{"id":21635,"date":"2009-05-13T07:46:08","date_gmt":"2009-05-13T07:46:08","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/05\/andreas-laudan-pharmakos\/"},"modified":"2022-06-18T02:50:40","modified_gmt":"2022-06-18T00:50:40","slug":"andreas-laudan-pharmakos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/05\/andreas-laudan-pharmakos\/","title":{"rendered":"Andreas Laudan: Pharmakos"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Menschen arbeiten nur noch zwei Stunden die Woche, bei vollem Lohnausgleich, versteht sich. Den Rest machen Roboter. Deutschland ist Abonnements-Fu\u00dfballweltmeister, und am Wochenende erholen wir uns auf den Marskolonien. \u2013 So etwa h\u00e4tte eine Zukunftsvision auf das Jahr 2009 in den F\u00fcnfziger Jahren aussehen k\u00f6nnen. Man f\u00fchrt Entwicklungen einfach linear fort, rechnet sie hoch. Dagegen l\u00e4sst sich nichts einwenden, au\u00dfer vielleicht, dass eh alles anders kommt, als man es sich zusammengereimt hat. Hoffen wir das auch von der wirren Vision des Andreas Laudan.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Und die geht so: Deutschland 2019. Der soziale Konflikt zwischen den Besitzern und Nichtbesitzern von Arbeitspl\u00e4tzen hat sich versch\u00e4rft. Man schimpft nicht mehr nur auf die Schmarotzer, man schl\u00e4gt sie auch, pfercht sie in Ghettos zusammen, behandelt sie wie Auss\u00e4tzige. Wer krank wird und dies \u2013 z.B. durch Rauchen \u2013 &#8222;selbst verschuldet&#8220; hat, wird gnadenlos aus der Solidargemeinschaft versto\u00dfen. Ist jemand arbeitslos UND krank \u2013 nimmt sich eine neue Form der Euthanasie seiner an. So ergeht es auch Volker K\u00fchn, dem Protagonisten in &#8222;Pharmakos&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Arbeitslos und an Kehlkopfkrebs erkrankt, wird ihm im Hospital ein langsam wirkendes Gift verabreicht. In ein paar Stunden ist alles vorbei. Doch der Held wei\u00df, was dahintersteckt, sein Bettnachbar hat es ihm erz\u00e4hlt, bevor er selbst krepiert ist. Also flieht K\u00fchn aus der Klinik und macht sich, zun\u00e4chst ohne Geld, auf nach Hamburg, wo die Drahtzieher der Aktion sitzen. Sie haben auch das Gegengift&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Tja. Was nun folgt, ist so ziemlich das Deprimierendste, was ich in diesem Jahr an sogenannter Kriminal&#8220;literatur&#8220; gelesen habe. Eine ununterbrochene Abfolge von &#8222;Action&#8220;, Verfolgungsjagden, Pr\u00fcgeleien, Schie\u00dfereien, in einer stilistischen Manier verfasst, die Schreiber von Jerry-Cotton-Heftchen sehr rasch um ihren Job bringen w\u00fcrde. Dramaturgie? Fehlanzeige. Spannung? Ach wo. Irgendwelche tiefergehenden gedanklichen Konsequenzen? Keine. Ungereimtheiten? Massenhaft. Der Autor nimmt sich, was er gerade braucht: eine hilfreiche Journalistin, ein paar Idioten, die die These von der &#8222;sozialen K\u00e4lte&#8220; belegen sollen, etliche Finsterlinge&#8230; Am Ende ist alles wieder in Ordnung, ja mehr noch. Nicht nur das Gegengift wird erfolgreich geschluckt, auch der Kehlkopfkrebs hat sich auf wundersame Art verfl\u00fcchtigt, und die Journalistin ist so nett, dass f\u00fcr Volker K\u00fchn neues Liebesgl\u00fcck winkt. \u00dcberhaupt: Alles wird gut. Das Volk, doch eigentlich in Pogromstimmung, ist emp\u00f6rt ob solcher Missetaten, der Bundeskanzler verspricht Verkl\u00e4rung etc.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenns nicht so traurig w\u00e4re, man k\u00f6nnte nur lachen. Ein Autor hat aus dem wenig originellen Anflug einer Idee nichts weiter gemacht als ein biederes, zu jedem Zeitpunkt vorhersehbares St\u00fcckchen Actionrei\u00dfer, nichts wird erhellt, nichts differenziert, das Personal ist so leblos wie alles in diesem Roman, das Ende ein schlechter Witz. Und der Verlag \u2013 doch, es ist tats\u00e4chlich dtv, bei dem auch Leute wie John Harvey und Iain McDowell verlegt werden \u2013 hat das alles durchgewunken, das Lektorat keine Einw\u00e4nde gehabt gegen diesen sprachlich \u00e4rmlichen, thematisch unglaublich verlogenen Schmonzes. Und das Publikum? Ist hoffentlich etwas schlauer.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Andreas Laudan: Pharmakos. <br \/>Dtv 2009. 254 Seiten. 8,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Menschen arbeiten nur noch zwei Stunden die Woche, bei vollem Lohnausgleich, versteht sich. Den Rest machen Roboter. Deutschland ist Abonnements-Fu\u00dfballweltmeister, und am Wochenende erholen wir uns auf den Marskolonien. \u2013 So etwa h\u00e4tte eine Zukunftsvision auf das Jahr 2009 in den F\u00fcnfziger Jahren aussehen k\u00f6nnen. Man f\u00fchrt Entwicklungen einfach linear fort, rechnet sie hoch. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-21635","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21635","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21635"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21635\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21635"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21635"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21635"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}