{"id":21614,"date":"2009-04-29T07:26:46","date_gmt":"2009-04-29T07:26:46","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/04\/selma-mahlknecht-es-ist-nichts-geschehen\/"},"modified":"2022-06-06T21:21:15","modified_gmt":"2022-06-06T19:21:15","slug":"selma-mahlknecht-es-ist-nichts-geschehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/04\/selma-mahlknecht-es-ist-nichts-geschehen\/","title":{"rendered":"Selma Mahlknecht: Es ist nichts geschehen"},"content":{"rendered":"\n<p>Kleiner Werbespruch gef\u00e4llig? \u2013 Bittesch\u00f6n: ACHTUNG! Dieses Buch legt Ihre Nerven blank! Vergessen Sie die \u00fcblichen Blutfestspiele! Denn in diesem Buch passiert \u2013 nichts! Na, das ist jetzt dick aufgetragen, aber wie soll man sonst jedermann zuposaunen, dass auch in Texten, die ganz sicher nicht &#8222;f\u00fcr das Genre&#8220; geschrieben wurden, manchmal mehr Genre steckt als dort, wo einem das Wort &#8222;Thriller&#8220; schon von weitem l\u00fcstern entgegenlacht?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Bess und Sandy sind zwei reichlich neurotische Schwestern. Die eine am Ende ihrer Teenjahre, die andere ein wenig \u00e4lter. Ihre Mutter ist bei Sandys Geburt gestorben, jetzt leben sie allein zusammen. Einzige wirkliche Bezugsperson ist die Gro\u00dfmutter. &#8222;Oma&#8220; nennen sie die nie, nein, es ist eben &#8222;die gro\u00dfe Mutter&#8220;, und wir werden noch sehen, was das bedeutet. Die Gro\u00dfmutter selbst lebt mit ihrem behinderten Bruder zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus den Perspektiven dieser drei Frauen entwickelt sich die Handlung. Distanziert, dritte Person Singular, wie aufgeschrieben. Und so ist es auch. Die Gro\u00dfmutter erz\u00e4hlt, wie sie aufwuchs \u2013 in einem landwirtschaftlichen Haushalt mit lieblosem Vater und den vier Br\u00fcdern, wie dann einer kam, der sich aus dem Elend gerettet hat, indem er sie heiratete, aber geheiratet hat er sie eigentlich nur, damit sie ihm ein Kind schenkt, eine Tochter. Die Mutter hasst ihre Tochter.<\/p>\n\n\n\n<p>Und sie liebt ihre Enkelt\u00f6chter. Denen geht es nicht gut. Die eine, Bess, bewirbt sich um Arbeit, bekommt aber nur unbezahlte Praktika angeboten. Die andere, Sandy, schafft den Sprung \u2013 vorerst. Sie verdingt sich als Zimmerm\u00e4dchen in einem Hotel, doch das endet mit einem Selbstmordversuch. Wieder daheim, versucht sie sich daran, die Lebensgeschichte ihrer Gro\u00dfmutter aufzuschreiben, ein ideales Geschenk zu deren Geburtstag. Doch was sie aufschreibt, ist falsch, wir erkennen es aus den parallelen Aufzeichnungen der Gro\u00dfmutter.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich ist alles falsch in dieser Beziehung. Jede der Beteiligten wei\u00df das, doch keine redet dar\u00fcber, weil ja, siehe Titel, &#8222;nichts geschehen&#8220; ist. Ganz banaler Alltag, ein von Schauspielern gef\u00fchrtes Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Selma Mahlknecht, eine junge s\u00fcdtiroler Autorin, arbeitet von Anfang an mit dem, was jeder herk\u00f6mmliche Kriminalroman unter &#8222;Suspense&#8220; versteht. Ein Geheimnis liegt \u00fcber dieser Familie, m\u00f6glicherweise ein schreckliches, gar &#8222;strafrechtsrelevantes&#8220;. Was wir aber lesen, sind die Folgen daraus. Wir werden zu Voyeuren, die das erb\u00e4rmliche Leben der Gro\u00dfmutter als billige Arbeitskraft, Sexualobjekt (m\u00f6glicherweise schon fr\u00fch in der Familie \u2013 das jedenfalls wird angedeutet) und Einweg-Geb\u00e4rmaschine begaffen, wir verfolgen, wie sich diese Gewalt von au\u00dfen zur inneren Destruktion wandelt, auf die n\u00e4chste, die \u00fcbern\u00e4chste Generation \u00fcbertr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau an diesem Punkt erkennen wir, dass Kriminalliteratur, selbst wenn sie keine ist oder sein soll, nicht den gro\u00dfen Effekt ben\u00f6tigt, um zu schockieren. Im Gegenteil. Es kommt in dieser Geschichte nicht zu starken emotionalen Ausbr\u00fcchen, man kennt die Wahrheit, man n\u00e4hert sich ihr schriftlich, in nie abgeschickten Briefen, m\u00fchsam verfassten Familienchroniken. Selbst die sich am Ende h\u00e4ufenden T\u00f6tungsdelikte werden zu Nebens\u00e4chlichkeiten, denn das wahre Verbrechen ist ja nicht justitiabel, diese seelische und k\u00f6rperliche Knechtung von Frauen, die das, was ihnen widerfahren ist, an ihresgleichen weitergeben, als handele es sich um eine Sammlung von Kochrezepten. Es ist die Beil\u00e4ufigkeit, fast Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der erz\u00e4hlt wird, die den Schrecken noch zu steigern vermag.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch, das ist sehr beeindruckend. Einschr\u00e4nkung: Die zwischendurch gew\u00e4hrten Einblicke in die Gedanken der Protagonistinnen, meist kurze, kursiv abgesetzte S\u00e4tze. H\u00e4tte es nicht gebraucht. Was hier erkl\u00e4rt wird, erz\u00e4hlt sich in dieser Geschichte eigentlich von selbst. Kein Krimi. Ein Krimi. Auf jeden Fall: ein starker Text.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Selma Mahlknecht: Es ist nichts geschehen. <br \/>Edition Raetia 2009. 195 Seiten. 19 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kleiner Werbespruch gef\u00e4llig? \u2013 Bittesch\u00f6n: ACHTUNG! Dieses Buch legt Ihre Nerven blank! Vergessen Sie die \u00fcblichen Blutfestspiele! Denn in diesem Buch passiert \u2013 nichts! 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