{"id":21617,"date":"2009-04-30T07:56:39","date_gmt":"2009-04-30T07:56:39","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/04\/michael-gruber-shakespeares-labyrinth\/"},"modified":"2022-06-18T02:51:21","modified_gmt":"2022-06-18T00:51:21","slug":"michael-gruber-shakespeares-labyrinth","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/04\/michael-gruber-shakespeares-labyrinth\/","title":{"rendered":"Michael Gruber: Shakespeares Labyrinth"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Mensch ist ein K\u00f6rper. Dazu gesellt sich der Verstand, und alles wird ungemein kompliziert. Was dann an Realit\u00e4ten und Wahrnehmungen entstehen kann, zeigt uns der Mann, der unz\u00e4hlige Betrachtungsweisen durch Raum und Zeit geschickt zusammenklaubt, um sie elegant aufeinanderprallen zu lassen. So z. B. geschehen in der Jimmy Paz-Trilogie (vgl. <em>Wendekreis der Nacht<\/em>, 2004 ; <em>Das Totenfeld<\/em>, 2007 und das noch nicht \u00fcbersetzte <em>Night of the Jaguar<\/em>, das im Fr\u00fchjahr 2010 in deutscher \u00dcbersetzung vorliegen soll).<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>In dieser Trilogie verwebt Michael Gruber gewitzt Werte- und Denksysteme, sodass vermeintliche Gewissheiten, Sicherheit und Zweifel ins Taumeln geraten. Auch im j\u00fcngst erschienenen <em>Shakespeares Labyrinth <\/em>inszeniert Gruber eine Partitur, die ein Mosaik von Parallelit\u00e4ten zusammenpuzzelt. Wer war Shakespeare? Was bedeuten seine St\u00fccke f\u00fcr die Welt? Ein klug gew\u00e4hlter Ausgangpunkt und guter N\u00e4hrboden f\u00fcr wilde Spekulationen, akademische R\u00e4nke und kulturphilosophische Spurensuche. Wer oder was schafft Wirklichkeit? Was ist Fiktion? Und wie wird beides konsumiert? Der Wissen- und Zweifel-Infiltrierer Gruber hat in <em>Shakespeares Labyrinth <\/em>indes zu schwungvoll in den Fundus der Fiktion gegriffen und zu stark mit dem Bestseller-Virus \u00e0 la <em>Sakrileg<\/em> geflirtet. So landet der Leser in der Kulisse der Auff\u00fchrung der Auff\u00fchrung und f\u00fchlt sich bald d\u00fcpiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Frittierfettbrand im benachbarten Schnellimbiss \u2013 das L\u00f6schwasser tat ein \u00dcbriges \u2013 f\u00fchrt zu einem immensen Schaden in Mr. Glasers Antiquariat f\u00fcr \u2018Seltene B\u00fccher\u2019. Um gr\u00f6\u00dfere materielle Verluste zu vermeiden, machen sich die beiden Angestellten Albert Crosetti und Carolyn Rolly daran zu retten, was zu retten ist. Dabei finden der Filmnarr Crosetti und die sehr spezielle Rolly, die auch Raleigh (!) hei\u00dfen k\u00f6nnte, nicht nur versteckte Briefe aus dem 17. Jh., die auf ein unbekanntes Shakespeare-Manuskript verweisen, sondern auch in einer wilden Nacht zueinander. Dachte zumindest Crosetti. Und da ihn seine L\u00fcste ziemlich ablenken, verscherbelt er einen Teil der Schriften, die ein gewisser Bracegirdle geschrieben hat, an den durch eine falsche Expertise in Verruf geratenen Shakespeare-Experten Professor Bulstrode. Bald wird Crosetti klar, dass man ihn reingelegt hat. Dann verschwindet Rolly, dann auch der Professor, der kurz nach seinem erneuten Auftauchen gefoltert und ermordet wird. Und Crosetti selbst landet in einem w\u00fcsten Abenteuer.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrenddessen f\u00fchrt ein zweiter Erz\u00e4hlstrang in das Leben des bulligen \u2018Lincoln-Anwalts\u2019 Jake Mishkin. Der einstige Olympionike im Superschwergewicht ist ein auf Urheberrechte spezialisierter Anwalt, der sich an einem geheimen Ort versteckt h\u00e4lt. Wie er in diese missliche Lage geraten ist, schreibt er in der Retrospektive (in der Ich-Form) ausschweifend auf. Ein Mandant, der windige Professor Bulstrode, hat Mishkin um Rat gebeten und ihm das Bracegirdle-Manuskript zur Aufbewahrung \u00fcbergeben. Nach Bulstrodes Ableben beging Mishkin eklatante Fehler, landete auf der Abschussliste von Gangstern und fand sich letztlich mit Crosetti auf der Jagd nach dem Shakespeare-Manuskript wieder, die beide bis nach England verschlagen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ins England des 17. Jahrhunderts f\u00fchren den Leser in diese zwei Erz\u00e4hlperspektiven eingebunden die (originalen?) Bracegirdle-Briefe. Dort schwirrt die Luft von Verrat und Intrige : der Spion Bracegirdle erschwindelt sich ein Pl\u00e4tzchen, das ihn an der Seite des Barden Shakespeare postiert. Doch kann man diesen Briefe trauen? Gibt es tats\u00e4chlich ein verschollenes Shakespeare-Manuskript?<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201cWenn du eine gro\u00dfe L\u00fcge erz\u00e4hlen willst, dann sch\u00fctze sie gut mit tausend wahren Geschichten, auf dass sie in deren Mitte mit durchgehen m\u00f6ge\u201d, <\/em>hei\u00dft es im Text. Und so mag auch Grubers Erz\u00e4hlkonzept zu verstehen sein : Ist es m\u00f6glich, aus (1000 vielleicht ?) Bestsellern einen neuen zu t\u00fcfteln, um eine gro\u00dfe L\u00fcge zu kaschieren?<\/p>\n\n\n\n<p>Der anst\u00e4ndige Junge Crosetti, der naturgem\u00e4\u00df nicht gut bei den M\u00e4dels ankommt, sucht nach dem perfekten Skript f\u00fcr sein Leben. Oder f\u00fcr einen gescheiten Film, den er drehen will. Nun ist aber Crosetti vornehmlich die Rolle des \u2018wandelnden Filmlexikons\u2019 zugewiesen, sodass er am laufenden Band aus Filmen zitieren darf, die bei Gruber \u2013 wie selbstverst\u00e4ndlich auch die Shakespeare-Werke \u2013 kr\u00e4ftig in Figurenzeichnung und Handlungsabl\u00e4ufe einflie\u00dfen. Als Protagonist jedoch kann Crosetti wenig mitrei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Anwalt Jake Mishkin, der aus einem komplizierten Nazi-Juden-Genpool entsprungen ist, bef\u00fcrchtet, dass Gangster ihn ermorden werden, und legt vorher eine Art Lebensbeichte ab. Eine komplizierte Kindheit, eine gescheiterte Ehe und au\u00dfergew\u00f6hnliche Kinder lasten auf seiner Seele. Vor allem aber bereitet ihm seine Sexsucht, die seine Ehe ruinierte, schwere Schuldgef\u00fchle. Leidet er wirklich an einer Krankheit? Ist er in seinen Fiktionen gefangen? Oder ist Mishkin nur ein <em>Sex and The City-Boy <\/em>oder gar ein moderner Giacomo Casanova, der gern Bescheid gibt \u00fcber seine vielen Amouren und unz\u00e4hligen Gespielinnen?<\/p>\n\n\n\n<p>Hier schlie\u00dft sich ein Kreis im Sittengem\u00e4lde \u00fcber die Zeiten. Denn sagt man nicht, dass das Schauspiel Unzucht und Verderbtheit unters Volk brachte? Wobei Shakespeare ordentlich zu dieser \u2018unmoralischen\u2019 Veranstaltung beitrug. Intrigen, Religion und Politik, zu knackende Codes \u2013 das alles ist hinl\u00e4nglich aus Bestsellern bekannt. Gruber bem\u00fcht sich um sehr klassische Konstellationen, verulkt b\u00f6se (er selbst schrieb lange als Ghostwriter) das Gesetz zu kreativem Urheberrecht und spielt seine bekannten Spielchen mit Zitat und Wirklichkeit. Doch bleiben Grubers Protagonisten auf der Jagd nach einem verlorenen Shakespeare-Manuskript erstaunlich gleichg\u00fcltig. Da fehlt der mitrei\u00dfende Funke Leidenschaft. Man vergesse kurz Browns <em>Sakrileg<\/em>, erinnere sich an Ecos <em>Der Name der Rose <\/em>oder auch an P\u00e9rez-Revertes <em>Club Dumas<\/em>, in dem skurrilste Bibliophile und Bibliomane den Leser in ihre sonderbaren Welten locken. Bei Gruber indes verliert sich der Leser bald im wuchernden (De-)Konstruktionsgestr\u00fcpp von Film, Buch, Trag\u00f6die und Kom\u00f6die.<\/p>\n\n\n\n<p>Stendhal schrieb, ein Roman solle ein Spiegel sein, den man eine Stra\u00dfe entlang f\u00fchre. Gruber nun scheint diesen Spiegel wieder und wieder zu reflektieren und landet post-postmodern auf einem v\u00f6llig \u00fcberf\u00fcllten <em>Fiction-Highway <\/em>im <em>Rush Hour<\/em>-Stau. Michael Gruber, der gro\u00dfe Hantierer mit Verstandesosmose, hat aus einer riesigen Fundgrube von Klassikern gesch\u00f6pft. Dabei hat er zwar mit vielen Gaunereien und mit kecken Anspielungen auf seine Kollegen den Sub-, den Metatext sch\u00f6n verr\u00e4tselt, der Hintersinn scheint sich jedoch beim Verk\u00fcnsteln irgendwo verfl\u00fcchtigt zu haben.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Michael Gruber: Shakespeares Labyrinth \n(The Book of Air and Shadows, 2007). Roman. Deutsch von Ulrike Seeberger. \nBerlin : Aufbau 2009. 583 Seiten. 19,95 Euro.<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Mensch ist ein K\u00f6rper. Dazu gesellt sich der Verstand, und alles wird ungemein kompliziert. Was dann an Realit\u00e4ten und Wahrnehmungen entstehen kann, zeigt uns der Mann, der unz\u00e4hlige Betrachtungsweisen durch Raum und Zeit geschickt zusammenklaubt, um sie elegant aufeinanderprallen zu lassen. So z. B. geschehen in der Jimmy Paz-Trilogie (vgl. 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