{"id":21618,"date":"2009-04-30T10:00:16","date_gmt":"2009-04-30T10:00:16","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/04\/wie-und-warum-man-leser-beschimpft\/"},"modified":"2022-06-07T18:36:12","modified_gmt":"2022-06-07T16:36:12","slug":"wie-und-warum-man-leser-beschimpft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/04\/wie-und-warum-man-leser-beschimpft\/","title":{"rendered":"Wie und warum man Leser beschimpft"},"content":{"rendered":"\n<p>Leserbeschimpfung? Ja, ich gebs zu: Die gestatte ich mir zuweilen. Nicht weil sie, die Leser, lieber Steinfest als Rudolph lesen, das Krimijahrbuch nicht kaufen oder ihnen alte Krimis am Allerwertesten vorbeigehen. Schon gar nicht, weil ich Leser (das &#8222;innen&#8220; denke man immer mit) f\u00fcr dumm hielte. Tue ich gar nicht. Ich stelle mir blo\u00df vor, wie diese Leser zu Konsumenten herabgew\u00fcrdigt werden, wie man ihnen ohne Unterlass die Ohren volll\u00fcgt, sie an allen Gliedma\u00dfen zerrt, kurz: Wie man sie systematisch verdummen m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Denn die schlimmste Beschimpfung von Lesern ist die, sie nicht ernst zu nehmen. Genau das, sie ernst zu nehmen, tue ich aber \u2013 oder hoffe doch zumindest, es zu tun. Aber bevor ich mich hier in Theorie verliere \u2013 schnell ein Blick in die Abgr\u00fcnde des Alltags:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Winslow ist &#8211; v\u00f6llig richtig &#8211; nicht Hiaasen, und ein an den Handel gerichteter Werbetext f\u00fcr ein Buch (denn schlie\u00dflich wollen wir ja alle, dass es gelesen wird, oder? auch in der vorz\u00fcglichen \u00dcbersetzung \u2026) ist keine Rezension.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Dies schreibt, als Kommentar zu einer \u2192<a href=\"http:\/\/krimileser.wordpress.com\/2009\/04\/28\/viel-mehr-als-surffolklore-dawn-petrol-von-don-winslow\/#comment-2297\">Rezension<\/a> bei Bernd Kochanowski, jemand, der sich Karsten Kredel nennt und vorgibt, Lektor bei Suhrkamp zu sein (ich formuliere das hier deshalb so vorsichtig, weil sich im Internet nat\u00fcrlich jeder Karsten Kredel nennen und vorgeben kann, Lektor bei Suhrkamp zu sein). Und selbst, wenn es sich hier wider Erwarten um ein Fake handeln sollte, erz\u00e4hlt uns &#8222;Karsten Kredel&#8220; doch die bittere Wahrheit. So ist es, wir wissen es alle, dass aber ein Akteur es offen zugibt (oder zugeben k\u00f6nnte, ohne dass ein Aufschrei der Emp\u00f6rung durch Krimistan hallt), nun, das spricht B\u00e4nde hinsichtlich des Fortgeschrittenseins der Leserbeschimpfung qua versuchter Leserverdummung.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich ist dieser Werbetext nicht nur an den Handel gerichtet. Er steht auf der f\u00fcr jedermann zug\u00e4nglichen \u2192<a href=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/titel\/titel.cfm?bestellnr=46096\">Website<\/a> des Verlags. Und selbst, wenn es nur an den Handel gerichtet w\u00e4re \u2013 was finge dieser anderes damit an, als die Behauptung, bei Winslow handele es sich um eine Art Artgenossen von Hiaasen, an seine Kundschaft weiterzugeben? Dass Werbetexte keine Rezensionen seien, ist genauso falsch wie es die Behauptung w\u00e4re, Rezensionen seien keine Werbetexte. Wer zu dem Schluss kommt, Winslow und Hiaasen seien irgendwie miteinander verwandt, verk\u00fcndet die Conclusio einer Besch\u00e4ftigung mit dem Text, die man gemeinhin &#8222;Kritik&#8220; oder &#8222;Rezension&#8220; nennt. Das ist genau das, was ich als Kritiker auch tue. Komme ich zu dem Schluss, Winslows B\u00fccher eigneten sich f\u00fcr Hiaasen-Leser, dann m\u00f6chte ich diese Hiaasenleser dazu ermuntern, auch Winslow zu lesen. Ich werbe also.<\/p>\n\n\n\n<p>Und, ja, &#8222;nat\u00fcrlich wollen wir ja alle, dass es gelesen wird, oder?&#8220; Oder genauer: Dass es gekauft wird. Daraus kann man einem Verlag keinen Strick drehen. Nun ist es aber so, dass hier ganz offensichtlich der potentielle Leser nicht ernstgenommen wird. Man versucht, ihm ein Buch unterzuschieben, das er vielleicht gar nicht lesen m\u00f6chte. M\u00f6glicherweise ist es ganz gro\u00dfer Mist (bei Winslow scheint dies nicht der Fall zu sein, wenn ich Bernd vertrauen darf \u2013 und ich vertraue ihm), aber die Werbekampagne so erfolgreich, dass pl\u00f6tzlich 200.000 Leute diesen Mist kaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und genau hier kommt die verp\u00f6nte Publikumsbeschimpfung ins Spiel. Ich schreibe eine Rezension, in der ich nachzuweisen versuche, dass und warum das Buch schlecht ist und nur durch Hype erfolgreich werden konnte. Ich sage also dem Leser: Pass auf. Man hat ein b\u00f6ses Spiel mit dir gespielt, und du bist darauf reingefallen. Ich verstehe das durchaus, denn es ist nicht leicht, ein Spielball m\u00e4chtiger Interessen zu sein. Du bist aber zu arglos. Du bist nicht dumm, du bist \u00fcberfordert, es kann gar nicht anders sein. Du solltest aufpassen. Dieses ganze Gesch\u00e4ft beruht nun einmal auf der Strategie, &#8222;das Volk&#8220; peu \u00e0 peu zu verdummen, das wei\u00dft du im Grunde deines Herzens auch. Fernsehsender machen das zum Beispiel auch (und manche, die bei Fernseh- und anderen Sendern ihr t\u00e4glich Brot verdienen, setzen die Verdummungsstrategie nach Feierabend gewohnheitsm\u00e4\u00dfig im Internet fort, es gibt halt kein richtiges Leben&#8230; etc.). Wenn ich dich, Leser, also gelegentlich anpfeife, dann nur, damit du dir bewusst wirst, was du f\u00fcr DIE eigentlich bist: ein Konsument. Etwas, das nur so lange von Belang ist, wie es Geld hat und dieses Geld auch ausgibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch. Die Leser geringzusch\u00e4tzen, als blo\u00dfe, trickreich zu manipulierende Masse zu verachten \u2013 das ist die eigentliche Beschimpfung. Um darauf aufmerksam zu machen, nehme ich manchmal den schweren S\u00e4bel anstatt des eleganten Floretts. Das gef\u00e4llt nicht jedermann, aber damit muss ich leben.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leserbeschimpfung? Ja, ich gebs zu: Die gestatte ich mir zuweilen. Nicht weil sie, die Leser, lieber Steinfest als Rudolph lesen, das Krimijahrbuch nicht kaufen oder ihnen alte Krimis am Allerwertesten vorbeigehen. Schon gar nicht, weil ich Leser (das &#8222;innen&#8220; denke man immer mit) f\u00fcr dumm hielte. Tue ich gar nicht. Ich stelle mir blo\u00df vor, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-21618","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21618","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21618"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21618\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21618"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21618"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21618"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}