktion auch. Ein Psychokrimi? Ja. Ein politischer Krimi? Ja, sehr.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Didier Decoin: Der Tod der Kitty Genovese. Arche 2011 <br \/>(Est-ce ainsi que les femmes meurent? 2009. Aus dem Franz\u00f6sischen von Bettina Bach). <br \/>159 Seiten. 19,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><em>(Eine Besprechung des Buches von Ryan David Jahn ist vorgesehen, sobald mir der Text vorliegt.)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir brauchen das. Etwas, auf das wir zeigen, etwas, \u00fcber das wir uns emp\u00f6ren k\u00f6nnen. Der Tod von Kitty Genovese, 28 Jahre alt und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin einer Bar, war so ein Ereignis. Ihre Ermordung am 13. 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