{"id":21591,"date":"2009-04-14T08:00:26","date_gmt":"2009-04-14T08:00:26","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/04\/andrea-maria-schenkel-bunker\/"},"modified":"2022-06-07T01:01:53","modified_gmt":"2022-06-06T23:01:53","slug":"andrea-maria-schenkel-bunker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/04\/andrea-maria-schenkel-bunker\/","title":{"rendered":"Andrea Maria Schenkel: Bunker"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Je k\u00fcrzer der Text, desto ausf\u00fchrlicher die Rezension. Und dann ist es noch nicht mal eine&#8230; Aber ist &#8222;Bunker&#8220; \u00fcberhaupt ein Krimi? Wird wohl, oder? Ihn zu analysieren, das ist ganz bestimmt einer&#8230;<\/em><br \/>Wenn einem die Kritikaster das eigene Werk wie ein nasses Handtuch um die Ohren hauen, dann kommt Lob gerade recht. Aber, mal ehrlich, m\u00f6chte man wirklich SO gelobt werden? : <em>&#8222;(&#8230;) nicht ganz so gegl\u00fcckt ist wie die ersten beiden (&#8230;) Daf\u00fcr besticht die Konstruktion (&#8230;)&#8220; \u2013 &#8222;eklatante sprachlich-dramaturgische Schw\u00e4chen (&#8230;)bei aller Kritik, eher Respekt (&#8230;)&#8220; \u2013 &#8222;Aber die fr\u00fchere Faszination hat sie nicht hervorgerufen. (&#8230;) Eine Et\u00fcde eben.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Und so weiter. Rechnet man zu diesen Rezensionen, die eine gerupfte Autorin samt Buch f\u00fcrsorglich vor dem Desaster retten wollen, all jene hinzu, die genau dieses Desaster in Frau Schenkels &#8222;Bunker&#8220; erkannt haben wollen, erinnert man sich zudem an die durchweg negativen (und teilweise ehrabschneiderisch-h\u00e4mischen) Kommentare von LeserInnen in diversen Foren, dann bleibt nicht mehr viel an &#8222;echtem Lob&#8220; \u00fcbrig. Und auch das bleibt zumeist vage. Da ist viel von &#8222;Faszination&#8220; und &#8222;Virtuosit\u00e4t&#8220; die Rede, ohne dass uns gesagt w\u00fcrde, worin die denn bestehen sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun m\u00f6chte ich hier nicht die Kritiker schelten, denn ich kann ihre Unsicherheit, ihre Entt\u00e4uschung durchaus nachvollziehen. Dass manche schlicht Schwierigkeiten hatten, \u00fcberhaupt die Handlung nachzuerz\u00e4hlen (und dies auch einr\u00e4umten), die Geschichte als nicht glaubw\u00fcrdig, die Personen als kaum konturiert einstuften, den Sprachduktus dilettantisch fanden oder offensichtliche Plausibilit\u00e4tsschw\u00e4chen konstatierten &#8211; alles richtig. Summieren wir es n\u00fcchtern. &#8222;Bunker&#8220; ist NICHT:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; eine nacherz\u00e4hlbare Geschichte<br \/>&#8211; eine stringente Erz\u00e4hlung<br \/>&#8211; das Psychogramm ZWEIER Personen<br \/>&#8211; ein sprachlich &#8222;geb\u00fcgeltes&#8220; Werk<br \/>&#8211; ein der \u00fcblichen Logik unterworfener Krimi.<\/p>\n\n\n\n<p>Gut, zugestanden: Dann bleibt auch nicht mehr viel \u00fcbrig, jedenfalls nicht nach den ebenso ehernen wie albernen &#8222;Gesetzen des Genres&#8220;. Die sollte man zun\u00e4chst also schnell beiseite r\u00e4umen. Ja, man sollte bei dieser Gelegenheit wenigstens ein paar Gedanken daran verschwenden, was Literatur au\u00dfer &#8222;eine Geschichte erz\u00e4hlen&#8220; \u00fcberhaupt noch sein k\u00f6nnte. Beispiele findet man dazu genug. Nehmen wir die M\u00e4rchen. Ich kann &#8222;H\u00e4nsel und Gretel&#8220; als eine Geschichte goutieren, in der zwei arme Kinder im Wald ausgesetzt werden, bei einer Hexe landen und dem Backofen nur durch List und Tat entgehen, so dass am Ende alles wieder gut wird und man, so nicht gestorben, immer noch lebt. Man kann aber auch darauf kommen \u2013 und bei M\u00e4rchen ist man&#8217;s sogar -, dass hinter dieser recht simplen Geschichte ein ganzes Arsenal von \u00c4ngsten und Verdr\u00e4ngtem lauert, tiefenpsychologisch Relevantes, d\u00fcster Archetypisches&#8230; Dinge also, die man via stringenter Erz\u00e4hlung, einer Geschichte eben, durch die Zeitl\u00e4ufte tradiert hat, immer wieder abgewandelt, erg\u00e4nzt, entsch\u00e4rft. Dann liest sich &#8222;H\u00e4nsel und Gretel&#8220; u.a. auch als die Geschichte sexueller Wirrungen in der Adoleszenz, wird die Hexe zur &#8222;triebhaften Frau&#8220;, die den unschuldigen J\u00fcngling so lange in den K\u00e4fig steckt, bis sein kleiner Finger dick genug ist, auf dass der gesamte Leib lustvoll verzehrt werden kann. \u2013 F\u00fcr was der kleine Finger in diesem M\u00e4rchen steht, braucht nicht weiter erl\u00e4utert zu werden. Und so weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ich damit sagen will: Nacherz\u00e4hlbare Geschichten wie die von &#8222;H\u00e4nsel und Gretel&#8220; sind manchmal gar keine. Und vielleicht begann mit den M\u00e4rchen auch das, was wir heute die &#8222;moderne Literatur&#8220; nennen. Geschichten wider die allt\u00e4gliche Logik und das allt\u00e4gliche Erwarten von &#8222;Sinnhaftigkeit&#8220;, Geschichten, in denen nicht auf die bekannte Art &#8222;kommuniziert&#8220; wird, Geschichten, in denen die Fragen, wer hier wem ein B\u00f6ses antut und ob er daf\u00fcr bestraft wird, v\u00f6llig irrelevant sind. Es geh\u00f6rt nun zu den gro\u00dfen Missverst\u00e4ndnissen dieser Literatur, dass sie zun\u00e4chst verkannt wird \u2013 und manchmal auch verkannt bleibt. Immer noch mag es Leute geben, die &#8222;Gullivers Reisen&#8220; f\u00fcr eine lustige Kinderstory halten oder &#8222;Lederstrumpf&#8220; f\u00fcr einen atmosph\u00e4risch-spannenden Vorwestern. Auf jeden Fall gibt es Leute, die &#8222;Bunker&#8220; fortan f\u00fcr die Geschichte einer Entf\u00fchrung halten und sofort &#8222;Stockholm-Syndrom&#8220; assoziieren oder an die schriftlich analysierten Leiden von Jan Philipp Reemtsma denken oder den Herrn Fritzl, der ja schlie\u00dflich auch in einem &#8222;Bunker&#8220; t\u00e4tlich geworden ist. \u2013 Solche Mutma\u00dfungen waren VOR dem Erscheinen des Buches durchaus angebracht und ergaben sich aus den sp\u00e4rlichen Vorabinformationen. Aber jetzt? Nachdem man das Buch gelesen hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Schauen wir uns zun\u00e4chst einmal die Art und Weise an, wie Andrea Maria Schenkel ihren Text \u00e4u\u00dferlich strukturiert hat. Es gibt die Ich-Rede des T\u00e4ters und die des Opfers, typografisch voneinander abgesetzt (was, nebenbei, des Guten zuviel ist; h\u00e4tts nicht gebraucht). Und es gibt eine dritte, bislang kaum beachtete Ebene (fetter gedruckt als die beiden anderen), auf der eher reportierend der Fund einer schwerverletzten Person am Tatort M\u00fchle, ihr Abtransport sowie die \u00e4rztliche Versorgung eines Messerstichs in den Bauch beschrieben wird (fast r\u00fchrend, dass die Autorin im Anhang die schriftliche Quelle ihres Wissens \u00fcber solche Operationen angibt&#8230;). \u00dcberall dort, wo diese Ebene bislang \u00fcberhaupt erw\u00e4hnt wurde, hat man auf ihre &#8222;unlogischen Komponenten&#8220; verwiesen: Wer hat die Polizei gerufen? Wie konnte die mit ihren Fahrzeugen \u00fcberhaupt zur M\u00fchle gelangen, wo diese doch f\u00fcr Fahrzeuge nicht zu erreichen ist? \u2013 Wie dieser Strang aufgebaut ist, hat man nicht erfahren, obwohl dieses Detail entscheidend gewesen w\u00e4re. Denn tats\u00e4chlich ist diese Ebene die einzige, die unseren Vorstellungen von &#8222;Krimi&#8220; entspricht. Man entdeckt ein Verbrechen und versorgt das Opfer. Nun passiert aber folgendes. In der letzten Passage dieser Ebene und des Romans \u00fcberhaupt drehen sich die Ereignisse in sich selbst zur\u00fcck, wir sind wieder in der ersten Szene dieses Erz\u00e4hlstrangs, vor der hell erleuchteten M\u00fchle, bei den Sanit\u00e4tern, die eine verletzte Person bergen, um sie ins Krankenhaus zu bringen. Immerhin erfahren wir hier im Gegensatz zur ersten Szene, um wen es sich bei dieser Person handelt \u2013 aber das h\u00e4tten wir zu diesem Zeitpunkt auch so gewusst.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Konstruktion ist zwar in ihrem Duktus ganz &#8222;Krimi&#8220;, weigert sich aber andererseits, die notwendige Stringenz eines solchen aufzuweisen. Die &#8222;Geschichte&#8220; geht nicht voran, sie rundet sich abrupt. Alles was in diesem Rahmen, aus dem eigentlich ein Kreis geworden ist, geschieht, wird sich im Folgenden dieser A-Chronologik unterwerfen und die Handlung vollst\u00e4ndig aus dem Schema des handels\u00fcblichen Krimis herausl\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das wir es hier mit einem wie auch immer gearteten Spiel mit der Zeit zu tun haben, zeigt sich schon gleich in der ersten Szene des Romans. Das Fatale daran: Wir k\u00f6nnen es noch nicht erkennen. Was da geschieht, k\u00f6nnte tats\u00e4chlich wie ein St\u00fcck chronologisch konstruierte Prosa nacherz\u00e4hlt werden. Zuerst geschieht dies, dann geschieht das und abschlie\u00dfend jenes. Auch hier m\u00fcssen wir weiterlesen, um zu erkennen, dass es v\u00f6llig anders ist, die Szene eigentlich in der Abfolge nicht hierher zu geh\u00f6ren scheint. Merkw\u00fcrdiger noch: Sie scheint nirgend wo hin zu geh\u00f6ren. Aber das m\u00fcssen wir genau untersuchen, denn diese erste Szene ist \u2013 auch im Wortsinn \u2013 die Schl\u00fcsselszene des gesamten Textes.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie beginnt mit dem Satz: <em>&#8222;Ich muss noch den Schl\u00fcssel holen.&#8220; <\/em>Merken wir ihn uns, er wird noch wichtig. Der Mann, der diesen Satz sagt \/ denkt, befindet sich im Keller der M\u00fchle, deren hinterste R\u00e4ume jener titelgebende Bunker sind. Der Schl\u00fcssel befindet sich in diesem Bunker. Der Mann betritt ihn (<em>&#8222;Rein in den Bunker&#8220;<\/em>). Da es dort kein Licht gibt, l\u00e4sst er die T\u00fcren offen, um die Helligkeit aus dem Treppenflur auszunutzen. Der Mann sucht verzweifelt nach dem Schl\u00fcssel, findet ihn nicht. Pl\u00f6tzlich \u2013 ein Ger\u00e4usch: <em>&#8222;Ist da einer an der T\u00fcr?&#8220;<\/em> Der Mann krabbelt, rennt zur\u00fcck zur T\u00fcr des Bunkers, die sich langsam schlie\u00dft. Als er dort ankommt, ist sie geschlossen. Kurz darauf wird auch die Fallt\u00fcr, durch die das wenige Licht aus dem Treppenflur gekommen ist, geschlossen, es herrscht nun v\u00f6llige Dunkelheit. Der Mann, nun ein Gefangener, lamentiert. Auf einmal: <em>&#8222;Der Raum ist in rotes Licht geh\u00fcllt.&#8220; <\/em>Woher das kommt? Der Mann wei\u00df es nicht. Aber: <em>&#8222;Ich bin nicht alleine, ich h\u00f6re Schritte. Ich gehe durch dieses Meer aus rotem Licht, folge den Schritten in den mittleren Raum. Da sehe ich ihn, ein gro\u00dfer, kr\u00e4ftiger Mann.&#8220; <\/em>Dieser andere Mann geht in den hintersten Raum, nimmt Anlauf, rennt gegen die T\u00fcr des Bunkers, rammt sie. Die T\u00fcr springt auf, der Mann <em>&#8222;muss \u00fcber mich hinweggesprungen sein&#8220;<\/em>. Im Raum ist es wieder stockdunkel, <em>&#8222;die Bunkert\u00fcr geschlossen&#8220;.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>An dieser Szene ist nun mancherlei merkw\u00fcrdig. Zun\u00e4chst, wie schon gesagt, der Platz, an dem wir sie finden, n\u00e4mlich ganz vorne im Text. Sie m\u00fcsste ganz nach hinten geh\u00f6ren. Dann die Frage nach dem zweiten Mann im Bunker. Wer ist er? Gehen wir zu der Stelle zur\u00fcck, an der der Mann bemerkt, nicht alleine im Bunker zu sein: &#8222;Der Raum ist in rotes Licht geh\u00fcllt. Ich kann nicht erkennen, woher das Licht kommt, sehe mir selbst dabei zu, wie ich aufstehe, mich langsam umsehe.&#8220; \u2013 Wenn der Mann sich also selbst zusieht, dann d\u00fcrfen wir vermuten, ER SELBST sei auch dieser zweite Mann, der gegen die T\u00fcr rennen und entkommen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Grund steht auf diesen knapp vier einleitenden Seiten das gesamte Bauprinzip der Geschichte. Ein Mann \u2013 es handelt sich um den Entf\u00fchrer \u2013 wird zum Opfer, zum Eingesperrten. Um zu entkommen, braucht es eine zweite, Person, die zwar als &#8222;fremd&#8220; beschrieben wird, ohne Zweifel jedoch eine Imagination des eigenen Kopfes ist. Was die Chronologie anbetrifft, ist diese erste Szene ein getreues Abbild der dritten, oben skizzierten Ebene. Auch hier l\u00e4uft das Ende der Geschichte wieder in seinen Anfang zur\u00fcck, formiert einen Kreis.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Leser, wie gesagt, kann das noch nicht einordnen. Er wei\u00df in diesem Moment auch gar nicht, wen er vor sich hat. Von einem &#8222;Schl\u00fcssel&#8220; ist die Rede, gleich darauf von einem &#8222;Plastiksack&#8220;, dann einem toten &#8222;Fettsack&#8220; und anderem &#8222;Kram&#8220; aus einem Sakko. Man wird die paar Seiten lesen und, steht zu vermuten, zun\u00e4chst einmal vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn jetzt beginnt ja die Geschichte, die uns auch in den Kritiken immer erz\u00e4hlt wird. Sie geht so: Ein Mann \u00fcberf\u00e4llt eine Autovermietungsfirma, fordert von der einzigen dort anwesenden Angestellten den Tresorschl\u00fcssel und nimmt die Frau, als sie ihm diesen Schl\u00fcssel nicht aush\u00e4ndigen kann, als Geisel. Und dann hocken sie in dieser M\u00fchle und dann&#8230; Doch gemach. Fordert der Mann tats\u00e4chlich den TRESORschl\u00fcssel? In der entsprechenden Passage ist lediglich von einem &#8222;Schl\u00fcssel&#8220; die Rede, und der Leser wird sich vielleicht daran erinnern, dass von diesem Schl\u00fcssel bereits im allerersten Satz der Erz\u00e4hlung die Rede ist: &#8222;Ich muss noch den Schl\u00fcssel holen&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wieder ist der Leser \u00fcberfragt: Handelt es sich bei diesem Schl\u00fcssel um den TRESORschl\u00fcssel? W\u00fcrde er die Passage sp\u00e4ter noch einmal lesen, w\u00fcrde er wohl sagen: Ja, nat\u00fcrlich. Um was sonst. Jemand \u00fcberf\u00e4llt eine Firma und m\u00f6chte die Kohle aus dem Tresor. \u2013 Wirklich? Wir werden im Verlauf der Erz\u00e4hlung daran zweifeln. Entf\u00fchrt der Mann die Angestellte, weil er \u00fcber sie an den Schl\u00fcssel herankommen m\u00f6chte? Oder \u00fcberf\u00e4llt der Mann die Firma, weil er die Frau entf\u00fchren MUSS, den \u00dcberfall also nur vort\u00e4uscht und gar nicht an DIESEM Schl\u00fcssel interessiert ist, sondern an einem ganz anderen, dem Schl\u00fcssel zu sich selbst? F\u00fcr beide Versionen gibt es gen\u00fcgend Belege.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau w\u00e4re so oder so analog zum fremden Mann aus der Eingangsszene eine v\u00f6llig der Imagination des Mannes entsprungene Akteurin. Er hat sie zwar erschaffen wie diesen Mann, er sieht sie wie diesen Mann, er l\u00e4sst sie agieren wie diesen Mann \u2013 aber beide \u2013Sch\u00f6pfer und Gesch\u00f6pf &#8211; k\u00f6nnen nicht MITEINANDER kommunizieren. Dazu passt auch folgender Satz aus der Eingangsszene: <em>&#8222;Er muss \u00fcber mich hinweggesprungen sein.&#8220; <\/em>Genau: Dieser Mann n\u00e4mlich hat keinerlei Anstalten gemacht, mit dem anderen, der ihn erschaffen hat, zu kommunizieren. Er ist \u00fcber ihn hinweg, genauer wohl: durch ihn hindurch gesprungen. Auch die Frau wird nicht wirklich mit dem Mann kommunizieren. Dort, wo sie es scheinbar tut, redet \/ denkt sie wie der Mann \u2013 und umgekehrt (man vergleiche hier mit \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2009\/04\/sprachbunker-vorbereitungen-einer-lektuere.php\">meinen Ausf\u00fchrungen zur Sprache <\/a>von &#8222;Bunker&#8220;).<\/p>\n\n\n\n<p>Und noch einmal zur dritten Ebene, dem Auffinden und Versorgen der verletzten Person: Hier wird, in der n\u00fcchtern reportierenden Sprache eines konventionellen Krimis dieses Imaginierte pl\u00f6tzlich sehr real. Die verletzte Person \u2013 der Tresorschl\u00fcssel: beide existieren nur im Rahmen des stringent erz\u00e4hlten Kunstwerks, das diese dritte Ebene darstellt \u2013 und das am Ende genau so als Imagination enttarnt wird wie alles andere in diesem Text (indem Schenkel Stringenz und Chronologie aufhebt). Denn dieser Text, man muss es fast in Gro\u00dfbuchstaben hinschreiben, IST EIN MONOLOG!!! Nichts weiter. Oder, weil wir schon einmal bei M\u00e4rchen waren: Es ist die narrative &#8222;H\u00e4ndel und Gretel&#8220; \u2013 Version eines ganzen B\u00fcndels von \u00c4ngsten, Deformierungen, W\u00fcnschen, das hier als eine herk\u00f6mmliche Geschichte INSZENIERT wird, um im wahrsten Sinne &#8222;begreifbar&#8220;, &#8222;nachvollziehbar&#8220; zu sein. Was aber \u2013 siehe die st\u00e4ndigen Kreisbewegungen \u2013 nicht gelingen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht nicht um &#8222;Personenzeichnung&#8220;, nicht um die Entwicklung eines Kriminalfalls, nicht um das Verh\u00e4ltnis von T\u00e4ter und Opfer, nicht um &#8222;erlebte Rede&#8220;. Die ganze Konstruktion l\u00e4uft auf einen Gegenwart und Vergangenheit durchdringenden Monolog hin, in dem Personen und Dialoge imaginiert werden, ohne dass so etwas wie &#8222;Kommunikation&#8220; \u00fcberhaupt stattfinden k\u00f6nnte. T\u00e4ter und Opfer sind also eins. Schon auf den ersten Seiten wird auch klar, was diese Inszenierung bewirken soll. Nur wer sich selbst als Opfer sieht, kann auf Befreiung hoffen. In der Folge entwickelt sich nun ein rasantes Spiel um diese Opfer- \/ T\u00e4terrolle. Sie wechselt st\u00e4ndig, was schon daran zu erkennen ist, dass die Frau, die eigentliche &#8222;Gefangene&#8220; sich \u00fcber weite Strecken des Textes frei bewegen kann, entfliehen k\u00f6nnte. Dann aber w\u00e4re das Spiel verloren. Sobald die Befreiung des imagin\u00e4ren Ich gelungen scheint, wechselt der Focus auf die andere, die gefangene Person. Wieder schlie\u00dft sich ein Kreis, entwickelt sich nichts. Die auf der dritten Erz\u00e4hlebene intendierte &#8222;Heilung&#8220;, die keine ist, weil auch hier immer wieder alles von vorne beginnt, zementiert dies endg\u00fcltig.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4re &#8222;Bunker&#8220; ein Roman mit kommunizierenden, genau gezeichneten Personen \u2013 man k\u00f6nnte ihn tats\u00e4chlich als reichlich misslungene &#8222;Et\u00fcde&#8220; abtun. Da er genau das aber nicht ist, bleibt er \u2013 ein aufregendes St\u00fcck Literatur, dessen Lekt\u00fcre zwangsl\u00e4ufig mit der Chronologie und der Vorstellung einer entwickelten &#8222;Geschichte&#8220; brechen muss. Vieles erhellt sich erst beim Wiederlesen, beim Zur\u00fcckbl\u00e4ttern, Vorbl\u00e4ttern.<\/p>\n\n\n\n<p>So MUSS man &#8222;Bunker&#8220; nat\u00fcrlich nicht lesen. Es scheint mir jedoch eine Lesart, die Andrea Maria Schenkels Textstrategien ernstnimmt.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Andrea Maria Schenkel: Bunker. <br \/>Edition Nautilus 2009. 122 Seiten. 12,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Je k\u00fcrzer der Text, desto ausf\u00fchrlicher die Rezension. Und dann ist es noch nicht mal eine&#8230; Aber ist &#8222;Bunker&#8220; \u00fcberhaupt ein Krimi? Wird wohl, oder? Ihn zu analysieren, das ist ganz bestimmt einer&#8230;Wenn einem die Kritikaster das eigene Werk wie ein nasses Handtuch um die Ohren hauen, dann kommt Lob gerade recht. 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