{"id":21542,"date":"2011-04-21T09:18:29","date_gmt":"2011-04-21T09:18:29","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/04\/einige-thesen-zu-politischen-krimis\/"},"modified":"2023-01-15T23:34:41","modified_gmt":"2023-01-15T22:34:41","slug":"einige-thesen-zu-politischen-krimis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/04\/einige-thesen-zu-politischen-krimis\/","title":{"rendered":"Einige Thesen zu politischen Krimis"},"content":{"rendered":"\n<p><em>(Was ist ein politischer Krimi? In unserer Diskussion wird es Zeit, Thesen zu formulieren, auch zu polarisieren, Widerspruch herauszufordern. Diese Aufgabe hat dankenswerterweise Else Laudan, Verlegerin der Ariadne-Krimis, \u00fcbernommen. Einw\u00fcrfe, Erg\u00e4nzungen, Best\u00e4tigungen der werten Leserschaft sind ausdr\u00fccklich erw\u00fcnscht!)<\/em><br \/>Zum Start stelle ich ein paar Thesen auf. Die erste lautet:<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es gibt aktuell eine breite Renaissance von scharfen politischen Krimis, die gesellschaftliche Konfliktthemen aufgreifen, klar Sozialkritik \u00fcben und dem Anliegen folgen (das ich teile), die Lesenden zu wecken, aufzur\u00fctteln. Was Kriminalliteratur auf solchen Feldern leisten kann, habe ich in vielen Facetten erlebt. Sie kann Einiges leisten, wie ich bei Bedarf gern noch ausf\u00fchre. Aber zun\u00e4chst noch ein paar Thesen und Behauptungen von mir, um zu kl\u00e4ren, was ich unter politischen Krimis verstehe:<\/p>\n\n\n\n<p>Politische Krimis analysieren\/entlarven\/kritisieren das reale Hier und Jetzt ihres jeweiligen Milieus. Politische Krimis sensibilisieren f\u00fcr gesellschaftliche Ungerechtigkeit, kulturelle Missst\u00e4nde etc. Politische Krimis zeigen, dass und\/oder wie die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse Leben und Handeln von Menschen steuern\/pr\u00e4gen\/beeinflussen\/determinieren. Politische Krimis zeigen Verbrechen und Gewalt als Produkt von (meist m\u00e4chtigen) Interessen \u2013 das klingt f\u00fcr viele von uns banal, aber angesichts der (manchmal denke ich, krampfhaft gehypten) Psychopathenkrimikultur will ich es betont haben (und angesichts des \u2192<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/debatte\/kolumnen\/was-waeren-wir-ohne\/article13039887\/Mord-und-Totschlag-Die-Lust-am-Verbrechen.html\"><em>Welt online<\/em> &#8211; Artikels<\/a> von Cora Stephan und \u00e4hnlichen Beschwichtigungsfeatures).<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich sagt nichts davon etwas \u00fcber die literarische Qualit\u00e4t oder den Unterhaltungswert dieser Krimis aus. Entsprechend k\u00f6nnen wir ableiten: Politische Krimis schreiben Leute, die etwas zur Gesellschaft zu sagen haben. Ob sie schreiben k\u00f6nnen, ist noch eine andere Frage.<br \/>Meiner Erfahrung nach muss man, um GUTE Politische Krimis schreiben zu k\u00f6nnen, folgende Voraussetzungen mitbringen: Talent zum Schreiben (am besten gepaart mit Lernlust und Kritikf\u00e4higkeit), Erfahrung (i.S.v. Lebenserfahrung), eine exzellente, reflektierte Kenntnis des Kosmos, \u00fcber den man schreibt \u2013 das erfordert zugleich unb\u00e4ndige Neugier, ferner ein Anliegen (wer die Welt nicht gern besser h\u00e4tte, als sie ist, schreibt nicht politisch) und last not least starkes Interesse an und Liebe zu Menschen. Denen, \u00fcber die man schreibt, und auch denen, die lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>N\u00e4chste These: Politische Krimis k\u00f6nnen die Sichtweise oder den \u201eHorizont\u201c derer, die sie lesen, durchaus ver\u00e4ndern, und zwar<br \/>a) durch Kenntnisse, Einf\u00fchrung in unbekannte Milieus, Kulturen u.\u00e4.<br \/>b) durch eindringliches Zeigen\/Verdeutlichen von Verh\u00e4ltnissen, Widerspr\u00fcchen, Schieflagen, Missst\u00e4nden u.\u00e4.<br \/>c) durch Aufgreifen und Reflektieren von selbst gehegten Vorurteilen, Demontage von angenommenen Wahrheiten und \u00e4hnliche (m\u00f6glichst unterhaltsam nahegelegte) Reflexionsangebote. Spezialistin hierf\u00fcr ist z.B. Christine Lehmann mit ihrer daf\u00fcr idealen Serienfigur Lisa Nerz. In meiner Vorbemerkung zu ihrem vorletzten Buch \u201eMit Teufelsgwalt\u201c hab ich geschrieben:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eIch bewundere Krimis, die mich n\u00f6tigen, meinen eigenen Standpunkt anzuzweifeln. Wenn ich mich bei Vorurteilen erwische, beim Denken in Schubladen, wo das Leben eigentlich widerspr\u00fcchlicher ist \u2013 dann ist die Lekt\u00fcre eine Offenbarung! Lisa Nerz hat mich schon \u00f6fter so ins Wanken gebracht. Sie hat so eine Art, in Konflikte hineinzuschliddern und Unstimmigkeiten ans Licht zu zerren. Das muss f\u00fcr sie entsetzlich anstrengend sein \u2013 ich aber kann gefahrlos genie\u00dfen, wie ihre turbulenten Erfahrungen meine Welt weiten und an meinen Ansichten s\u00e4gen. Zuverl\u00e4ssig entwickelt sich alles anders, als ich vorhergesehen habe, und bleibt doch glaubhaft, wasserdicht &#8230;\u201c<\/em> In diesem Sinne ver-r\u00fcckend k\u00f6nnen gute politische Krimis bis direkt ins Leben hinein wirken.<\/p>\n\n\n\n<p>So viel zu meinen Eingangsthesen. Ich will aber keineswegs blo\u00df die (selbstredend \u00fcberdurchschnittlich politischen und guten) Ariadne-Autorinnen heranziehen, sondern kreuz und quer durchs Genre diskutieren. Ich hab im Laufe des letzten Dreivierteljahres mal wieder etwas breiter &#8222;fremdgelesen&#8220;, die Kollegen und die Konkurrenz studiert und allerlei angesagte Krimis (Backlist und Neuerscheinungen) durchgeschm\u00f6kert, wozu ich leider nur sporadisch komme.<br \/>Ein Orientierungspunkt war, was von meiner Meinung nach guten Kritikern besonders gelobt wird. Im vorigen Sommer\/Herbst verschlang ich daher Jo Nesb\u00f6 (mhm), Jean Amila (hm), Fred Vargas (mmmh), viel Deon Meyer (stark), Carol O&#8217;Connell (m\u00e4\u00dfig) und Patricia Cornwell (na ja), einen Ulrich Ritzel (gar nicht schlecht), Anne Holt (immer gut), Dieter Paul Rudolph (gut f\u00fcr den Kopf, wiewohl nicht gerade Identifikationslekt\u00fcre), Zoran Drvenkar (ich mag seine Schreibe schon seit Cengiz&amp;Locke, aber allm\u00e4hlich \u00fcberrascht er mich nicht mehr) und John le Carre (hihi, stets souver\u00e4n, der Schlingel). \u00dcber den Winter las ich dann Tana French (gute Autorin), Martin Cruz Smith (solide und doch weit schr\u00e4ger, als ich dachte), Nii Parkes (skurril und samtpfotig), den neuen Don Winslow (puh, superharter Stoff mit Sog), David Peace (gar nicht einfach), Jiri Kratochvil (das war toll), und Robert Brack (interessant) &#8211; momentan sind erst wieder Manuskripte dran, bevor ich weiter fremdlesen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sch\u00e4tze, das ist zwar ein selektiv-subjektiver, aber doch irgendwie auch ganz zeitgem\u00e4\u00dfer Querschnitt durchs Genre. Hinzu kommt, dass ich diese Schm\u00f6ker unter allen aktuellen ausgesucht habe, indem ich zahllose Rezensionen der von mir ernst genommenen Kritiker \u00fcberflog, was zus\u00e4tzlich einen gewissen (wenn auch h\u00f6chst rudiment\u00e4ren) \u00dcberblick verschafft.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn das auf Interesse st\u00f6\u00dft, will ich gern vorf\u00fchren, inwiefern die meisten dieser Autorinnen und Autoren politische Krimis schreiben und was daraus Spannendes abzuleiten sein k\u00f6nnte. Oder ich ziehe die genannten und etliche weitere als Beispiele heran, wo es passt, w\u00e4hrend wir weiter diskutierend voranschreiten. Bitte \u00e4u\u00dfert euch \u2013 ich bin gespannt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Was ist ein politischer Krimi? In unserer Diskussion wird es Zeit, Thesen zu formulieren, auch zu polarisieren, Widerspruch herauszufordern. Diese Aufgabe hat dankenswerterweise Else Laudan, Verlegerin der Ariadne-Krimis, \u00fcbernommen. 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