{"id":21600,"date":"2009-04-23T07:21:51","date_gmt":"2009-04-23T07:21:51","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/04\/michael-theurillat-sechselaeuten\/"},"modified":"2022-06-18T02:51:45","modified_gmt":"2022-06-18T00:51:45","slug":"michael-theurillat-sechselaeuten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/04\/michael-theurillat-sechselaeuten\/","title":{"rendered":"Michael Theurillat: Sechsel\u00e4uten"},"content":{"rendered":"\n<p>Dar\u00fcber, wie die Wahl eines Themas unsere Rezeption von Kriminalliteratur vorbestimmen kann, war ja anl\u00e4sslich des letzten Krimistammtischs mit Charles den Tex&#8216; &#8222;Die Zelle&#8220; schon die Rede. Auch Michael Theurillats &#8222;Sechsel\u00e4uten&#8220; punktet mit der Thematik. Nicht nur&#8230;<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Sechsel\u00e4uten. Ein alter Z\u00fcrcher Brauch, mit dem man den Winter austreibt. Ein Schneemann mit explosiver Fracht im Kopf, ein Feuerchen, irgendwann krachts (man wei\u00df nur nicht genau, wann), gro\u00dfes Hallo bei den Zuschauern \u2013 und vorbei. Diesmal kommt alles anders. Eine Frau bricht zusammen, der zuf\u00e4llig anwesende Kommissar Eschenbach leistet Erste Hilfe, doch vergebens. Die Frau stirbt, ein kleiner Junge, der offensichtlich zu ihr geh\u00f6rt, spricht nicht mehr. Und erst, als er wieder zu sprechen beginnt und keiner ihn versteht, kommt Eschenbach auf die richtige Spur.<\/p>\n\n\n\n<p>Die tote Frau war Sekret\u00e4rin bei der FIFA, dem Weltfu\u00dfballverband, doch keine Sorge. Hier erwartet uns kein kriminalliterarischer Nachschlag zur EURO 08. Die Schwester der Toten ist ein hohes Tier in einer Londoner Bank, die ihrerseits mit der FIFA zusammenarbeitet, doch abermals keine Sorge, es geht nicht um Korruption und Betrug oder sonstige dunkle Finanzgesch\u00e4fte. Es geht um die Jenischen. Die was?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Jenischen, auch &#8222;Zigeuner&#8220; genannt, &#8222;fahrendes Volk&#8220;, sind ein Schweizer Minderheit, der durch der Schweizer Mehrheit \u00fcber viele Jahre gro\u00dfes Unrecht widerfuhr. Zitieren wir aus dem Roman: &#8222;In der Zeit von 1926 bis 1973 hat das &#8218;Hilfswerk f\u00fcr die Kinder der Landstrasse&#8216; \u00fcber 600 jenische Kinder ihren Eltern und Verwandten weggenommen. Man wollte sie Sippe, Kultur und Tradition entfremden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Einige dieser Kinder landeten als billige Arbeitskr\u00e4fte in der Landwirtschaft, andere hatten das &#8222;Gl\u00fcck&#8220;, von anst\u00e4ndigen Schweizer Familien adoptiert zu werden. Was alles nichts daran \u00e4ndert, dass hier ein von Rassismus gespeister &#8222;zivilisierter Genozid&#8220; vollzogen werden sollte, die Ausl\u00f6schung eines ungeliebten &#8222;Vagantentums&#8220;, indem man einfach die n\u00e4chste Generation der Jenischen eliminierte. Nat\u00fcrlich nur zu ihrem Besten&#8230; Viele der Betroffenen ahnten lange nicht, woher sie eigentlich stammten, was mit ihnen geschehen war. Sie wurden zu &#8222;richtigen&#8220; Schweizern, mancheine\/r machte Karriere. Hier nun setzt Theurillat an.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht um die T\u00e4ter, um die Opfer geht es in seinem Buch. Eschenbach setzt sich gleich am Anfang schwer in die Nesseln, wird vom Dienst suspendiert. Er f\u00fchrt seine Ermittlungen dennoch fort, lernt die Schwester der Toten kennen, eine eigenartige Beziehung bahnt sich an, die jedoch zum Scheitern verurteilt ist. Denn auch die Schwester wird Opfer eines Attentats, ihr Gesicht ist weitgehend zerst\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Theurillat erz\u00e4hlt seine Geschichte g\u00e4nzlich im Korsett des Genres, das hei\u00dft: Am Ende m\u00fcssen sich alle Teile des Puzzles zu einem Bild f\u00fcgen. Das ist dann vielleicht ein ganz klein wenig zu ausgeschm\u00fcckt, was sich aber leicht verschmerzen l\u00e4sst. Vor allem die Figur des Eschenbach \u00fcberzeugt. Ein durchaus verquerer Charakter, der seine &#8222;D\u00e4monen&#8220; aber weitgehend f\u00fcr sich beh\u00e4lt und nicht dekorativ durch die Story marschieren l\u00e4sst. Auch Nebenfiguren \u2013 Eschenbachs Freund, seine Sekret\u00e4rin, die Pflegeeltern des Jungen \u2013 sind gut und pr\u00e4gnant gezeichnet. Das hat Zukunft und verspricht weitere St\u00fccke solider Kriminalliteratur. Am \u00fcberzeugendsten und verdienstvollsten aber die Beschreibung des Schicksals der Jenischen. Wir haben es mit Opfern zu tun, die von ihrer Vergangenheit immer wieder eingeholt werden \u2013 bis kein Ausweg mehr bleibt. Das ist beeindruckend genug.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Michael Theurillat: Sechsel\u00e4uten. <br \/>Ullstein 2009. 329 Seiten. 19,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dar\u00fcber, wie die Wahl eines Themas unsere Rezeption von Kriminalliteratur vorbestimmen kann, war ja anl\u00e4sslich des letzten Krimistammtischs mit Charles den Tex&#8216; &#8222;Die Zelle&#8220; schon die Rede. Auch Michael Theurillats &#8222;Sechsel\u00e4uten&#8220; punktet mit der Thematik. 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