{"id":21597,"date":"2009-04-20T06:06:44","date_gmt":"2009-04-20T06:06:44","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/04\/krimistammtisch-charles-den-tex-die-zelle\/"},"modified":"2022-06-15T02:28:01","modified_gmt":"2022-06-15T00:28:01","slug":"krimistammtisch-charles-den-tex-die-zelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/04\/krimistammtisch-charles-den-tex-die-zelle\/","title":{"rendered":"Krimistammtisch: Charles den Tex, Die Zelle"},"content":{"rendered":"\n<p><em>F\u00fcnf aufmerksame Leserinnen und Leser haben am Krimistammtisch Platz genommen: \u2192<a href=\"http:\/\/krimilady.blogspot.com\/\">Henny Hidden<\/a>, Thomas Elfers, \u2192<a href=\"http:\/\/mord-und-buch.de\">Kirsten Reimers<\/a>, \u2192<a href=\"http:\/\/www.alligatorpapiere.de\/feldmanns-schusswechselindex.html\">Joachim Feldmann<\/a> und dpr. Sie erz\u00e4hlen von ihrer Lekt\u00fcre des Kriminalromans &#8222;Die Zelle&#8220; des Holl\u00e4nders Charles den Tex. Es werden keine Bierkr\u00fcge auf K\u00f6pfen zerschlagen, keine un\u00fcberwindlichen Gr\u00e4ben tun sich auf. Man ist sich, im Groben, einig: &#8222;Die Zelle&#8220; ist ein verdienstvolles, aber kein \u00fcberragendes Buch. Jede \/ jeder findet St\u00e4rken und Schwachstellen, das Spannende daran: jede \/ jeder findet andere. Dar\u00fcber morgen etwas mehr. F\u00fcr heute: die f\u00fcnf Rezensionen. <\/em><br \/>Seitdem ich John Katzenbachs \u201ePatienten\u201c gelesen habe, ist mir deutlich geworden, dass man mit einem Krimi, dessen Thema um einen Identit\u00e4tsverlust kreist, gro\u00dfe Spannung erzeugen kann.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>In der Tat k\u00f6nnen wir in Charles den Tex\u2019 Krimi \u201eDie Zelle\u201c eine \u00e4hnliche Vorgehensweise wie bei John Katzenbach beobachten. Verfolgen wir in der ersten H\u00e4lfte des Buches, wie das Opfer allem beraubt wird, was ihn einmal als unverwechselbares, identifizierbares Individuum auswies, erleben wir in der zweiten H\u00e4lfte, wie es mit der Wucht und H\u00e4rte eines Outlaws zur\u00fcckschl\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und da sich jeder in unserer zivilisatorischen Gesellschaft vorzustellen vermag, was es bedeutet, seiner Identit\u00e4t verlustig zu gehen, ist die Einf\u00fchlung in den Protagonisten schon fr\u00fchzeitig so stark fortgeschritten, dass der Vorschuss reicht, um f\u00fcr einen Bucherfolg alles Weitere aus dem professionellen Krimi\u00e4rmel zu sch\u00fctteln.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber Charles den Tex zieht einen gr\u00f6\u00dferen Rahmen. Bevor wir da landen, betrachten wir die Ausgangssituation.<\/p>\n\n\n\n<p>Michael Bellicher, ein Amsterdamer Unternehmensberater, muss als Zeuge eines Autounfalls bei der polizeilichen Vernehmung feststellen, dass sich jemand seiner Identit\u00e4t bem\u00e4chtigte, um damit kriminelle Taten zu ver\u00fcben, die ihn an den Rand seiner Existenz bringen. Bis ihm das Ausma\u00df dieses Identit\u00e4tsdiebstahls bewusst wird und er Gegenma\u00dfnahmen ergreift, wird er noch tiefer in den Strudel gerissen. Es wird ihm klar, dass es im ersten Schritt der Gegenwehr nicht nur um das Aufdecken der f\u00fcr die kriminellen Aktionen verantwortlichen Namen geht, sondern um das Begreifen des dahinter stehenden Systems, um so die Schwachstellen zu finden, von denen er angreifen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Und da Unternehmensberater zwar mit betrieblichen Zahlenkolonnen und werbewirksamen Imagebildchen vertraut sind, dem rauen Leben aber unvertraut, unbeholfen gegen\u00fcberstehen, werden Michael Bellicher einige Personen beiseite gestellt, die ihm bei dem aktionsreichen Kino, was \u00fcber weite Strecken abl\u00e4uft, unterst\u00fctzen. Da lernen wir Richard, den Studenten, kennen, der nicht wie sonst \u00fcblich muskelbepackt den schlagkr\u00e4ftigen Part \u00fcbernimmt, sondern in einer intelligenteren Variante besonders geistesgegenw\u00e4rtig reagieren kann, und Klasman, den schneidigen Rechtsanwalt, dessen Verbindungen bis in die h\u00f6chsten Kreise reichen, und der in misslichen Situationen unkompliziert helfen wird. Und da wir mit dem Autor die Erkenntnis teilen, dass man in einem harten Thriller auch etwas Weiches, Weibliches f\u00fcrs Gem\u00fct braucht, wird die zwielichtige, aber sehr attraktive Rechtsanw\u00e4ltin Gusje unseren Helden mit einigen Sch\u00e4ferst\u00fcndchen aufzumuntern wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass dann die ersten Spuren ins Prekariatsmilieu f\u00fchren, entt\u00e4uscht nicht nur den Protagonisten, sondern auch den Leser, der durch medialen Konsum auf Verschw\u00f6rungsszenarien programmiert ist. Doch dem Autor gelingt es geschickt, verschiedene Lebensr\u00e4ume miteinander zu verkn\u00fcpfen, sodass der Leser keine Spannung verliert.<\/p>\n\n\n\n<p>Inmitten der Verfolgungsjagden passiert dem Helden etwas, was seinen inneren Halt ins Wanken bringt. Nach einem Terroralarm wird Michel Bellicher bei einer routinem\u00e4\u00dfigen \u00dcberpr\u00fcfung direkt in ein Milit\u00e4rgef\u00e4ngnis eingeliefert. Kurioserweise war er einmal als Unternehmensberater an der Ausarbeitung derartiger Einsatzrichtlinien beteiligt. Sich zur Elite zu z\u00e4hlen, aber es keinem beweisen zu k\u00f6nnen, f\u00fcgt dem Ganzen schon eine tragikkomische Komponente zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schlimmste, was einem auf dieser Seite des Erdenballs passieren kann, ist, als mutma\u00dfliches Mitglied einer fundamentalistisch-islamischen Vereinigung verd\u00e4chtigt zu werden. Die Untersuchungsmethoden, denen man sich bei den Milit\u00e4rs bedient, werden sehr eindrucksvoll geschildert, und diese Seiten geh\u00f6ren zu den st\u00e4rksten Passagen des Buches. Sicher zieht man Parallelen und zusammen mit jenen d\u00fcrftigen Angaben, die man \u00fcber die abgeschotteten Milit\u00e4rgef\u00e4ngnisse dieser Welt medial aufbereitet erworben hat, steigert sich nicht nur das Ohnmachtsempfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun, letztlich wird der Kampf um die Wiedergewinnung der Identit\u00e4t Bellichers intellektuell gef\u00fchrt und gewonnen. Wie mit virtuellen Angriffen der realiter Gegner aus der Defensive gelockt wird, wurde vom Autor sehr \u00fcberzeugend dargestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch, was w\u00e4re ein derartiger Thriller ohne eine Verschw\u00f6rung?<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn man meinte, angesichts des Datenmissbrauchs in unserem vernetzten Leben w\u00fcrde das fiktive Spiel mit den geraubten Identit\u00e4ten genug Brisanz beinhalten, um uns unsere Machtlosigkeit vorzuf\u00fchren, mit der Einbettung des Intrigenspiels staatlicher Ordnungsm\u00e4chte wird uns bewusst, wo die Grenzen unseres demokratischen Systems liegen.<br \/>Dass sich Allianzen schmieden, die als Staat im Staat sozusagen agieren und unter dem Deckmantel des wohlverstandenen Gemeinschaftsinteresses ihren eigenen Krieg f\u00fchren, dass diese sich als Elite begreifend mit gen\u00fcgend krimineller Energie ausgestattet sind, um die B\u00fcrgerrechte einzelner mit F\u00fc\u00dfen zu treten, das wollen wir ins Reich der Phantasie verbannen und nur dorthin, oder glauben wir etwa, dass die gew\u00e4hlten Volksvertreter nicht willens oder nicht f\u00e4hig sind, ihre Exekutive zu kontrollieren, denn wenn es vorstellbar w\u00e4re, dass sie diesem nicht nur national beschr\u00e4nkten Problem mit l\u00e4ppischen Untersuchungssaussch\u00fcssen begegnen, m\u00fcsste man es f\u00fcr skandal\u00f6s halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Buch k\u00f6nnte ein spannender Film werden. Ansonsten, ein gr\u00e4ssliches Cover.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Henny Hidden<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2009\/cover\/tex_trenner.jpg\" alt=\"tex_trenner.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Ambitionen sind zweifellos etwas Positives; sie bringen uns voran. Doch f\u00fcr einen Leser stellt sich nur ein sehr eingeschr\u00e4nkter Genuss ein, wenn ein Autor sich nicht auf seine schriftstellerischen St\u00e4rken besinnt, sondern sich auch auf anderen Gebieten versucht, die ihm nicht liegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Erstaunlich wenige Krimiautoren haben bisher die sich aus dem Internet ergebenden M\u00f6glichkeiten neuer Kriminalit\u00e4ts-Formen mehr als nur beil\u00e4ufig thematisiert. Mir fallen hier nur P.J. Tracy und Jeffrey Deaver\u2019s neustes Werk \u201eDer T\u00e4uscher\u201c ein. So ist allein die zentrale Thematik eines \u201eIdentit\u00e4tsdiebstahls\u201c erfrischend und zudem \u00fcberaus anregend, \u00fcber die diesbez\u00fcglich ganz realen M\u00f6glichkeiten und dem eigenen Umgang mit Daten nachzudenken. Im Idealfall kann ein solches Buch, wenn es von den \u201erichtigen\u201c Leuten gelesen wird, einen politischen Prozess ansto\u00dfen, Datenschutz als echtes Gemeinwohlinteresse und nicht als blo\u00dfe Spinnerei wahrzunehmen. So passt es wunderbar zu diversen Vorf\u00e4llen der letzten Zeit und ist allein deshalb lesenswert.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die literarische Qualit\u00e4t gilt das allerdings nur sehr bedingt. Einerseits hat es Charles den Tex wie nur wenige seiner Kollegen drauf, Action zu beschreiben. Der anf\u00e4ngliche Autounfall bzw. die Beobachtung desselben, die Verfolgungsjagd durch die Gew\u00e4chsh\u00e4user und im Amsterdamer Bahnhof einschlie\u00dflich des \u201eVorspiels\u201c im Zug waren reines, durchaus virtuoses Kopfkino. Dennoch habe ich seltsamer Weise an keiner Stelle \u2013 ganz im Gegensatz etwa zu dem v. g. Buch von Deaver &#8211; Spannung empfunden. Das Buch hat mich ohnehin lediglich bei der Beschreibung des Schicksals der Br\u00fcder ber\u00fchrt, ansonsten aber v\u00f6llig kalt gelassen, obwohl es keineswegs ein kopflastiges Buch ist. Dies wird vermutlich an der gro\u00dfen Schw\u00e4che dieses Romans liegen, den handelnden Figuren.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zu der Handlung bleiben diese n\u00e4mlich geradezu comichaft flach. So ist es den Tex nicht ansatzweise gelungen, mir etwa die f\u00fcr seinen Plot ganz zentrale Hilflosigkeit seiner Hauptperson Bellicher nachvollziehbar zu machen. Und wenn man sich flache Figuren in eine sehr plastische Handlungsbeschreibung hineindenkt, dann kommt dabei etwas sehr irritierendes heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Eindeutig nervig wird \u201eDie Zelle\u201c allerdings dort, wo den Tex auch noch versucht, mehr als actionlastige Unterhaltung zu schreiben. So schiebt er immer wieder Passagen ein, die ich als psychologisierend oder belehrend empfunden habe, etwa die politische Dimension seiner Geschichte. Und das wirkt sehr aufgesetzt und gewollt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Ergebnis bleibe ich ratlos, was ich von dem Buch halten soll. Es ist in seiner Qualit\u00e4t ungew\u00f6hnlich uneinheitlich. F\u00fcr einen unge\u00fcbten Rezensenten schwer greifbar.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Thomas Elfers<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2009\/cover\/tex_trenner.jpg\" alt=\"tex_trenner.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich habe mir gestern verschiedene Modelle von Aktenvernichtern angeschaut. Die Passw\u00f6rter von zwei E-Mail-Konten muss ich noch \u00e4ndern. Alles eine Folge dieses Thrillers. Mir ist eine Gefahr bewusster geworden, die ich vorher nicht so ernst genommen habe \u2013 das passiert doch eh nur anderen, die leichtfertig mit ihrer Kreditkarte umgehen, dachte ich. Tja. Das Dumme\/Gute an dieser Geschichte ist: Ich kann nicht wie bei anderen Thrillern sagen, dass mir das nie passieren w\u00fcrde. Das Realit\u00e4tsnahe, das direkt mein Leben Ber\u00fchrende \u2013 das ist schon mal ein gro\u00dfer Pluspunkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das besonders Gute sind die zwei miteinander verzahnten Ebenen des Verbrechens, das macht es noch glaubw\u00fcrdiger. Die personale Ebene mit Ruud Zwaal, der aus einer pers\u00f6nlichen finanziellen Notlage und einem etwas schiefen Verantwortungsgef\u00fchl seiner Familie gegen\u00fcber ins Kriminelle rutscht \u2013 und die Ebene seiner Kunden dar\u00fcber, die undurchdringliche Sph\u00e4re der Terrororganisationen\/Nachrichtendienste. Dort spielen keine pers\u00f6nlichen Interessen eine Rolle, dort geht es um \u00fcbergeordnete Motivationen. Also eher abstrakt. Sehr gef\u00e4llt mir, dass der \u00dcbergang vom Pers\u00f6nlichen zum Abstrakten \u00fcber den Warenhandel l\u00e4uft \u2013 und wie symbolisch bei aller Konkretheit noch dazu: Indem das Pers\u00f6nlichste, die Identit\u00e4t des Individuums, auf Papier und in Daten gebannt werden kann, wird es zu Ware \u2013 auch hier ein Wechsel vom Personalen zum Abstrakten.<\/p>\n\n\n\n<p>Folgerichtig l\u00e4sst sich der Strang aufkl\u00e4ren, in dem pers\u00f6nliche Gef\u00fchle eine Rolle spielen. Das ist greifbar, erkl\u00e4rbar. Auch s\u00fchnbar \u2013 wegen der personalen Komponente. Die Ebene dar\u00fcber bleibt unangreifbar. Sie besteht unabh\u00e4ngig von den einzelnen Personen. Darum gibt es keine pers\u00f6nliche Schuld. Ermittler, die emotional motiviert sind, k\u00f6nnen auf dieser Ebene nichts ausrichten. Das ist eine andere Liga.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon mehrere Pluspunkte.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Realit\u00e4tsnahen der Gesamtszenerie tritt das Realistische einzelner Szenen. Die Zerm\u00fcrbung im Milit\u00e4rgef\u00e4ngnis ist sehr beklemmend geschildert. Der Verlust des Selbst oder zumindest die Zweifel an der eigenen Identit\u00e4t \u2013 das ist sehr nachvollziehbar und bedrohlich. Ich musste zwischendrin vorbl\u00e4ttern (das lehne ich sonst grunds\u00e4tzlich ab!), nur um zu sehen, ob Michael Bellicher eines Tages wieder mit anderen Personen spricht. Das Bed\u00fcrfnis nach vertrauensvoller Kommunikation wurde bei mir \u00fcberm\u00e4chtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Daran zeigt sich eine weitere Qualit\u00e4t des Thrillers: Ich hatte bei aller Genrekenntnis keine Ahnung, worauf das hinausl\u00e4uft. Alles war denkbar. Die v\u00f6llig Zerst\u00f6rung des Selbst der Hauptfigur schien mir (trotz Ich-Form) ebenso glaubhaft wie die M\u00f6glichkeit, dass Bellicher tats\u00e4chlich in die Verbrechen verstrickt ist, die man ihm vorwirft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe das erste Buch mit Bellicher von den Tex nicht gelesen, darum war mir die Hauptfigur unbekannt. Und sie war mir unsympathisch: ein geleckter Unternehmensberater, der sich was auf seine Schnelligkeit und seine elektronischen Ger\u00e4te einbildet. Und als es dann immer wieder hie\u00df, vor zwei Jahren h\u00e4tte er unter Mordverdacht gestanden, seine Freundin sei ermordet, seine Existenz zerst\u00f6rt worden \u2013 da wurde er mir noch dubioser. Schlie\u00dflich kann kein Mensch ohne Grund so viel Pech haben. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass es sich dabei um R\u00fcckbez\u00fcge auf das Vorg\u00e4ngerbuch handelt und nicht um eine hintergr\u00fcndig ihre Wirkung entfaltende Charakterisierung der Hauptfigur.<\/p>\n\n\n\n<p>Da schimmert die erste Schw\u00e4che des Thrillers durch.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch ihre fr\u00fcheren Erlebnisse wird die Hauptfigur unglaubw\u00fcrdig. Wem begegnen so viele Verbrechen, ohne dass er Polizist oder Krimineller ist? Auch Teile der Konzeption des Thrillers werden auf diese Weise fraglich: Wozu sind diese R\u00fcckbez\u00fcge notwendig? Sie bringen keinen Erkenntnisgewinn, im Gegenteil: Sie werfen ein falsches Licht auf die Hauptfigur. Warum nicht eine neue Figur w\u00e4hlen? Warum muss eine Krimiserie entstehen?<\/p>\n\n\n\n<p>Mit den ersten Zweifeln kommen weitere hinzu, kleine Gifttropfen, die das Gesamterlebnis tr\u00fcben. Die Wahl der Erz\u00e4hlperspektive ist prima. Konsequent aus Sicht einer Figur in Ich-Form. Dem Thema angemessen. Das Ich bleibt als Stimme \u2013 aber mit welcher Identit\u00e4t? Das wird nicht explizit ausgef\u00fchrt, schwingt aber mit. Was macht Identit\u00e4t aus? Allerdings rutscht der Erz\u00e4hler manchmal in einen auktorialen Habitus. Dann wei\u00df er auf einmal, was andere denken, f\u00fchlen, was sie antreibt. Schnell wird dann hinterhergeschoben: \u201edas stelle ich mir zumindest so vor\u201c (oder \u00c4hnliches) \u2013 aber da ist\u2019s schon zu sp\u00e4t. Konstrukt durchbrochen. Das wirkt etwas ungelenk.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu kommen weitere Unbeholfenheiten \u2013 merkw\u00fcrdige Zusammenfassungen des Geschehens, die vermuten lassen, dass der Autor den \u00dcberblick \u00fcber das verloren hat, was er gerade geschrieben hat; die Darstellung von Erleben durch Zuschreibungen, nicht durch das, was Figuren sagen oder tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Gut \u2013 da werde ich pingelig. Aber alles in allem sagt es mir, dass ich den Thriller gut finde, realistisch, spannend, durchdacht \u2013 aber begeistert bin ich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Sache allerdings finde ich richtig klasse: Bellicher merkt, dass er andere braucht, um er selbst zu sein. Ohne soziales Netz, ohne Unterst\u00fctzung keine Identit\u00e4t. Auch keine Fallaufkl\u00e4rung. Das ist prima. Mir h\u00e4ngen die taffen Alleinunterhalter zum Hals heraus. Die beziehungsunf\u00e4higen Ermittler \u2013 ob nun Profi oder Amateur \u2013, die in Selbstmitleid und sozialer Inkompetenz baden \u2013 sie sind Dinosaurier. In der heutigen Welt weder glaubw\u00fcrdig noch \u00fcberlebensf\u00e4hig. Das Heute ist viel zu zersplittert, zu spezialisiert, in Nischen aufgeteilt und gleichzeitig zu vernetzt, als dass ein Einzelner sich darin zurechtfinden kann (nicht ohne Grund gibt es eine riesige Beraterbranche und umfangreiche Ratgeberliteratur zu allem und jedem). Was bei Hammett und Chandler noch ging, ist heute undenkbar. Jeder einsame Wolf ist ein l\u00e4cherliches Fossil.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kirsten Reimers <\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2009\/cover\/tex_trenner.jpg\" alt=\"tex_trenner.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>\u201eJemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas B\u00f6ses getan h\u00e4tte, wurde er eines Morgens verhaftet.\u201c <\/em>So lautet einer der ber\u00fchmtesten Romananf\u00e4nge der Weltliteratur, und man kommt bei der Lekt\u00fcre des niederl\u00e4ndischen Thrillers \u201eDie Zelle\u201c nicht umhin, an Kafka zu denken. Dabei sollte Michael Bellicher, der von den Polizisten, die er als Zeuge eines schwere Verkehrsunfalls selbst herbeigerufen hatte, festgenommen wird, l\u00e4ngst nicht so erstaunt sein wie Josef K., den man bis zu seiner Hinrichtung im Unwissen dar\u00fcber l\u00e4sst, was ihm eigentlich vorgeworfen wird. Schlie\u00dflich ist Bellicher bereits in Charles den Tex erstem in Deutschland ver\u00f6ffentlichten Roman \u201eDie Macht des Mr. Miller\u201c zum Spielball des Treibens finsterer M\u00e4chte geworden und kennt sich mit den durch das weltweite Netz erm\u00f6glichten Manipulationen bestens aus. Dass er dennoch schockiert ist, als ihm vorgeworfen wird, einen Unfall mit Todesfolge verursacht und anschlie\u00dfend Fahrerflucht begangen zu haben, geh\u00f6rt zu den Spielregeln dieses Thrillers, dem es um nichts weniger als die Fragilit\u00e4t der eigenen Identit\u00e4t in der digitalisierten Gesellschaft geht. Und schon bald folgen weitere Indizien, die belegen, dass Bellichers b\u00fcrgerliche Existenz als erfolgreicher Unternehmensberater in h\u00f6chstem Ma\u00dfe gef\u00e4hrdet ist. So platzt ein auf seinen Namen get\u00e4tigter Kredit \u00fcber einen Millionenbetrag, w\u00e4hrend er sich pl\u00f6tzlich als Eigent\u00fcmer heruntergekommener Gew\u00e4chsh\u00e4user wiederfindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber im Unterschied zu Josef K. wei\u00df Bellicher sich zu wehren, verf\u00fcgt er doch \u00fcber einen einflussreichen Kompagnon, der ihm ein schlagkr\u00e4ftiges Team zur Seite stellt. Ein gewiefter Anwalt, IT-Spezialisten mit nahezu magischen Fertigkeiten und ein fast perfekter Leibw\u00e4chter machen den Kampf gegen die Identit\u00e4tsr\u00e4uber beinahe zum Vergn\u00fcgen. Dies gilt zumindest f\u00fcr den Leser, der nicht einen Moment daran zweifelt, dass die Welt des Michael Bellicher am Ende wieder halbwegs in Ordnung kommt. Bis zum n\u00e4chsten Mal nat\u00fcrlich.<br \/>Charles den Tex\u2019 Thriller nutzen das reale Bedrohungspotenzial der Internet-Kriminalit\u00e4t als handlungstragendes Element, ohne daraus wirklich \u00e4sthetische Konsequenzen zu ziehen. Allem Computer-Schnickschnack zum Trotz bedient sich der Autor, wie schon in \u201eDie Macht des Mr. Miller\u201c, literarischer Techniken, die auch schon im 19. Jahrhundert daf\u00fcr gesorgt haben, dass Leses\u00fcchtige den weltweiten Verschw\u00f6rungsszenarien der Kolportageproduzenten verfielen. Und es ist sch\u00f6n festzustellen, dass diese Rezepte noch immer zum gew\u00fcnschten Ergebnis f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Joachim Feldmann<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2009\/cover\/tex_trenner.jpg\" alt=\"tex_trenner.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Krimi als Transporteur gesellschaftlicher Aufkl\u00e4rung? Im 19. Jahrhundert war das durchaus Usus, denn auf den leichten Schiffchen des Trivialen konnten Informationen und Meinungen auch jene Str\u00e4nde ansteuern, die zuvor mit solcher Fracht kaum rechnen konnten. Aber heute? Im Informationszeitalter? \u2013 Ist es immer noch vonn\u00f6ten. Es geht um nichts weniger als unsere Identit\u00e4t, die sich windige Datensucher, vor allem via Internet, St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck aneignen, mal klammheimlich, mal dreist-offen. Und viele der potentiellen Opfer agieren dabei als Helfershelfer. Man hat ja nichts zu verbergen, gelt? Es geht doch um die &#8222;Community&#8220;, den schlichten Spa\u00df, das Schn\u00e4ppchen. So entstehen Bewegungsprofile, Konsumprofile, Pr\u00e4ferenzprofile f\u00fcr alle Gelegenheiten, gar Krankheitsprofile, die man in Personalabteilung aufmerksam studiert. Daten allesamt, die dazu geeignet sind, Identit\u00e4t zu manipulieren, einzugrenzen, beruflich zu zerst\u00f6ren. \u2013 Und am Ende ganz auszul\u00f6schen?<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist das Thema des Kriminalromans &#8222;Die Zelle&#8220;. Es ist ein wichtiges, ein h\u00e4ufig untersch\u00e4tztes Thema, es sind Informationen, die wir zwar kennen sollten, zugunsten anderer Dinge \u2013 nicht selten solchen, die man uns zur Ablenkung hinwirft, einen gekreuzigten Klinsmann beispielsweise \u2013 aber str\u00e4flich vernachl\u00e4ssigen. Der Kriminalroman nun, das noch immer leichte Schiffchen, transportiert uns die Problematik ins Bewusstsein. Mit ihren eigenen, manchmal starkgeb\u00e4rdigen Methoden.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Die Zelle&#8220; beginnt grandios. Ein Unschuldiger ger\u00e4t in die M\u00fchlen der Justiz, soll einen Unfall mit Todesfolge und Fahrerflucht auf dem Kerbholz haben, die Fakten sind eindeutig. Er kann es sich nicht erkl\u00e4ren, er bockt, er schreit, er bricht zusammen, er sch\u00f6pft Hoffnung, er wei\u00df nicht, wie ihm geschieht. Als Leser wird man in den Text gezogen und fragt sich, was der Autor daraus machen wird. Etwas Kafkaeskes? Eine negative Utopie gar, die am Ende keinen Trost bereithalten wird? Nat\u00fcrlich nicht. Wir lesen einen Kriminalroman, einen recht flotten, leicht konsumierbaren dazu, alle Bausteine des Genres inklusive. Dass etwa jener Unfall, den der Protagonist beobachtet, mit seinem eigenen Schicksal zusammenh\u00e4ngt (und nat\u00fcrlich gar kein Unfall war), das ahnen wir schnell. Okay, Zuf\u00e4lle passieren, in Krimis aber vielleicht ein wenig zu h\u00e4ufig, ein wenig zu offensichtlich, was die Story betrifft.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir lesen einen Kriminalroman. Und sehr schnell baut sich eine Achse der Guten auf, die gegen die Achse des B\u00f6sen zu Felde ziehen wird. Jetzt wissen wir: Das Gute wird am Ende siegen. Dass gerade diese Guten etwas blass bleiben, schemenhaft \u2013 nun ja. Es ist wohl Absicht, denn &#8222;Die Zelle&#8220; ist ein Buch, das den Widerstand gegen den Identit\u00e4tsklau propagiert und vorgibt, dieser Widerstand k\u00f6nne Erfolg haben. Dass die &#8222;B\u00f6sen&#8220; vielschichtiger beschrieben werden und am Ende die Trennung der beiden Seiten f\u00fcr einen Moment aufgehoben wird, das ist gut gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie \u00fcberhaupt vieles in diesem Roman gut gemacht ist. Die Schilderung der n\u00e4chtlichen geheimen Zukunft der &#8222;Identit\u00e4tslosen&#8220; etwa. Nat\u00fcrlich pointiert wie alles in diesem Roman, besonders der Identit\u00e4tsklau selbst, der in Wirklichkeit weit weniger spektakul\u00e4r ablaufen d\u00fcrfte. Gelungen auch des Helden traumatische Erlebnisse in der Gewalt des Geheimdienstes, in der &#8222;Zelle&#8220;, mit all den mehr oder weniger subtilen Arten der Folter. Auch der Grund, warum man Menschen um ihre Identit\u00e4t bringt, ist mehr als real. Die gestohlenen Identit\u00e4ten werden n\u00e4mlich &#8222;islamischen Fundamentalisten&#8220; zur Verf\u00fcgung gestellt. Und diese Angst vor dem Fundamentalismus, der schnell zu Terror werden kann, liegt wie ein best\u00e4ndiges Rauschen \u00fcber der eigentlichen Handlung. Das hat Gr\u00fcnde, das kommt auch in Holland nicht von ungef\u00e4hr, wie man es auch im 2004 erschienenen Roman &#8222;Der Tod des Kandidaten&#8220; von Tomas Roll auf fast jeder Seite lesen kann. Holland hat ein Problem mit der &#8222;\u00dcberfremdung&#8220;, mit Minderheiten generell \u2013 und unterscheidet sich darin kein Bisschen vom Rest der sogenannten &#8222;Ersten Welt&#8220;.<br \/>&#8222;Die Zelle&#8220;: Ein Kriminalroman, der eine wichtige, vernachl\u00e4ssigte Information transportiert, ohne das Ganze ebenso &#8222;k\u00fcnstlerisch&#8220; wie verkaufssch\u00e4digend zu durchdringen. In Ordnung. Das ist so trivial, wie es sein soll, um seine &#8222;Zielgruppe&#8220;, den Spannungsjunkie zu erreichen und zu befriedigen. Sollte die Information h\u00e4ngenbleiben und &#8222;sensibilisieren&#8220;: recht so. Wir brauchen wahrscheinlich noch viel mehr Romane wie &#8222;Die Zelle&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Charles den Tex: Die Zelle. <br \/>Grafit 2009 (Cel, 2008, deutsch von Stefanie Sch\u00e4fer). <br \/>446 Seiten. 19,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcnf aufmerksame Leserinnen und Leser haben am Krimistammtisch Platz genommen: \u2192Henny Hidden, Thomas Elfers, \u2192Kirsten Reimers, \u2192Joachim Feldmann und dpr. Sie erz\u00e4hlen von ihrer Lekt\u00fcre des Kriminalromans &#8222;Die Zelle&#8220; des Holl\u00e4nders Charles den Tex. Es werden keine Bierkr\u00fcge auf K\u00f6pfen zerschlagen, keine un\u00fcberwindlichen Gr\u00e4ben tun sich auf. 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