{"id":21598,"date":"2009-04-21T07:46:56","date_gmt":"2009-04-21T07:46:56","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/04\/krimistammtisch-nachklapp\/"},"modified":"2022-06-07T00:30:06","modified_gmt":"2022-06-06T22:30:06","slug":"krimistammtisch-nachklapp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/04\/krimistammtisch-nachklapp\/","title":{"rendered":"Krimistammtisch: Nachklapp"},"content":{"rendered":"\n<p>Nein, mit diesem Thema konnte Charles den Tex bei den Mitgliedern des Krimistammtisches nichts falsch machen. Die Risiken des Digitalen sollte man kennen, und wenigstens theoretisch k\u00f6nnen wir alle zu Opfern werden. Bis hin zum &#8222;Identit\u00e4tsverlust&#8220;? Das sei dahingestellt, aber selten hat ein Autor einen Roman geschrieben, der es ihm so einfach machte, einen Sympathievorschuss von seinen LeserInnen zu kassieren. Ist doch, wie Henny erkannt hat, <em>&#8222;die Einf\u00fchlung in den Protagonisten schon fr\u00fchzeitig so stark fortgeschritten, dass der Vorschuss reicht, um f\u00fcr einen Bucherfolg alles Weitere aus dem professionellen Krimi\u00e4rmel zu sch\u00fctteln&#8220;.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>So nimmt es nicht wunder, dass sich die f\u00fcnf RezensentInnen weniger am Thema als an dem, was da aus dem <em>&#8222;professionellen Krimi\u00e4rmel&#8220;<\/em> gesch\u00fcttelt wurde, rieben. Am negativsten beurteilt Thomas die Handlung. Sie sei <em>&#8222;comichaft flach&#8220;<\/em>, <em>&#8222;die gro\u00dfe Schw\u00e4che des Romans&#8220;<\/em> liege in <em>&#8222;den handelnden Figuren&#8220;.<\/em> Mit dieser Meinung steht er nicht alleine. F\u00fcr Kirsten wirkt <em>&#8222;die Hauptfigur unglaubw\u00fcrdig&#8220;<\/em> und <em>&#8222;die Darstellung von Erleben durch Zuschreibungen, nicht durch das, was Figuren sagen oder tun&#8220;<\/em>, \u00fcberzeugt ebenfalls nicht. Auch f\u00fcr dpr sind die Personen, insonderheit die &#8222;Guten&#8220;, zu <em>&#8222;schemenhaft&#8220;<\/em>. Woran liegt das? Am Genre, das die Botschaft transportiert. Den Tex n\u00e4mlich ist kein Neuerer, wie Joachim Feldmann betont, er bedient sich <em>&#8222;literarischer Techniken, die auch schon im 19. Jahrhundert daf\u00fcr gesorgt haben, dass Leses\u00fcchtige den weltweiten Verschw\u00f6rungsszenarien der Kolportageproduzenten verfielen&#8220;<\/em>. Etwas das, noch einmal Joachim, <em>&#8222;zum gew\u00fcnschten Ergebnis&#8220; <\/em>f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens jetzt aber weht ein wenig der Wind der Uneinigkeit durch die gute Stube der Stammtischler. Denn es geh\u00f6rt gerade zu solchen &#8222;traditionellen Krimis&#8220;, das sich eine <em>&#8222;Achse des Guten&#8220;<\/em> aufbaut, wie dpr es formuliert \u2013 und es nicht sehr sch\u00e4tzt. Genau das aber findet Kirsten <em>&#8222;richtig klasse&#8220;<\/em>, denn: <em>&#8222;Jeder einsame Wolf ist ein l\u00e4cherliches Fossil.&#8220;<\/em> Gerade dieses Kooperative, das erst Wehrhaftigkeit erm\u00f6glicht, ist f\u00fcr Thomas jedoch ein Schwachpunkt des Romans, da er verhindert, die <em>&#8222;ganz zentrale Hilflosigkeit seiner Hauptperson Bellicher nachvollziehbar zu machen&#8220;<\/em>. Es braucht aber diese geballte Kompentenz, denn nun wird, so Henny, <em>&#8222;der Kampf um die Wiedergewinnung der Identit\u00e4t Bellichers intellektuell gef\u00fchrt und gewonnen&#8220;<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Grunde treffen sich hier zwei Ansichten \u00fcber Kriminalliteratur, die stark mit m\u00f6glichen Intentionen des Autors korrespondieren. Der n\u00e4mlich hatte die Wahl: Entwickelt er <em>&#8222;eine negative Utopie&#8220; <\/em>(dpr), in der tats\u00e4chlich der unzeitgem\u00e4\u00dfe <em>&#8222;einsame Wolf&#8220;<\/em> in seiner Hilflosigkeit zu beobachten ist \u2013 oder will er uns, den potentiellen Opfern, Mut zusprechen und zeigt uns in der Zusammenarbeit den Weg aus der digitalen Falle? Die negative Utopie des Identit\u00e4tsverlustes entwickelt, wie Joachim gleich zu Beginn seiner Rezension wei\u00df, Franz Kafka in &#8222;Der Proze\u00df&#8220;. Ganz offensichtlich war es den Tex darum nicht zu tun, sondern darum, dass <em>&#8222;am Ende wieder halbwegs in Ordnung kommt. Bis zum n\u00e4chsten Mal nat\u00fcrlich&#8220;<\/em>, wie Joachim nicht ohne finale Ironie feststellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei diesen Alternativen gibt es kein richtig \/ falsch. Beides hat seine Berechtigung, der Krimistammtisch ist hier \u2013 wie wohl auch die \u00fcbrige Leserschaft \u2013 geteilter Meinung.<\/p>\n\n\n\n<p>Und zum Schluss: Am spannendsten fand ich bei diesem Krimistammtisch, wie alle Rezensentinnen eine Entscheidung treffen mussten und auch getroffen haben. Was beeinflusst ihr abschlie\u00dfendes Urteil mehr \u2013 das von allen f\u00fcr wichtig erachtete Thema oder die Qualit\u00e4t seiner Bearbeitung? Henny wendet sich eindeutig der Thematik zu und leuchtet sie aus. Thomas besch\u00e4ftigt sich eingehend mit der eigentlichen Kriminalhandlung, analysiert St\u00e4rken und Schwachen. Kirsten beginnt bei der Thematik, wendet sich dann aber ebenfalls vermehrt dem Inhalt und den Formalit\u00e4ten der Plotentwicklung zu. Joachim liest den Text folgerichtig als Exempel der<em> &#8222;weltweiten Verschw\u00f6rungsszenarien der Kolportageproduzenten&#8220;<\/em>. Und weist auch darauf hin, dass es jenseits solch popul\u00e4rer und notwendiger Formen andere gibt, die indes <em>&#8222;\u00e4sthetische Konsequenzen&#8220; <\/em>verlangen m\u00fc\u00dften \u2013 etwas, das sicherlich <em>&#8222;verkaufssch\u00e4digend&#8220;<\/em> (dpr) w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Und eine allerletzte Bemerkung: Es \u00fcberrascht immer wieder, wie verschiedene Leser \/ Leserinnen auch in Details unterschiedliche Akzente setzen. Was mancheine\/r nicht erw\u00e4hnt, r\u00fcckt bei anderen in den Mittelpunkt und umgekehrt. Aber nein: Eigentlich sollte das nicht \u00fcberraschen. Es ist der Normalfall. Auch bei diesem Krimistammtisch.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nein, mit diesem Thema konnte Charles den Tex bei den Mitgliedern des Krimistammtisches nichts falsch machen. Die Risiken des Digitalen sollte man kennen, und wenigstens theoretisch k\u00f6nnen wir alle zu Opfern werden. Bis hin zum &#8222;Identit\u00e4tsverlust&#8220;? 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