{"id":21640,"date":"2009-05-14T10:58:38","date_gmt":"2009-05-14T10:58:38","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/05\/gedaechtnisstuetze-das-triviale-das-hoehere-die-literatur\/"},"modified":"2022-06-13T02:07:03","modified_gmt":"2022-06-13T00:07:03","slug":"gedaechtnisstuetze-das-triviale-das-hoehere-die-literatur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/05\/gedaechtnisstuetze-das-triviale-das-hoehere-die-literatur\/","title":{"rendered":"Ged\u00e4chtnisst\u00fctze: Das Triviale, das H\u00f6here, die Literatur"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Was man spontan und angeregt durch laufende Diskussionen niederschreibt, soll auch spontan ver\u00f6ffentlicht werden. Voil\u00e0. Ein paar ausbauf\u00e4hige Gedanken, der Freitagsbeitrag schon am Donnerstag, damit ich mich morgen anderen Dingen zuwenden kann.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der Verdacht, bei Kriminalliteratur handele es sich um ein potentiell gef\u00e4hrliches Medium, ist so alt wie die Kriminalliteratur selbst. Schon die erste aller Krimiparodien, Benno Bronners &#8222;Herr von Syllabus&#8220;, erkennt in ihr ein von den &#8222;neuen Zeiten&#8220; subtil und wirkungsvoll gef\u00fchrtes Schwert gegen den Status Quo, innig verb\u00fcndet mit Atheismus und Aufkl\u00e4rung, Industrialisierung und moderner Kunst. Die Durchschlagskraft dieser Waffe war ihrer Hauptingredienz geschuldet: der Trivialit\u00e4t. W\u00e4re Karl Marx Krimiautor gewesen \u2013 nicht auszudenken!<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser St\u00e4rke, gesellschaftliche Themen zu einem danach d\u00fcrstenden Publikum zu transportieren, lag (und liegt) jedoch auch ihre eklatanteste Schw\u00e4che. Und sie wurde sowohl \u00e4sthetikkritisch als auch \u00f6konomisch sogleich gegen das Aufkl\u00e4rerische der Kriminalliteratur ins Feld gef\u00fchrt. Das Triviale, so erz\u00e4hlt man es uns bis heute, sei \u00e4sthetisch minderwertig, mithin nicht diskutabel, ja, seine Kraft geradezu destruktiv, jugendverderberisch. Ein ideales Vehikel f\u00fcr Weltfl\u00fcchtlinge, ein gigantischer Markt, auf dem das begreifliche Bed\u00fcrfnis der lesenden Massen, der Trostlosigkeit zu entfliehen, profitabel befriedigt werden konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das klingt wie eine Verschw\u00f6rung, ist aber keine. Der politische Stachel wurde der Kriminalliteratur aus reinem Pfr\u00fcnde- und Kommerzdenken gezogen. Die Herren Professores konnten weiterhin die Hochliteratur kanonisieren, die Entrepreneurs &#8222;Krimis&#8220; in rauhen Mengen profitabel unters Volk streuen. Wer evasorisch liest, schm\u00f6kert sich die Gegenwart sch\u00f6n, wei\u00df dank der Bildungspropaganda um die Wertlosigkeit seiner Lekt\u00fcre und k\u00e4me so gar nicht erst auf den Gedanken, Kriminalliteratur stelle eine andere Frage als die, wer der alten Lady den d\u00fcrren Hals umgedreht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Und der Clou: Es stimmt. Kriminalliteratur ist entsetzlich trivial, ja, ich behaupte auch: Jede Literatur ist in dem Sinne trivial, dass sie uns zur Weltflucht animiert \u2013 und gerade dadurch die Voraussetzungen schafft, uns ziemlich unsanft ins Hier und Jetzt zu katapultieren. Klingt unlogisch, ist es auch. Jedenfalls nach den Gesetzen einer simplifizierenden Kausallogik.<\/p>\n\n\n\n<p>Thomas Manns &#8222;Lotte in Weimar&#8220; zum Beispiel. Hochliteratur, nein, H\u00f6chstliteratur. Und geradezu unersch\u00f6pflicher Fundus f\u00fcr allerlei literarische Trivialit\u00e4ten, die f\u00fcr 100 Lore-Heftromane reichen w\u00fcrden. Goethezeit! Liebe! Verzicht! \u2013 Dass uns Mann in seiner &#8222;Lotte&#8220; eine an ihrer eigenen Klassizit\u00e4t erstickende Gesellschaft pr\u00e4sentiert, das ist die andere Seite der sch\u00f6nen Medaille. Noch exzessiver macht er das im &#8222;Zauberberg&#8220;, auf dem ebenfalls die Trivialit\u00e4ten hausen, alles Weltfl\u00fcchtige, Liebesh\u00e4ndler und Extremphilosophen, denen am Ende die Wirklichkeit in wenigen S\u00e4tzen bl\u00fcht. Nichts weiter als Kanonenfutter sind sie, aufs Schlachtfeld gef\u00fchrt, abgeschossen, aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Erw\u00e4hnen wir noch den gro\u00dfen Jean Paul mit seinem ebenfalls klassischen &#8222;Schulmeisterlein Wutz&#8220;. Ach, welch w\u00e4rmender Biedermeier (avant le lettre, w\u00fcrde Freund W\u00f6rtche jetzt sagen)! Wie vergn\u00fcglich, wie humorvoll, wie milde, kurz: wie trivial. Und was steckt dahinter? Ein Protagonist, bei dem man nach oftmaliger Lekt\u00fcre immer noch nicht wei\u00df, ob man ihn nun den ungeheuerlichsten, den bemitleidenswertesten oder einfach den allt\u00e4glichsten Charakter der Literaturgeschichte nennen soll.<\/p>\n\n\n\n<p>In den genannten (und vielen ungenannten) F\u00e4llen ist Trivialit\u00e4t in ihrer Eigenschaft, das Entkommen aus der Wirklichkeit zu bef\u00f6rdern, kein billiges Mittel zum Zweck, Leser in andere, &#8222;bessere&#8220; Zeiten zu entf\u00fchren, sie die Welt um sich herum vergessen zu machen, ein paar nette Lesestunden in der Gutbildungsb\u00fcrgerlichkeit zu garantieren. Sie ist das genaue Gegenteil, sie ist eine Waffe, die tief in diese gegenw\u00e4rtige Welt hineinschneidet. Im Grunde haben Thomas Mann und Jean Paul nichts anderes gemacht als das, was gute Kriminalliteratur immer schon tun musste: Man f\u00fchrt den Leser an einen Ort, der ihm Sicherheit vorgaukelt \u2013 und entdeckt ihm peu \u00e0 peu, dass genau dieser ideale, weltferne Ort, dieses traute Idyll die Keimzelle jener Welt ist, aus der man fl\u00fcchten will.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Analogie zur Kriminalliteratur ist offensichtlich. Auch hier wird aus h\u00f6chst trivialen Bausteinen eine ideale Normalwelt gezimmert \u2013 die Welt VOR dem Verbrechen -, die DURCH das Verbrechen als so gar nicht ideal entlarvt wird. Oder anders: Die Trivialit\u00e4t der Fiktion (jemand wird ermordet, man ermittelt, der Fall wird aufgekl\u00e4rt, der T\u00e4ter bestraft) wird zur Trivialit\u00e4t der Realit\u00e4t, in der Verbrechen allgegenw\u00e4rtig, nicht justitiabel, gar unabdingbar f\u00fcr das Funktionieren einer Gesellschaft sind. Und warum? Weil uns die Trivialit\u00e4t der Fiktion vorgaukelt, jede schlechte Tat lohne sich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der Krimiproduktion nichts von alledem ist, sondern pures Weltversch\u00f6nungsfutter und ergo Ablenkungsman\u00f6ver, braucht kaum erw\u00e4hnt zu werden. Dass aber jeder Versuch, Kriminalliteratur ihrer Trivialit\u00e4t zu berauben, ihren Unterhaltungswert als blo\u00dfen Vorwand herabzuw\u00fcrdigen, ebenfalls nicht zum Besten des Genres sein kann, d\u00fcrfte man nie genug erw\u00e4hnen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, wir wollen unterhalten werden. Ja, wir wollen so richtig sch\u00f6n eskapistisch in Krimis eintauchen. Ja, wir glauben an die Macht von (Kriminal-)literatur, uns auf die denkbar unlogischste Weise die Welt nahezubringen, so zu zeigen, wie man sie ohne (Kriminal-)literatur h\u00f6chstens erahnen, nicht aber sehen kann. Ja, wir wollen intelligente Kriminalliteratur. Nein, wir wollen weder Nur-Vergn\u00fcgen noch Nur-Intellekt. Wir wollen beides.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was man spontan und angeregt durch laufende Diskussionen niederschreibt, soll auch spontan ver\u00f6ffentlicht werden. Voil\u00e0. 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