{"id":21580,"date":"2009-04-01T08:18:39","date_gmt":"2009-04-01T08:18:39","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/04\/john-farrow-eishauch\/"},"modified":"2022-06-07T01:52:03","modified_gmt":"2022-06-06T23:52:03","slug":"john-farrow-eishauch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/04\/john-farrow-eishauch\/","title":{"rendered":"John Farrow : Eishauch"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Voil\u00e0: Wtd hat eine neue Rezensionsfachkraft! Anna Veronica Wutschel, bekannt aus &#8222;Krimizeit&#8220;, &#8222;Krimisamstag im Titelmagazin&#8220; und als kundige Mitarbeiterin des Krimijahrbuchs, wird fortan in loser Folge das wtd-Publikum mit ihren fundierten Meinungen zu Werken der Kriminalliteratur begl\u00fccken. Herzlich willkommen! So, und jetzt geht\u2019s los&#8230;<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Weil Nehmen im allgemeinen verflixte Vorteile hat, und ein guter Polizist auf Tipps angewiesen ist, hat Detective Emile Cinq-Mars nicht lange gezaudert, als ihm der Teufel Brisantes ins Ohr fl\u00fcsterte. Hochkar\u00e4tige Festnahmen und ein legend\u00e4rer Ruf waren Emiles Lohn. Dass ein Teufelspakt jedoch immer seinen Preis hat, kann auf Dauer auch der Detective nicht ignorieren. Harte Verluste werden eingefahren, die Mafia, die Russen, Bikerbanden und diverse Geheimdienste spielen Krieg. Aber : <em>Don\u2019t mess with<\/em> Emile ! Auch der wei\u00df, wie man hart zuschl\u00e4gt und eiskalt um Leben feilscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Detective Emile Cinq-Mars ist ganz old school, mit allen Wassern gewaschen und sehr eigenen Prinzipien. Er sieht es ungern, wenn seine Stadt, Montreal, von kriminellen Subjekten, von ganzen Gangs bedroht wird. Doch erst als man ihm pers\u00f6nlich eine Botschaft pr\u00e4sentiert, ihn herausfordert, als er n\u00e4mlich an Heiligabend einen seiner Informanten brutal abgeschlachtet auffindet, steigt Cinq-Mars grimmig in den Ring. Wer ist der T\u00e4ter ? Und wer die Drahtzieher ? Eine Menge unangenehmer Menschen, bei den eigenen Kollegen angefangen bis hin zu den Hells Angels, der Rock Machine oder der Mafia, stehen auf Cinq-Mars\u2019 Liste. Die Luft wird d\u00fcnn, der Spielraum eng, wenn man Freund und Feind nicht voneinander unterscheiden kann. Und man selbst \u2013 in nahezu eitler Gleichg\u00fcltigkeit \u2013 bislang als Hampelmann einem seiner Feinde in die H\u00e4nde gespielt haben k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Montreal, die heimliche Protagonistin in John Farrows \u201cEishauch\u201d, ist brutal umk\u00e4mpft. Farrow wei\u00df elegant die bewegte Geschichte der Stadt zu umrei\u00dfen, ihre Reize und schmutzigen Verlockungen auszuspielen. Vor allem die aktuelle Lage ist brisant, die \u2018politischen, \u00f6konomischen und sozialen Strukturen\u2019 br\u00f6ckeln l\u00e4ngst, und das Verbrechen h\u00e4lt prassend Einzug. Montreal ist multi-kulti, wobei sich nicht einmal die \u00fcberwiegend frankokanadische Bev\u00f6lkerung mit der anglokanadischen recht vertragen will. Was sich abspielt ist Krieg \u2013 und dabei ist Montreal nur ein Stolperstein auf dem breiten brutalen Pfad zu globaler, verbrecherischer Macht ; bombende Biker nur das kriminelle Abbild vom erbarmungslosen Versuch, um jeden Preis zu expandieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Grandios, wie Farrow die Fratzen des B\u00f6sen koloriert. Die sitzen vermeintlich \u00fcberall, in schicken Anz\u00fcgen, scharf geschult. Oder auch in den eigenen Reihen der Polizei, ab und an korrupt und vehement inkompetent. Cinq-Mars (benannt in Anlehnung an den kriegerischen Gott Mars) muss gewaltig tricksen und knurren. Zuweilen greift er auf die nicht ganz legale Hilfe engagierter Zivilisten zur\u00fcck, wenn er nicht gleich g\u00e4nzlich illegale Methoden anwendet, um seine schwer durchschaubaren Pl\u00e4ne umzusetzen. Sein junger anglokanadischer Partner Mathers blickt nicht immer durch, h\u00e4ngt sich aber etwas vorlaut und wenig zimperlich an Cinq-Mars\u2019 Fersen. Okinder Boyle, der fidele Journalist, der mit Vorliebe \u00fcber Obdachlose schreibt, geht einer b\u00f6sen Finte auf den Leim, wird neugierig und kombiniert phantasiebegabt, was Emile Cinq-Mars kaum zu ahnen wagt. Doch wer ist der stets perfekt gek\u00e4mmte, verdammt h\u00f6fliche, ergraute Herr? Dieser \u00e4ltere Knabe im feinen Zwirn, der die derbere junge Sch\u00f6nheit Julia mit etwas Kopflastigem und etwas Wildem umgarnt ? Und liegt es tats\u00e4chlich an Julias k\u00f6rperlichen Handicaps, dass es ihm gelingt, sie auf eine aberwitzige Mission ins \u2018Herz der H\u00f6lle\u2019 zu schicken?<\/p>\n\n\n\n<p>Gut \u2013 was die Frauenfiguren in \u201cEishauch\u201d angeht &#8211; da m\u00fcssen wir ein \u00c4uglein zudr\u00fccken. Bet\u00f6rend sind sie. Vor allem der Wildfang Julia h\u00fcpft als Verf\u00fchrung glaubhaft durchs Papier. Alles in allem jedoch h\u00e4lt sich Farrows Damenwahl \u00e4u\u00dferst funktional als Stichwortgeber f\u00fcr m\u00e4nnliche Weltanschauungsmonologe im Hintergrund. Sie k\u00f6nnten g\u00e4rtnern, sie d\u00fcrfen Pferde pflegen. Und wer auf Nervenkitzel aus ist, darf seine Reize im Dienste der b\u00f6sen Guten aufs Spiel setzen. Sollte <em>frau<\/em> zwischenzeitlich fast die Lust verlieren, wei\u00df der erfahrene <em>Sugardaddy<\/em> genau, wie er sie bei der Stange h\u00e4lt. N\u00f6, das ist weiblicher Statisten-Charme im Kriegsgebiet. Aber gut &#8211; sei\u2019s drum &#8211; auch Cinq-Mars war bis gestern noch Handlanger, und solch tr\u00fcber Schatten kann das gewaltige Gesamtbild von \u201cEishauch\u201d nicht wirklich beeintr\u00e4chtigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sieben literarische Romane hat Trevor Ferguson bereits verfasst. Die Kritik jubelte, der kommerzielle Erfolg blieb aus. Nun hat Ferguson als John Farrow einen famos b\u00f6sen, klug gedrehten und auch am\u00fcsanten Krimi vorgelegt, ein echter Bestseller, der eigentlich zu gut ist, um einer zu sein! Das ist exzeptionell, da ist nichts verr\u00fcscht, nichts verkuschelt, und doch weht ab und an ein fast lyrisches L\u00fcftchen von geh\u00fcteten Traditionen und uralten Ahnen durch den Text. Wer sich \u00fcber die ersten 300 Seiten schon bestens unterhalten f\u00fchlt, kann sich nur wundern, wie Farrow in der zweiten Halbzeit richtig frech aufdreht. Mit Emile kann\u2019s noch was geben. Wir bitten darum !<\/p>\n\n\n\n<p>Anna Veronica Wutschel<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">John Farrow : Eishauch (City of Ice, 1999). <br \/>Roman. Deutsch von Friederike Levin. <br \/>M\u00fcnchen : Knaur 2009. 587 Seiten. 8,95 Euro.<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Voil\u00e0: Wtd hat eine neue Rezensionsfachkraft! Anna Veronica Wutschel, bekannt aus &#8222;Krimizeit&#8220;, &#8222;Krimisamstag im Titelmagazin&#8220; und als kundige Mitarbeiterin des Krimijahrbuchs, wird fortan in loser Folge das wtd-Publikum mit ihren fundierten Meinungen zu Werken der Kriminalliteratur begl\u00fccken. Herzlich willkommen! 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