{"id":21594,"date":"2009-04-17T08:00:20","date_gmt":"2009-04-17T08:00:20","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/04\/mohammed-hanif-eine-kiste-explodierender-mangos\/"},"modified":"2022-06-18T02:52:45","modified_gmt":"2022-06-18T00:52:45","slug":"mohammed-hanif-eine-kiste-explodierender-mangos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/04\/mohammed-hanif-eine-kiste-explodierender-mangos\/","title":{"rendered":"Mohammed Hanif : Eine Kiste explodierender Mangos"},"content":{"rendered":"\n<p>Wenn 1988 in Islamabad, Pakistan, zum 4. Juli in der amerikanischen Botschaft eine Grillparty unter dem Motto \u2018Kabul &#8211; Texas\u2019 steigt, dann kost\u00fcmieren sich die (wohlgemerkt) amerikanischen G\u00e4ste gern und \u00fcberschw\u00e4nglich als afghanische Stammesf\u00fcrsten. Und wenn der OBL (Osama Bin Laden) anklopft und ihm der \u00f6rtliche CIA-Chef im Vor\u00fcbergehen anerkennend zuraunt : \u201cGute Arbeit. Machen Sie weiter so\u201d, dann l\u00e4sst sich der OBL getrost durchs Party-Get\u00fcmmel treiben, auch ohne rechten Anschluss zu finden.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Doch was ist mit einer Armee los, deren erste Maxime beim Dschungel-\u00dcberlebenstraining lautet: Du darfst deinen Retter nicht sexuell bel\u00e4stigen ? Und was kann man von einem Staat erwarten, in dem Geheimdienstler aus Leidenschaft und einem \u00dcberschuss an Freizeit im Nebenjob Kinoplakate malen, der Diktator selbst eine akut-chronische Alarmstufe Rot f\u00fcr die eigene Sicherheit ausruft. Und er damit trotz Paranoia v\u00f6llig richtig liegt, w\u00e4hrend der CIA-Chef mit einem Saudi-Prinzen zum Abendessen nach Pakistan um die Wette jettet? So war das damals, wilder wahrscheinlich. Oder k\u00f6nnte so gewesen sein, wie uns Mohammed Hanif in \u2018Eine Kiste explodierender Mangos\u2019 nahe legt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im \u2018Hexenkessel\u2019 Islamabad, wo Verschw\u00f6rungen und Dinner-Partys dem einen oder anderen fast den Lebensmut rauben, ist einiges im Gange. Das wei\u00df auch Staatschef Zia ul-Haq, den allerdings erst die Lekt\u00fcre eines beunruhigenden Koran-Verses g\u00e4nzlich verunsichert. Am 17. August 1988 stieg der (reale) pakistanische Staatschef mit einer Reihe seiner wichtigsten Gener\u00e4le und dem amerikanischen Botschafter in ein Flugzeug, das umgehend nach dem Start abst\u00fcrzte. Attentat oder Unfall ? Diese Frage konnte trotz offizieller Untersuchungen nie eindeutig gekl\u00e4rt werden. Bis heute klingt die Attentat-Theorie plausibler, machte sich General und Staatschef Zia doch innerhalb seiner elfj\u00e4hrigen Amtszeit eine Menge Feinde. Kaum hatte er sich an die Macht geputscht, f\u00fchrte er strengstes Kriegsrecht ein, lie\u00df von einem Gericht die Hinrichtung seines Vorg\u00e4ngers Zulfikar Ali Bhutto absegnen und f\u00f6rderte eine starke Islamisierung im Land. Au\u00dfenpolitisch blieb er jedoch ein bester Freund Amerikas und trug nicht wenig dazu bei, dass afghanische Guerilla-Truppen, die Mudschaheddin, die sowjetische Armee aus ihrem Land vertreiben konnten. Dass dann die Taliban das Land \u00fcbernahmen und al-Qaida m\u00e4chtige Dinge ausbr\u00fctete, schien vorerst niemanden zu st\u00f6ren. Der Diktator Zia hingegen sa\u00df zwischen allen St\u00fchlen. Und es gab einige, die \u00fcber die Lust und die Macht verf\u00fcgten, Zia ul-Haq aus der Luft zu bomben. Sein eigener Geheimdienst schien ihm nicht sicher. Andere politische Gruppierungen wollten sich im Vielv\u00f6lkerstaat Pakistan nicht ausrotten lassen. Die eigenen Gener\u00e4le waren unzufrieden. Alte Feinde wie Indien, die Sowjet-Union, die Israelis sowie Gruppierungen in Afghanistan \u2013 immer weniger schienen Zia wohlgesinnt. Auch die CIA wird in den allgemein bekannten Verschw\u00f6rungs-Mord-Theorien genannt. Und zwar u. a. mit der f\u00fcr den Roman Titel gebenden Kiste Mangos, in die \u2013 so das Ger\u00fccht \u2013 die CIA ein Nervengas gef\u00fcllt haben k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Real-Satire \u2018Eine Kiste explodierender Mangos\u2019 musste Mohammed Hanif also kaum tief in die Trickkiste greifen, die realen Ereignisse sowie die Spekulationen um diese sind grotesk genug. In einer Diktatur, so sagt man, f\u00fcrchten sich alle vor einem und einer vor allen. Dass daran was dran ist, zeigt uns Hanif, wenn er uns durch Zias letzte Monate f\u00fchrt : Ein von Furcht und Paranoia gezeichneter Diktator, der bis zuletzt an Selbstherrlichkeit und Arroganz festh\u00e4lt und den eigenen Tod ebenso f\u00fcrchtet wie die vermeintliche Fehlinterpretation seiner Taten durch die Nachwelt. Und ein von Armut und Sharia gebeuteltes Land, das der Willk\u00fcr des Diktators ausgeliefert ist. Dazu zaubert Hanif einen Luftwaffenkadetten, der als (fiktiver) einziger \u00dcberlebender des Flugzeugabsturzes erz\u00e4hlen kann, was wirklich geschah. Ganz clever arrangiert Hanif hier alle m\u00f6glichen Mord-Verschw\u00f6rungstheorien und f\u00fcgt noch einige weitere an : So verfolgt Luftwaffenkadett Ali Shigri z. B. sein ganz privates Vergeltungskomplott. Der Fluch einer zur Steinigung verurteilten blinden Frau, die mehrfach vergewaltigt wurde, greift ins Geschehen ein, eine Kr\u00e4he folgt ihrem Schicksal und ein abgelagertes s\u00e4miges Gift sowie einige \u00fcble Bandw\u00fcrmer tun ihr \u00dcbriges. Am Ende stellt sich nur eine Frage : Wie vieler Mordkomplotte bedarf es denn, um einen Einzelnen umzubringen ?<\/p>\n\n\n\n<p>Mohammed Hanif n\u00e4hert sich dem Diktator Zia und zeigt doch in dessen Innenschau nur, dass hier mehr L\u00fcster als Licht zu finden ist, das gesamte Lametta nur Inkompetenz und Selbstzweifel \u00fcbert\u00fcncht. In der zweiten gro\u00dfen Erz\u00e4hlperspektive f\u00fchrt Hanif in eine desolate Armee ein, die von Korruption und Inkompetenz nur so strotzt und ihre Gegner in Folterverliesen verrotten l\u00e4sst. Das ist in den einzelnen, alternierenden Szenen ebenso am\u00fcsant wie erschreckend, da Hanif die Story klug montiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Und doch bleibt das ganz gro\u00dfe Feuerwerk aus. Zu berechnend oder berechenbar ist Hanifs Erz\u00e4hlstrategie. Slapstick-Szenen \u00fcberraschen zwar immer wieder, das (Humor-)Kalk\u00fcl jedoch wird absehbar, der Abgesang auf Milit\u00e4r und Diktatur ger\u00e4t zu wenig originell. Und auch die Dramaturgie will nicht recht kulminieren. Oder \u2013 um im Bild zu bleiben \u2013 am Ende st\u00fcrzt die C-130 vom Himmel, doch der gro\u00dfe Knall, die Explosion im Text, bleibt aus. Die Armee, der Krieg, so erz\u00e4hlt uns Hanif, sind eine Farce. Diktatur eine unmenschliche Veranstaltung, die von au\u00dfen wie von innen (aus der Distanz) betrachtet einem Panoptikum gleicht. Aber solch simple Einsichten schaden \u2018Eine Kiste explodierender Mangos\u2019 nicht wirklich. Hanif liefert auf geistreiche Weise dem Leser eine Menge Einblicke in ein dunkles Kapitel Pakistans. Die Islamische Republik Pakistan, die Nuklearmacht, die ebenso als Pulverfass wie als ein engster Verb\u00fcndeter Amerikas im Kampf gegen radikal islamischen Terror gilt, wirkte und wirkt ordentlich am Weltgeschehen mit. \u2018Eine Kiste explodierender Mangos\u2019 bietet einen spannenden Blick auf Pakistan im Besonderen und den Wahnsinn von Diktaturen im Allgemeinen. Hanif, der nach l\u00e4ngerem Auslandsaufenthalt inzwischen als BBC-Reporter wieder in Pakistan lebt, hat eine b\u00f6se Farce geschrieben, die f\u00fcr s\u00fcdasiatische Verh\u00e4ltnisse wahrscheinlich noch viel respektloser ist, als man sie im Westen wahrnimmt. 2008 war Mohammed Hanif f\u00fcr den <em>Man Booker Prize<\/em> nominiert. Gerade wurde er mit dem <em>Commonwealth Writers\u2019 Prize <\/em>f\u00fcr sein Debut ausgezeichnet. Also \u2013 trotz der kleinen, knickrigen Vorbehalte der Rezensentin &#8211; es l\u00e4uft f\u00fcr Hanif ! Wunderbar sogar.<\/p>\n\n\n\n<p>Mohammed Hanif : Eine Kiste explodierender Mangos  (A Case of Exploding Mangoes, 2008). Roman. Deutsch von Ursula Gr\u00e4fe.  M\u00fcnchen : A 1 2009. 383 Seiten. 22,80 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn 1988 in Islamabad, Pakistan, zum 4. Juli in der amerikanischen Botschaft eine Grillparty unter dem Motto \u2018Kabul &#8211; Texas\u2019 steigt, dann kost\u00fcmieren sich die (wohlgemerkt) amerikanischen G\u00e4ste gern und \u00fcberschw\u00e4nglich als afghanische Stammesf\u00fcrsten. Und wenn der OBL (Osama Bin Laden) anklopft und ihm der \u00f6rtliche CIA-Chef im Vor\u00fcbergehen anerkennend zuraunt : \u201cGute Arbeit. 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