{"id":21658,"date":"2009-05-29T07:36:07","date_gmt":"2009-05-29T07:36:07","guid":{"rendered":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/05\/ueberlegungen-zum-polizeiroman\/"},"modified":"2022-06-05T23:31:57","modified_gmt":"2022-06-05T21:31:57","slug":"ueberlegungen-zum-polizeiroman","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/05\/ueberlegungen-zum-polizeiroman\/","title":{"rendered":"\u00dcberlegungen zum Polizeiroman"},"content":{"rendered":"\n<p>Man kann das Krimigenre recht \u00fcbersichtlich nach den T\u00e4tigkeiten der Protagonisten sortieren. Da gibt es Detektive und Polizisten und Helden, die berufsm\u00e4\u00dfig nichts mit Verbrechen zu tun haben, durch Zufall oder F\u00fcgung aber in solche geraten. Besch\u00e4ftigen wir uns heute ein wenig mit dem qua Profession in Verbrechen verstrickten \u2013 und zumeist verbeamteten \u2013 Personal, den Polizisten und der ihnen angemessenen Krimiform, dem Polizeiroman, auch &#8222;police procedural&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nicht jedes Buch, in dem Polizisten als Protagonisten agieren, ist ein Polizeiroman. Man wird aus durchaus unterschiedlichen Gr\u00fcnden weder die B\u00fccher von Derek Raymond oder Georges Simenon oder Janwillem van der Wetering oder Friedrich Ani dazuz\u00e4hlen k\u00f6nnen, wenngleich auch dort das eigentlich Charakteristische eine mehr oder weniger gro\u00dfe Rolle spielt: die Prozedur (&#8222;procedural&#8220;) der Fallaufkl\u00e4rung selbst. Die Ausgangssituation ist stets die gleiche: Ein Verbrechen geschieht und soll von einer Gruppe Polizisten aufgekl\u00e4rt werden. Dies geschieht &#8222;realistisch&#8220;, Schritt f\u00fcr Schritt, aus der Gruppe sch\u00e4lt sich zumeist ein Protagonist heraus, der eigentliche Held.<\/p>\n\n\n\n<p>Ed McBains Geschichten um das 87. Polizeirevier gelten gemeinhin als Blaupause des Subgenres, popul\u00e4r wurde es in Deutschland aber wohl erst durch die zehnb\u00e4ndige Reihe von Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 in den Sechziger und Siebziger Jahren, sp\u00e4ter nochmals aufgefrischt durch den geschickten Epigonen Henning Mankell. Wobei &#8222;Epigone&#8220; ein wenig hart sein d\u00fcrfte, denn im Grunde f\u00fchrte Mankell nur fort, was Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 aus der McBain-Vorlage herausarbeiteten. Der Polizeiroman enth\u00e4lt drei Hauptelemente, die in wechselnder Dosierung und dramaturgischer Verkn\u00fcpfung zwangsl\u00e4ufig verwendet werden: die Polizeiarbeit des Teams selbst, bei der man besondere &#8222;Authentizit\u00e4t&#8220; erwartet, Einblicke in die Gedankenwelt der Ausf\u00fchrenden sowie die Zeichnung des soziopolitischen Umfelds, in dem agiert wird. Wie man hier gewichten kann, zeigt schon die Entwicklung bei Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 selbst, die mit einer beinahe in Reinkultur vorgef\u00fchrten Ermittlungsprocedere beginnen und dann in der bitter humoristisch erh\u00f6hten politischen Wirklichkeit enden. Andere wiederum konzentrieren sich \u2013 zumeist in der Tradition Mankells \u2013 auf die Seelenabgr\u00fcnde der Handelnden selbst und spiegeln dort die Tat und ihr gesellschaftliches Umfeld.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Qualit\u00e4t dieser Mixtur macht den Unterschied \u2013 sowie die spezifischen Beigaben zur Verfeinerung der literarischen Grundmahlzeit. Wer die Vermengung der drei Hauptelemente in Perfektion erleben m\u00f6chte, sei an John Harvey verwiesen. Im k\u00fcrzlich bei dtv wiederver\u00f6ffentlichten Fall f\u00fcr das Team um Charlie Resnick, &#8222;Tiefer Schnitt&#8220;, harmonisieren das Prezedurale, das Psychologische und das Gesellschaftliche auf eine so perfekte Weise, dass man das eine niemals zu Gunsten eines anderen Elementes ausspielen k\u00f6nnte. Sie sind untrennbar verbunden, ein mit sehr viel Liebe und noch mehr K\u00f6nnen geschmiertes R\u00e4derwerk. Das mag nicht &#8222;innovativ&#8220; sein, kommt jedoch dem Idealbild eines Polizeiromans so nahe, dass nachfolgende Generationen von AutorInnen gar nicht anders k\u00f6nnen als sich etwas Neues einfallen zu lassen, wollen sie Harvey nicht einfach imitieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht zu imitieren sind auch die Polizeiromane von Reginald Hill, wenngleich aus anderen Gr\u00fcnden als die Harveys. Sein Team um die beiden Protagonisten Dalziel und Pescoe agiert offensichtlich auf einer anderen, erh\u00f6hten Ebene, die die genannten Grundelemente des Subgenres verzerrt. Kein Mensch k\u00e4me auf die Idee, den Ma\u00dfstab des &#8222;Authentischen&#8220; an die geschilderte Polizeiarbeit zu legen. Sie ist, ganz offensichtlich, nicht von dieser Welt, durchsetzt mit Komik und literarischen Anspielungen, aber solide genug, um sowohl das Politische als auch das Private tragen zu k\u00f6nnen. Denn, ja doch, Hill ist selbst in den absurdesten Situationen ein genauer Beobachter der Psyche und der Gesellschaft. Ungew\u00f6hnlich jedoch die Farbe des Glases, durch das alles betrachtet wird. Es ist der Blick des Autors, dem wir folgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz anders \u2013 und doch wieder nicht \u2013 bei Norbert Horst. Gerade von ihm, dem gelernten Polizeibeamten, w\u00fcrde man in puncto Authentizit\u00e4t eher die dokumentarische N\u00fcchternheit der &#8222;Dragnet&#8220;-Tradition erwarten, und er liefert sie auch \u2013 aber sowohl stilistisch als auch dramaturgisch ebenfalls gef\u00e4rbt, hier durch den hochsubjektiven Blick des Protagonisten. Die Ebene des Privaten wird zum Sieb, durch das sowohl die eigentliche Prozedur als auch die Handelnden und die Gesellschaft gepresst werden m\u00fcssen. Was hier z\u00e4hlt, ist nicht unbedingt die Mixtur selbst, sondern die f\u00fcr ihre Herstellung verantwortliche Apparatur.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder ganz anders: Horst Eckert. Sein neuer Thriller &#8222;Sprengkraft&#8220; ist nur bedingt ein Polizeiroman. Das Primat der Prozedur teilt sich seine Lenkfunktion mit den beiden anderen Hauptelementen, dem Privaten, Psychologischen und dem Gesellschaftlichen, Politischen. Letzteres ist der eigentliche Kern. &#8222;Sprengkraft&#8220; gr\u00fcndet sich auf Fakten, wie man sie bequem jeder Tageszeitung entnehmen kann. Diese Fakten neu zu ordnen, einen spannenden Krimi daraus herzustellen, ist Eckerts Hauptanliegen. Und er ist schlau und versiert genug, sich im Teil dieser Anstrengung auf eine zentrale Erkenntnis aller modernen Polizeiromane zu konzentrieren: Der Polizist ist weder gut noch b\u00f6se, er ist auch nur ein Mensch. In ihm spiegelt sich im Kleinen, was der gro\u00dfe Rahmen bereits vorgibt: Polizisten sind keine Aufkl\u00e4rungsmaschinen, sondern teilweise vertrackte, ja, verkorkste Pers\u00f6nlichkeiten, die in einer ebensolchen Umwelt zu agieren haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Genug f\u00fcr heute. Was hier zu den aktuellen Romanen von Harvey und Eckert angedeutet wurde, wird demn\u00e4chst etwas ausf\u00fchrlicher begr\u00fcndet werden. Der Polizeiroman im Allgemeinen mag in seinen Grundstrukturen nur wenig modifierbar sein. Seine Flexibilit\u00e4t ist dennoch beachtlich \u2013 und abh\u00e4ngig von der Flexibilit\u00e4t seiner sch\u00f6pfenden Kraft. Was nun gar nicht \u00fcberraschend ist.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kann das Krimigenre recht \u00fcbersichtlich nach den T\u00e4tigkeiten der Protagonisten sortieren. Da gibt es Detektive und Polizisten und Helden, die berufsm\u00e4\u00dfig nichts mit Verbrechen zu tun haben, durch Zufall oder F\u00fcgung aber in solche geraten. 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