{"id":21651,"date":"2009-05-22T07:57:11","date_gmt":"2009-05-22T07:57:11","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/05\/22-mai-1859-arthur-conan-doyle-aus-dem-notizbuch\/"},"modified":"2022-06-09T23:31:27","modified_gmt":"2022-06-09T21:31:27","slug":"22-mai-1859-arthur-conan-doyle-aus-dem-notizbuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/05\/22-mai-1859-arthur-conan-doyle-aus-dem-notizbuch\/","title":{"rendered":"22. Mai 1859: Arthur Conan Doyle. Aus dem Notizbuch"},"content":{"rendered":"\n<p>Das Jahr der runden Geburtstage. Edgar Poe wird 200, Eric Ambler 100 \u2013 und Arthur Conan Doyle, h\u00fcbsch und sinnig dazwischen, feiert seinen 150sten.<br \/>Doyle ist \u00fcberall, das hei\u00dft: sein Held Sherlock Holmes ist \u00fcberall, nur manchmal nicht dort, wo Doyle ist. Doyle mag aufatmen, denn die Gesellschaft seines Protagonisten war ihm zeitlebens l\u00e4stig. Er hat ihn geschaffen und ist von ihm geschaffen worden, er hat ihn irgendwann verabscheut und schn\u00f6de in den Reichenbach-F\u00e4llen entsorgt, bis er den Ungeliebten z\u00e4hneknirschend wieder aus dem Wasser fischte. Treppenwitz: Ausgerechnet der Sch\u00f6pfer dieses Vernunftmenschen par excellence ergab sich in sp\u00e4teren Jahren dem Spiritismus und sagt seiner Kopfgeburt Holmes endg\u00fcltig good bye.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Kein unproblematisches Verh\u00e4ltnis ergo. Ob, neben Doyles \u00dcberzeugung, nicht das Holmes-Sammelsurium, sondern das \u00fcbrige OEuvre mache seinen schriftstellerischen Rang aus, noch andere Gr\u00fcnde daf\u00fcr existierten? Ein Misstrauen in Holmes&#8216; Methode vielleicht? Einmal hat Doyle ja selbst \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2008\/11\/julian-barnes-arthur-george-.php\">den Holmes<\/a> gegeben und sich an die Aufkl\u00e4rung eines Verbrechens gewagt. George Edalji, ein Pfarrer indischer Abstammung, war in einem obskuren Prozess verurteilt worden, Doyle will ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Und scheitert doch. Nicht die Beweiskraft der Logik bringt Edalji in Freiheit, politisches Kalk\u00fcl ist es. Hier konstatieren wir eine Kluft zwischen Literatur und Wirklichkeit, wie sie gr\u00f6\u00dfer kaum sein kann, und eben auch die obligatorische Niederlage, die der durchaus engagierte Mensch Conan Doyle erleidet, wenn er einem Menschheitsmoloch namens Rassismus gegen\u00fcbertritt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Holmes-Methode. Als Sherlock Holmes im ausgehenden 19. Jahrhundert kraft Deduktion die Welt erobert, macht in Wien Sigmund Freud von sich reden. So wie Doyle die Physis deutet (ein Mann hat Druckerschw\u00e4rze an den H\u00e4nden, also muss er ein Drucker sein), so Freud die Psyche. Das deduktive Verfahren des Literaten (das Besondere ist eine Ableitung vom Allgemeinen) steht dem eher induktiven gegen\u00fcber. Vom Besonderen wird auf das Allgemeine hochgerechnet, weil eventuell jemand mit seiner Mutter schlafen will, m\u00f6chten wir das alle irgendwie. Aber eigentlich ist das Induktive nicht von dem Deduktiven zu trennen, sie sind nur als Paar zu haben, niemals einzeln. Wenn Holmes in der wahnwitzigen Idee zu Hause ist, man m\u00fcsse nur die Menschheit (in der jeder Drucker Druckerschw\u00e4rze an den H\u00e4nden hat) kennen, um den Einzelnen darin zu erkennen, dann liegt dem nat\u00fcrlich die ebenso irrwitzige Idee zugrunde, es gen\u00fcge, bei einem Druckerschw\u00e4rze an den H\u00e4nden zu konstatieren, um zu wissen, dass alle Drucker Druckerschw\u00e4rze an den H\u00e4nden haben. Sorry, aber anders als durch Irrtum erreicht, ist Erkenntnis nun einmal nirgendwo zu haben.<\/p>\n\n\n\n<center><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2009\/cover\/sh_logo.jpg\" alt=\"sh_logo.jpg\" width=\"121\" height=\"161\"\/><\/center>\n\n\n\n<p>Aber lassen wir das, kommen wir zur trivialen Abteilung. Sherlock Holmes \u2013 Geschichten sind spannend. Wir wissen etwas nicht \u2013 und dann wissen wir es. Was wir wissen? Spielt keine Rolle. Im Vorgang des Lesens ist es nat\u00fcrlich das Wichtigste \u00fcberhaupt, aber wenn wir mit dem Lesen fertig sind, ist es v\u00f6llig unwichtig geworden, abgehakt. Eine fertige Welt in unserem Ged\u00e4chtnis, ein schauerlicher Hund, der heulend \u00fcbers Moor schleicht, eine verblassende Welt, die, wenn wir nicht mehr wissen, was wir doch mal gewusst haben (wers n\u00e4mlich war), wieder interessant genug wird, damit wir das Buch noch einmal lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann Doyle wirklich nur lesen, wenn man etwas, das man gar nicht wissen m\u00f6chte, unbedingt wissen will, weil man es irgendwann vergessen haben m\u00f6chte, um es noch einmal wissen zu wollen. Das ist die Quintessenz der dominierenden Kriminalliteratur apr\u00e8s Holmes: Du kannst &#8222;Das gesprenkelte Band&#8220; nur dann ein zweites Mal lesen, wenn du vergessen hast, dass dieses Band eigentlich eine Schlange ist. Eine Kriminalliteratur ohne Geheimnis ist dem Verstauben preisgegeben. Es sei denn, sie ist in toto ein Geheimnis und l\u00e4sst uns nach jeder Lekt\u00fcre immer wissender, das hei\u00dft immer ratloser zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Klingt das jetzt zu negativ? Soll es gar nicht. Einmal, weil Kriminalliteratur immer aus und in der Zeit ihrer Entstehung gesehen werden muss. In ihr war Conan Doyle nicht nur der richtige Mann am richtigen Ort, er war zugleich Vollender einer Entwicklung. Die dramaturgische Blaupause stand bereit, wenn das Genre &#8222;erfunden&#8220; wurde, dann mit Sherlock Holmes. Weniger als Person, vielmehr als Methode, als dramaturgische Vorgabe. Sie verwandelt Spannung in Spiel, gibt ihr Regeln. Nach dem Bauplan des Conan Doyle werden bis zum heutigen Tag Krimis konstruiert. Auch dort, wo von protagonistischer Omnipotenz, naivem Positivismus l\u00e4ngst keine Rede mehr sein kann.<\/p>\n\n\n\n<center><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2009\/cover\/sh_logo.jpg\" alt=\"sh_logo.jpg\" width=\"121\" height=\"161\"\/><\/center>\n\n\n\n<p>Und so weiter. Die Weltfigur Holmes tr\u00e4gt das Stigma der Unsterblichkeit. Schaut man tiefer in diese Pappfigur hinein, verschwindet man in einem Grand Canyon widerstreitender Obsessionen. Da wird der Logiker zum Romantiker oder der Romantiker zum Logiker, da sp\u00fcrt man den Widerwillen vor der Berechenbarkeit der Welt und auch den Drang, sie bis zur letzten Stelle hinter dem Komma auszurechnen. Eine durch und durch ambivalente Sch\u00f6pfung, die aber danach schreit, harmonisch geformt zu werden. Wer sie aber formt, presst ihr das Leben aus dem Leib, wenn sie Form annimmt, zerflie\u00dft sie \u2013 und beginnt von Neuem zu atmen. Unsterblichkeit eben.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Jahr der runden Geburtstage. Edgar Poe wird 200, Eric Ambler 100 \u2013 und Arthur Conan Doyle, h\u00fcbsch und sinnig dazwischen, feiert seinen 150sten.Doyle ist \u00fcberall, das hei\u00dft: sein Held Sherlock Holmes ist \u00fcberall, nur manchmal nicht dort, wo Doyle ist. 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