{"id":21611,"date":"2009-04-27T08:08:33","date_gmt":"2009-04-27T08:08:33","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/04\/ende-eines-projekts\/"},"modified":"2022-06-16T04:24:27","modified_gmt":"2022-06-16T02:24:27","slug":"ende-eines-projekts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/04\/ende-eines-projekts\/","title":{"rendered":"Ende eines Projekts"},"content":{"rendered":"\n<p>Hurra! Gute Nachricht f\u00fcr alle Schn\u00e4ppchenj\u00e4ger unter den Krimifreunden! Die Edition K\u00f6ln verscherbelt kurz nach dem Erscheinen des 10. und letzten Bandes ihre von Frank G\u00f6hre herausgegebene Reihe \u2192<a href=\"http:\/\/www.peterfaecke.de\/inhalt\/krimiundco.html\">&#8222;Kriminelle Sittengeschichte Deutschlands!&#8220;.<\/a> Statt \u00fcber 100 jetzt nur schlappe 38 \u20ac! Da hei\u00dft es zugreifen! Das finden wir klasse! \u2013 Nein. Ganz offen: Das finden wir sehr traurig.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Herausgeber und Verlag hatten sich gern auf das Projekt eingelassen, weil es eine im w\u00f6rtlichen Sinn \u201espannende\u201c Aufzeichnung deutscher Gegenwartsgeschichte versprach und zudem eine Geschichte des deutschen Krimis, die es in dieser Art nicht gibt. Die Autoren freuten sich \u00fcber die Wiedergeburt ihrer Kinder, Herausgeber und Verlag edierten mit Elan und Liebe, die B\u00fccher waren au\u00dfen sch\u00f6n und innen interessant, zudem preiswert, es gab genug Werbung und wohlmeinende Rezensionen \u2013 und der Abverkauf war wider Erwarten ein v\u00f6lliges Desaster. Von allen zehn B\u00e4nden wurde ungef\u00e4hr die gleiche, deprimierend niedrige Zahl verkauft, was darauf schlie\u00dfen l\u00e4sst, dass hier bibliophile Sammler zugriffen. Die Mehrzahl der Krimifreunde aber interessierte sich nicht daf\u00fcr, weder f\u00fcr die allgemeine Geschichte, noch f\u00fcr die des eigenen Genres. Das ist traurig, aber so ist zur Zeit die Interessenlage.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Nun gut, sagen die Apologeten des gnadenlos freien Marktes, das ist eben unternehmerisches Risiko. Die Leute wollen Krimis lesen, auf dem neuesten Stand sollten sie sein, Einmalspritzen f\u00fcr die Dosis Adrenalin. Irgendwelche &#8222;Projekte&#8220;, die dar\u00fcber hinausgehen k\u00f6nnten \u2013 bitte nicht. Gr\u00f6\u00dfere Zusammenh\u00e4nge? Hallo? Sind nicht vonn\u00f6ten, \u00fcberlassen wir denen, die es brauchen, und wenn das nur wenige sind, dann hat so etwas auch nur geringe Aussicht auf Erfolg. Lasset die M\u00f6rder morden, die Opfer sterben, die Ermittler ermitteln, gen\u00fcgt uns schon. Wo man fahrt\u00fcchtige Autos abwrackt, nur weil sie alt sind, da z\u00e4hlt nur noch der quietschbunte, brandneue Retortenthriller.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun kann man ja wenig dagegen einwenden. Der Konsument konsumiert, was der Konsument konsumieren will. Soll er. Wie sich sogar in Kriminalliteratur Sozialgeschichte spiegelt, ja, wie sie dort vielleicht erst jene Gestalt annimmt, die uns offizi\u00f6se Geschichtsschreibung nicht vermitteln will oder kann \u2013 das zu erleben, geh\u00f6rt nicht zu den Priorit\u00e4ten des Genreliebhabers.<\/p>\n\n\n\n<p>Kriminalliteratur, so der Eindruck, wird von der \u00fcberw\u00e4ltigenden Mehrheit ihrer Verehrer als per se geschichtslos eingesch\u00e4tzt. Dabei ist sie genau das nicht. Die Reihe der &#8222;Kriminellen Sittengeschichte&#8220; war ein charmanter Versuch, die Entstehungsbedingungen von Krimis aufzuzeigen, ihre Bindung an Zeiten und Ereignisse, Moden und die soziale Gro\u00dfwetterlage, ihre F\u00e4higkeit, Genresensorien in das Sittenbild der sie umgebenden Gesellschaft einzuf\u00fchren. Es gab \u2013 etwa gleich im ersten Band \u2013 &#8222;Duell im Dunkel&#8220; von Egon Eis \u2013 einen zu Unrecht vergessenen Roman zu entdecken, mit Helga Riedel eine einst gefeierte Autorin wiederzulesen, dazu eine Menge Stoff f\u00fcr Diskussionen. Geh\u00f6rt tats\u00e4chlich XY in die Reihe? Nicht doch besser YZ?<\/p>\n\n\n\n<p>Die von Verlag und Herausgeber mit gro\u00dfen Engagement und noch gr\u00f6\u00dferem Mut realisierte &#8222;Sittengeschichte&#8220; h\u00e4tte bestenfalls unsere Sinne f\u00fcr die beinahe verlorene Kriminalliteratur sch\u00e4rfen k\u00f6nnen. Stattdessen wiederholt sich, scheint es, f\u00fcr die Klassiker der j\u00fcngeren Genregeschichte, was schon f\u00fcr die der \u00e4lteren verh\u00e4ngnisvoll war: Man vergisst sie ganz einfach. Wo aber keine kritisch gezogenen Traditionslinien erkennbar sind, fehlt auch der Ma\u00dfstab, Neues einzuordnen. Kampflos \u00fcberl\u00e4sst man das Feld den Ahnungslosen, den Marktstrategen, den Geschichtsklitterern, die alte H\u00fcte als neue, Epigonales als Meisterliches verkaufen d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch, das h\u00e4tte spannend werden k\u00f6nnen, spannend und lehrreich. Eine Waffe gegen die neuesten PR-Gags, den \u00fcblichen journalistischen Wahnsinn des &#8222;Der deutsche Krimi beginnt mit Friedrich Glauser oder wahlweise Friedrich Schiller, kann auch Friedrich Ani gewesen sein&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles legitim. Nur sollte man sich dar\u00fcber im Klaren sein, dass eine solche Haltung zur Marginalisierung von Kriminalliteratur entscheidend beitr\u00e4gt. Ihr ein Wichtiges, die Geschichte n\u00e4mlich, vorzuenthalten, erniedrigt sie zum reinen Entertainment-Produkt und f\u00f6rdert das, was ach so viele beklagen: das erb\u00e4rmliche Niveau eines Gro\u00dfteils der von hirn- und talentlosen Schablo- und Schwadroneuren verfertigten Massenware Krimi, die weiter voranschreitende Verdr\u00e4ngung ambitionierter Titel aus dem Bewusstsein wie aus den Buchhandlungen, das Resignieren derer, die ob solcher Missachtung ihren Beruf (der sie eh in den seltensten F\u00e4llen auch nur notd\u00fcrftig ern\u00e4hren konnte) an den Nagel h\u00e4ngen, die arrogante Beil\u00e4ufigkeit, mit der des Genres in weiten Teilen der Presse gedacht wird, die aus schierer Unkenntnis gespeiste Unbeholfenheit \u00f6ffentlicher Stichwortgeber.<\/p>\n\n\n\n<p>Also, noch einmal: Hier kann man ein Schn\u00e4ppchen machen, und wenn\u2019s denn sein soll, dann mache man es halt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Wir werden pro Band nur 200 Exemplare vorr\u00e4tig halten, die wir im Herbstkatalog 2009 als 10er-Pack f\u00fcr EUR 38,- anbieten, also EUR 3.80 pro Band, knapp \u00fcber dem Selbstkostenpreis.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hurra! 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