{"id":21566,"date":"2009-03-30T08:13:43","date_gmt":"2009-03-30T08:13:43","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/03\/josef-rauch-rickeracke\/"},"modified":"2022-06-18T02:55:00","modified_gmt":"2022-06-18T00:55:00","slug":"josef-rauch-rickeracke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/03\/josef-rauch-rickeracke\/","title":{"rendered":"Josef Rauch: Rickeracke"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Idee ist allerliebst. Man nehme die klassische Bildergeschichte &#8222;Max und Moritz&#8220; von Wilhelm Busch und schreibe einen Krimi drum herum. Im Wortsinn, denn die Originalgeschichte druckt man h\u00e4ppchenweise gleich mit ab, schlie\u00dflich ist Wilhelm Busch schon mehr als 70 Jahre tot, mithin &#8222;gemeinfrei&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ein &#8222;Max und Moritz-Krimi&#8220;, kein Roman, eher eine l\u00e4ngere Erz\u00e4hlung mit Elementen der Novelle, vom Umfang her Andrea-Maria-Schenkel-Klasse, ansonsten jedoch, das erwartet man jedenfalls, putzig und lustig.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon nach wenigen Seiten wird man an Manfred Wieningers Detektiv Marek Miert erinnert. Auch der Protagonist von &#8222;Rickeracke&#8220; m\u00fcht sich weitgehend erfolglos um zahlende Kundschaft, die seine Schn\u00fcfflerdienste in Anspruch nimmt, und st\u00f6\u00dft man dann auf einen Satz wie<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;An seinen schweren klobigen Stiefeln schien noch der Dreck zu kleben, der beim Urknall aufgewirbelt worden war.&#8220;,<\/p>\n\n\n\n<p>dann befindet man sich erst recht in Wieningers Kosmos der absurden Vergleiche und vergleichenden Absurdit\u00e4t. Doch halt, kann nicht sein. Wir lesen hier nichts \u00fcber \u00f6sterreichische Deformationen, wir lesen die Umsetzung einer Geschichte, die l\u00e4ngst zum klassischen Bestand des b\u00fcrgerlichen Humors geh\u00f6rt. Max und Moritz, ich bitte Sie! Da wird unser Detektiv auf einen einsamen Bauernhof beordert, weil dort vier bedauernswerte H\u00fchner kaltbl\u00fctig nach Lausbubenart grillfertig gemacht wurden. Ein wirklich abgelegenes Geh\u00f6ft mit seltsamen Insassen, Vater, Mutter, halbw\u00fcchsige Tochter, von der Dorfgemeinschaft verspottet und gemieden, Selbstversorger, ziemlich ruppig. Unser Detektiv m\u00f6chte gerne wieder weg, kann es aber nicht, denn die Br\u00fccke, die ihn mit der Au\u00dfenwelt verbindet, wird nat\u00fcrlich anges\u00e4gt und kracht unter dem Gewicht des Autos zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch, das ist allerliebst. Der Autor hetzt uns durch s\u00e4mtliche Streiche der beiden b\u00f6sen Buben, wir warten mehr oder weniger gespannt auf die finale Geschichte, wenn dann die H\u00fchner die zermahlenen Leichen aufpicken. Aber &#8212; so witzig wie die Geschichte von Max und Moritz ist, so witzig ist sie ja im Grunde gar nicht. Man kann sie auch anders interpretieren. Zwei jugendliche Straft\u00e4ter, die von Diebstahl bis zur schweren K\u00f6rperverletzung alles begehen, was verp\u00f6nt ist, werden am Ende zur Rechenschaft gezogen \u2013 und erhalten die Todesstrafe. Es gibt allerdings eine weitere, sogar noch unangenehmere Interpretation, und genau auf die l\u00e4uft Rauchs Text hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende seiner Version von Max und Moritz erfolgt ein Bruch. Die Analogie zu Busch wird aufgegeben, aus dem Sp\u00e4\u00dfchen wird blutiger Ernst. Den muss man nicht goutieren, er ist aber folgerichtig und erhellend, eine respektable Fallh\u00f6he. Rausch schreibt die Geschichte so fort, wie man sie eben auch lesen kann, und dann wird aus der b\u00fcrgerlichen Heiterkeit das ebenso b\u00fcrgerliche Grauen. Was, nebenbei, auch ein h\u00fcbscher Kommentar zu all den &#8222;lustigen Krimis&#8220; ist, mit denen man den Krimimiezen und Superkrimiheinzen die l\u00e4ngliche Zeit vertreibt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Rickeracke&#8220; jedenfalls schafft es tats\u00e4chlich, den harmlosen Spa\u00df und den bitteren Ernst h\u00fcbsch verpackt unter die Leute zu bringen und damit die verschiedenen M\u00f6glichkeiten der Rezeption in einem irritierenden Plot zu vereinen. Wilhelm Busch vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe gestellt. Doch, doch, sehr sch\u00f6n, Herr Autor.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Josef Rauch: Rickeracke. Ein \"Max und Moritz\" \u2013 Krimi. <br \/>Verlag M. Naumann 2008. 142 Seiten. 14 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Idee ist allerliebst. Man nehme die klassische Bildergeschichte &#8222;Max und Moritz&#8220; von Wilhelm Busch und schreibe einen Krimi drum herum. 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