{"id":21625,"date":"2009-05-06T07:29:31","date_gmt":"2009-05-06T07:29:31","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/05\/augenwurm\/"},"modified":"2022-06-16T04:25:25","modified_gmt":"2022-06-16T02:25:25","slug":"augenwurm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/05\/augenwurm\/","title":{"rendered":"Augenwurm"},"content":{"rendered":"\n<p>Es ist \u00e4rgerlich, sehr \u00e4rgerlich. Sagte Herr Bonnich, der Vorsitzende von &#8222;Krimi anders lesen, bitte&#8220; (K.A.L.B.). Man schaue doch nur hin zur Musik! Gerade jetzt! Wo sie alle wieder vor pl\u00e4rrenden Radios und hinter stinkenden Rauchschwaden im Garten beim Grillen sitzen! Und wenn du Pech hast, beschallen sie dich an linden Sommerabenden xmal mit \u2013 Herr Bonnich \u00fcberlegte \u2013 DIESER LADY GAGA!<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Aber das, sagte Herr Bonnich weiter, ist es halt. Wie kann der Mensch es ertragen, sich zigtausend Mal in seinem irdischen Dasein von OHRW\u00dcRMERN bedudeln zu lassen, ohne dass er sp\u00e4testens nach dem dritten Mal ein genervtes &#8222;Kenn ich doch schon! Was anderes bitte! Laaaangweilig!&#8220; h\u00f6ren l\u00e4sst, genau der selbe Mensch jedoch niemals ein Buch, einen Krimi auch nur ZWEIMAL lesen w\u00fcrde!<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist doch furchtbar einfach, sagte nun Frau N\u00f6rss, die Herrn Bonnich wie immer geduldig zugeh\u00f6rt hatte. Sie assistierte dem Vorsitzenden von K.A.L.B., das hei\u00dft: Sie lenkte seine manchmal abstrusen Ideen in die ihnen angemessenen abstrusen Bahnen. Das ist doch furchtbar einfach, sagte sie also. Weil diese Musikst\u00fccke doch h\u00f6chstens drei Minuten lang sind. Ein Buch aber vielleicht in zehn Stunden zu lesen ist. Das w\u00e4re dann \u2013 die Richard-Wagner-Ring-Dimension. Und den Schrott h\u00f6rt auch keiner f\u00fcnfmal am Tag. Ginge ja gar nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Herr Bonnich dachte nach. Darauf war er noch gar nicht gekommen. Man m\u00fcsste also, sagte er schlie\u00dflich, analog zur Musik die Kriminalliteratur in gro\u00dfen und in kleinen Happen feilbieten, als Album und Single sozusagen. Eine Krimisingle w\u00e4re in drei Minuten zu lesen und enthielte\u2013 nun, vielleicht nur die Seite mit der Aufl\u00f6sung des Mordfalls? Darauf kommt es den Lesern doch an! Sie gieren nach der Aufl\u00f6sung! Alles andere ist sekund\u00e4r! Finden Sie nicht, meine Liebe? Wenn der Leser die Aufl\u00f6sung immer wieder lesen w\u00fcrde&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, fand die Liebe, die Sache habe einen gewaltigen Haken. Herr Bonnich erschrak. Sachen, die einen gewaltigen Haken hatten, mochte er nicht, von denen hatte er reichlich selber. Einen Haken?, fragte er vorsichtig. Einen Haken, best\u00e4tigte die Frau N\u00f6rss. Den n\u00e4mlich: Musik kommt von alleine, gewisserma\u00dfen. Sie verbreitet sich von einer Quelle aus wellenf\u00f6rmig, sie erreicht die Ohren, ohne dass diese Ohren sich sonderlich um die T\u00f6ne bem\u00fchen m\u00fcssten. Das kann, seufzte Frau N\u00f6rss, manchmal ziemlich l\u00e4stig werden. Ein Buch aber? Wenn zwanzig Meter von mir entfernt jemand ein Buch liest, dann liest ER ein Buch. Ich bekomme davon nichts mit. Zum Text m\u00fcsse man sich n\u00e4mlich bem\u00fchen, der komme nicht von alleine wie die Lady Gaga oder \u2013 Frau N\u00f6rss err\u00f6tete, denn sie stand auf ihn \u2013 Chris deBurgh. Man muss a) den Text vor die Augen halten (wozu man zumeist eine Hand brauche, nein, zwei, eine zum Umbl\u00e4ttern) und b) diese Augen irgendwie zeilenweise von links nach rechts bewegen. Das sei Lesen. Das H\u00f6ren aber ginge eben automatisch und sei deshalb sehr viel beliebter.<\/p>\n\n\n\n<p>Herr Bonnich sinnierte. Es leuchtete ihm ein. Dann aber sagte er triumphierend: Ich habs! H\u00f6ren! Man muss den Text h\u00f6ren! Er muss einem vorgelesen werden! \u2013 Jetzt sinnierte Frau N\u00f6rss, denn sie hatte keine Antwort.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber schlie\u00dflich doch. Sch\u00f6n, sagte sie, das mit dem H\u00f6ren von Texten ginge. Also drei Minuten lange Texte, immer nur die AUFL\u00d6SUNG im Krimi, und das, sagen wir: zwanzigmal beim Grillen vorgelesen. Indes \u2013 sie machte eine ihrer rhetorischen Pausen, die Bonnich f\u00fcrchtete wie den immer wiederkehrenden Traum von der Schlangengrube, in die er fiel \u2013 indes&#8230; die Musik geht ans Gem\u00fct. Man muss sie nicht eigens aufnehmen mit dem analytischen Sensorium. Den Text aber durchaus. Den muss man VERSTEHEN. Den muss man ERFASSEN. Den muss man INTERPRETIEREN. Kurz: Wer liest, muss denken, anders geht es nicht. Und dabei verkokeln einem die Grillw\u00fcrste, soll schon vorgekommen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Hm, sagte Herr Bonnich. Wie wahr, wie wahr. Jedoch \u2013 er legte nun seinerseits eine seiner gef\u00fcrchteten rhetorischen Pausen ein \u2013 jedoch: Wenn ich einen drei Minuten langen Text \u2013 sagen wir: hundert Mal geh\u00f6rt habe, geht er mir doch auch ans Gem\u00fct? Ich muss doch nur beim ersten Mal denken, oder? Danach kenne ich ihn doch! Er ERGREIFT mich! Ich summe seinen REFRAIN mit! Ich wei\u00df schon im voraus, wann das Gitarrensolo \u2013 also das Gest\u00e4ndnis des M\u00f6rders kommt. Jedenfalls: Ich muss kein St\u00fcck mehr dabei DENKEN!<\/p>\n\n\n\n<p>Hm, sagte Frau N\u00f6rss. Das hat etwas f\u00fcr sich. Das w\u00e4re die Kurzversion dessen, was eigentlich immer schon so war beim Krimi. Ich lese in meinem Leben vielleicht tausend Krimis, aber eigentlich lese ich nur einen, und wenn ich den zweiten lese und den hundertneunten und den neunhundertneunundneunzigsten, dann lesen sich die immer noch wie der erste, der Refrain bleibt der gleiche, alles eine So\u00dfe, wie man so sagt \u2013 und denken muss ich auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann h\u00e4tten wir es doch!, lachte Herr Bonnich. Ab sofort gibt es Kriminalromane als Textalben, die man vielleicht einmal j\u00e4hrlich \u2013 wie Richard Wagners &#8222;Ring&#8220; \u2013 konsumiert. Und wenn gerade Grillfest ist, legt man die Single auf, die Aufl\u00f6sung. Und nudelt und nudelt und nudelt sie ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wieder hatte ein Brainstorming von K.A.L.B. sein abstruses Ende gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist \u00e4rgerlich, sehr \u00e4rgerlich. Sagte Herr Bonnich, der Vorsitzende von &#8222;Krimi anders lesen, bitte&#8220; (K.A.L.B.). Man schaue doch nur hin zur Musik! Gerade jetzt! Wo sie alle wieder vor pl\u00e4rrenden Radios und hinter stinkenden Rauchschwaden im Garten beim Grillen sitzen! Und wenn du Pech hast, beschallen sie dich an linden Sommerabenden xmal mit \u2013 [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-21625","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21625","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21625"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21625\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21625"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21625"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21625"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}