{"id":21655,"date":"2009-05-25T07:55:23","date_gmt":"2009-05-25T07:55:23","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/05\/simon-beckett-leichenblaesse\/"},"modified":"2022-06-18T02:49:33","modified_gmt":"2022-06-18T00:49:33","slug":"simon-beckett-leichenblaesse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/05\/simon-beckett-leichenblaesse\/","title":{"rendered":"Simon Beckett: Leichenbl\u00e4sse"},"content":{"rendered":"\n<p><em>(Wtd-Rezensentin Anna Veronica zusammen mit unserem jamaikanischen Zwangspraktikanten Bob in der gem\u00fctlichen Leseecke &#8211; und beide ebenso ern\u00fcchtert wie aufgew\u00fchlt? Das kann nur eines bedeuten: Sie haben den neuen Bestseller von Simon &#8222;Ich hab immer die coolsten Cover&#8220; Beckett gelesen. So hat sich Bob das Rezensionsgesch\u00e4ft nicht vorgestellt. Und Anna Veronica auch nicht.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Affirmation ist vonn\u00f6ten. Wer hat ihn sich noch nicht zuweilen herbeigesehnt, den Co-Leser, der simultan Seite auf Seite gleichzieht, Kapitelchen um Kapitelchen synchron umbl\u00e4ttert, um dann mit ihm &#8211; im besten der F\u00e4lle &#8211; Begeisterung im Duett zu schmettern. Oder eben mit dem <em>partner in crime <\/em>bedripste Blicke zu wechseln, bis man beherzt die Buchdeckel zuklappt, um gemeinsam ganz andere Schandtaten zu begehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber klar &#8211; zu viel Harmonie ist ein Beziehungskiller. Da k\u00f6nnte ja gemeinsames Schm\u00f6kern von <em>Leichenbl\u00e4sse<\/em>, dem k\u00fcrzlich erschienenen dritten Band um den forensischen Anthropologen Dr. David Hunter, eventuell das Feuer neu entfachen, denn die Lekt\u00fcre des \u2018heimlichen Bestsellers\u2019 (vgl. <em>\u2192<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/welt_print\/article3432314\/Der-heimliche-Bestseller.html\">Die Welt<\/a><\/em>) gibt R\u00e4tsel auf. Wer lacht, wenn Dr. Hunter versucht, einen Witz zu machen? Wen ergreift die schiere Panik, wenn Hunter den <em>\u201cunverkennbaren Moschushauch\u201d<\/em> des Parfums der Frau wahrnimmt, die ihn schon einmal niederstach und ihm vermeintlich immer noch nach dem Leben trachtet? Und wen gruselt\u2019s, wenn altbekannte Weisheiten zum x-ten Male preisgegeben werden? Dass z. B. verwesende K\u00f6rper nun einmal nicht das N\u00e4schen umschmeicheln oder dass Haut sich w\u00e4hrend des Verwesungsprozesses abl\u00f6st. Das sieht man allw\u00f6chentlich in einschl\u00e4gig bekannten Erfolgsserien, oder man hat das schon damals &#8211; noch in den Kinderschuhen &#8211; bei Patricia Cornwell mit auf den Weg bekommen. Deren Ermittlerin, Kay Scarpetta, suchte bereits 1995 in <em>Das geheime Abc <\/em>der Toten auf der \u2018Body Farm\u2019 kompetente Hilfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf eben diese \u2018Body Farm\u2019, eigentlich <em>Anthropology Research Facility der University of Tennessee<\/em>, verschl\u00e4gt es auch Dr. Hunter. Dort will er dem Zersetzungsprozess des menschlichen K\u00f6rpers nach dem Tod auf die Schliche kommen. Vor allem jedoch sucht Hunter Abstand und Erholung unter Freunden, denn er hat sich noch l\u00e4ngst nicht von dem Mordanschlag erholt (vgl. <em>Kalte Asche<\/em>, 2007), der ihn fast das Leben und irgendwie auch die Beziehung zu seiner Freundin Jenny gekostet hat. Bei all den dramatischen Ereignissen scheint gar das alte Feuer der Leidenschaft f\u00fcr seinen Beruf unter Selbstzweifeln erloschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob Hunter seiner Profession noch gewachsen ist, kann selbstverst\u00e4ndlich bald erprobt werden. Sein einstiger Mentor, Tom Lieberman, bittet ihn bei einem komplizierten Fall um Hilfe. Und da Tom schwer erkrankt ist, \u00fcbernimmt Hunter einen Gro\u00dfteil der Arbeit, wobei der ungeladene Brite vor allem der \u00f6rtlichen Polizei ein Dorn im Auge ist. Arbeitet er doch nicht nur unerw\u00fcnscht, sondern als Ausl\u00e4nder auch v\u00f6llig unautorisiert an einem brisanten Serienm\u00f6rder-Fall. Und der k\u00f6nnte, sollte er je vor Gericht kommen, schon wegen eines Verfahrensfehlers, wegen Hunters unerlaubter Mitarbeit am Fall platzen. Das macht zwar Sinn, doch ist so viel Ablehnung f\u00fcr ein angeschlagenes Ego unbek\u00f6mmlich. Vor allem da langsam der alte Elan in Hunter auflodert: Wie konnten die Leichen in einem so kurzen Zeitraum derart schnell verwesen? Warum haben die Leichen rosarote Z\u00e4hne? Wer tauscht aus welchem Grund pr\u00e4parierte menschliche \u00dcberreste aus? Und welches b\u00f6se Spielchen hat sich der T\u00e4ter, der sich den Ermittlern gef\u00e4hrlich n\u00e4hert, noch ausgedacht?<\/p>\n\n\n\n<p>Man steckt die Nase ins Buch und liest, was physische Zersetzung so mit sich bringt. Erf\u00e4hrt etwas \u00fcber den feinen Unterschied zwischen fiesem Psychopathen und b\u00f6sartigem Narziss. Man trifft auf einen selbstverliebten, sich irrenden Profiler und erh\u00e4lt <em>en passant <\/em>ein paar hei\u00dfe Modetipps (ein kurzer, raschelnder Rock kann selbst einen schwerm\u00fctigen Wissenschaftler wachr\u00fctteln, wobei sich frau &#8211; das ist sexy &#8211; am besten noch eine Knarre unters Kost\u00fcmj\u00e4ckchen schnallt). Beckett erz\u00e4hlt seine d\u00fcnn ges\u00e4te Story, die zwischen Leichenhalle und Tatorten dahinkreiselt, recht umst\u00e4ndlich und gedehnt. Etwas Knoxville\/Tennessee, etwas Wald, viel Landschaft, eine Handvoll anormal verwesender K\u00f6rper, einige nette, gepflegte Menschen und mehrere weniger nette und weniger gepflegte Menschen. Letztere geh\u00f6ren immer zu den Verd\u00e4chtigen! Enorme Selbstzweifel plagen den Protagonisten und f\u00fchren zu der Feststellung, dass der Konjunktiv \u2013 <em>h\u00e4tte, w\u00e4re, k\u00f6nnte <\/em>\u2013 eine Menge Seiten auch ohne wirklichen Sinn f\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p>Fast \u00e4rgerlich stimmt es, wie Dr. Hunter mit Arroganz oder Ignoranz fehlende \u00e4rztliche Versorgung an Leichen feststellt, die z. B. Kleinganoven zu Lebzeiten nicht verg\u00f6nnt ist. Wie marode und bankrott (nicht nur das amerikanische) Gesundheitswesen ist, w\u00e4re gewiss eins der spannenden Themen gewesen, die Beckett jedoch nur rammt, um dann lapidar \u00fcber sie hinwegzuerz\u00e4hlen. Aber warum sich mit der Realit\u00e4t aufhalten, wenn sich bestens daran vorbeischreiben l\u00e4sst?<\/p>\n\n\n\n<p>Ach ja &#8211; am Ende wird alles sehr dramatisch. Und auch der M\u00f6rder, der nach altbekanntem Motiv mordet, hat uns in seine (selbstverst\u00e4ndlich) unaufger\u00e4umte Welt hineingucken lassen. Hinter all dieser Fadheit m\u00f6chte man etwas verborgen glauben. Wo ist sie, die hintersinnige Komponente, der tiefere Gedankengang? Oder zumindest die gute Unterhaltung? Ein ratloser Blick auf den Co-Leser k\u00f6nnte hilfreich sein. Hat er\u2019s kapiert? Sich am\u00fcsiert? Den Bestseller in <em>Leichenbl\u00e4sse<\/em> herausgelesen? Doch der sitzt nur duldsam im Fauteuil und blickt knurrig zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Simon Beckett: Leichenbl\u00e4sse <br \/>(Whispers of the Dead, 2009). Roman. <br \/>Deutsch von Andree Hesse. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2009. <br \/>416 Seiten.19,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Wtd-Rezensentin Anna Veronica zusammen mit unserem jamaikanischen Zwangspraktikanten Bob in der gem\u00fctlichen Leseecke &#8211; und beide ebenso ern\u00fcchtert wie aufgew\u00fchlt? 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