{"id":21660,"date":"2009-06-28T16:32:26","date_gmt":"2009-06-28T16:32:26","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/06\/nicht-literaturfaehig\/"},"modified":"2022-06-07T17:20:01","modified_gmt":"2022-06-07T15:20:01","slug":"nicht-literaturfaehig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/06\/nicht-literaturfaehig\/","title":{"rendered":"Nicht literaturf\u00e4hig"},"content":{"rendered":"\n<p><em>&#8222;Ein Porsche-Krimi w\u00e4re ein ziemlich langweiliges Buch&#8220;<\/em>: sagt Krimiautor Wolfgang Schorlau in einem aufschlussreichen \u2192<a href=\"http:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/stz\/page\/2105285_0_3431_--quot-ein-porsche-krimi-waere-ein-ziemlich-langweiliges-buch-quot-.html\">Interview<\/a> (\u2192<a href=\"http:\/\/giorgione.twoday.net\/\">via<\/a>) \u2013 und folglich wird er ihn nicht schreiben. Aber Kollege Heinrich Steinfest differenziert: <em>&#8222;Mein Interesse gilt ja dem Abstrusen und Grotesken in der Welt, und beides ist in diesen Konzernen massiv vorhanden. Mich besch\u00e4ftigen freilich nicht bestimmte Firmen, sondern die Strukturen, die Strukturen von Macht, auch die Frage, inwieweit solche Unternehmen ein Eigenleben in unserer Gesellschaft f\u00fchren.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dennoch: Einen Krimi \u00fcber Porsche oder &#8222;die Krise&#8220; werden wohl beide nicht schreiben, denn, so Schorlau, <em>&#8222;der Hauptgrund ist, dass die beteiligten Figuren nicht literaturf\u00e4hig sind. Da m\u00fcsste man ja einen Roman schreiben, in dem lauter B\u00f6sewichte auftreten.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Scheitert der Krimi an der Komplexit\u00e4t des wirklichen, so ganz und gar nicht nach den Genreregeln funktionierenden Lebens? Was hei\u00dft &#8222;nicht literaturf\u00e4hig&#8220;? N\u00e4hern wir uns dem Problem mit einem kleinen hypothetischen Beispiel. Angenommen, es k\u00e4me doch jemand auf die Idee, einen Krimi \u00fcber die Finanzkrise zu schreiben. Er w\u00fcrde, in seinem Kernplot, wohl folgenderma\u00dfen aussehen:<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Protagonist (Detektiv, Polizist) wird zur Aufkl\u00e4rung eines Verbrechens (wahrscheinlich Mord) gerufen und beginnt zu ermitteln. Das Opfer w\u00e4re wohl ein Banker oder eine dem Gewerbe nahestehende Person (Wirtschaftsjournalist, Freundin eines Bankers etc.). Der Protagonist kommt nach und nach hinter das Motiv f\u00fcr die Tat, sagen wir: einen gigantischen Finanzschwindel mit pittoresk-exotischen Abstechern auf karibische Inseln mit sehr lockeren Bankregeln. Nat\u00fcrlich wird sich der Protagonist eine Menge Feinde machen, Feinde aus Finanzwelt und Politik. Das Ende bleibt offen: Vielleicht kommt die ganze Schweinerei ans Tageslicht, vielleicht auch nicht, vielleicht wird nur der M\u00f6rder als M\u00f6rder bestraft, nicht aber seine sauberen Hinterm\u00e4nner als Hinterm\u00e4nner. Man erh\u00e4lt Einblicke ins &#8222;Milieu&#8220;, keine Frage, vielleicht, wenn der Autor schlau ist, l\u00e4\u00dft er die Geschichte ganz einfach in die Wirklichkeit \u00fcberlaufen, trotzige Banker vor der Kamera, hilflose Politiker in Talkshows, w\u00fctende Bev\u00f6lkerung auf den Stra\u00dfen (oder realistischer: in ihren Fernsehsesseln), dazu eine tragisch-hitzige Liebesgeschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das w\u00e4re &#8222;Krisenbew\u00e4ltigung&#8220; auf Krimiart, getreu nach den Regeln inszeniert, von &#8222;literaturf\u00e4higem Personal&#8220; nur so wimmelnd, \u00fcberschaubar, aufkl\u00e4rerisch wie ein Tatortkrimi. Nur: Es k\u00e4me wohl nichts anderes bei der Sache heraus als eine Paraphrase dessen, was uns l\u00e4ngst anderswo medial um die Ohren gehauen wird, vielleicht nicht so spannend. Und somit m\u00fcsste man Schorlau \/ Steinfest recht geben, wenn sie Porsche- und andere Krisenkrimis einfach nicht schreiben m\u00f6gen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberlegen wir uns jetzt ein anderes Plotszenario:<\/p>\n\n\n\n<p>Der Protagonist (ein ganz schlichter Normalb\u00fcrger) hat durch die Bankenkrise Geld verloren. Irgendein Berater hat ihm Zertifikate der Ich-lass-deine-Kohle-arbeiten-Bank verkauft, die schneller toxisch wurden als ein St\u00fcck K\u00e4se, das man in ein Arsenbad taucht. Der Protagonist will Gerechtigkeit. Er m\u00f6chte wissen, was mit seinem sch\u00f6nen, f\u00fcr die Schulausbildung der Kinder angelegten Geld passiert ist, das ihm doch 6 % Zinsen bringen sollte. Also beginnt er zu forschen und stellt fest, dass die Ich-lass-deine-Kohle-arbeiten-Bank Kredite an eine bolivianische Minengesellschaft vergeben hat, in deren Bergwerken Menschen f\u00fcr wenig Geld schuften, meistens nicht sehr alt werden und auf gar keinen Fall irgendwelche Rechte haben. Das Ganze funktioniert auch mit \u00d6lgesellschaften in Nigeria oder T-Shirt-Herstellern in Bangladesh. Der Protagonist muss erkennen: Holla, am Beginn der Verbrechenskette stehe ja ICH SELBST! Also geht er auf ein Polizeirevier und zeigt sich wegen Verletzung der Menschenrechte, illegaler Bereicherung und einigen anderen Kleindelikten (Beihilfe zu diversen T\u00f6tungen, Umweltverschmutzung etc.) an. Ende des Krimis.<\/p>\n\n\n\n<p>Mal ehrlich: Wollen wir so etwas lesen? Ist das Krimi? Nat\u00fcrlich nicht. Ein richtiger Krimi m\u00fcsste aufgepeppt werden, aus unserem Protagonisten w\u00fcrde ein &#8222;Opfer&#8220;, das &#8222;ohne sein Zutun&#8220; Tatbeihilfe geleistet hat&#8230; Was nat\u00fcrlich Bl\u00f6dsinn ist, eigentlich. Denn all das h\u00e4tte der Protagonist ja wissen k\u00f6nnen, die blanke Tatsache, dass sich Geld auf der Bank nicht dadurch vermehrt, dass es Geschlechtsverkehr mit seinesgleichen aus\u00fcbt, h\u00e4tte zu denken geben m\u00fcssen. Unser Protagonist hat schlichtweg verdr\u00e4ngt, sich nicht informiert, keine Konsequenzen gezogen. Er wird zwar von lachenden Polizeibeamten nach seiner Selbstanzeige (die gar nicht erst aufgenommen wurde) nach Hause geschickt, aber die Schuld durch Unterlassung bleibt dennoch bestehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlechter Krimi. Dieser Protagonist w\u00e4re tats\u00e4chlich im Sinne des Genres &#8222;nicht literaturf\u00e4hig&#8220;, es sei denn, man w\u00fcrde seine Geschichte mit allerhand Thrilligem aufmotzen. Was aber diese Geschichte selbst verw\u00e4ssern w\u00fcrde. Die schn\u00f6de Wirklichkeit passt also tats\u00e4chlich nicht in einen Krimi. Oder sagen wir es so: Sie passt nicht in einen Krimi der tradierten Art.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber, Einwand: Das erste Expos\u00e9 k\u00f6nnte dennoch ein gro\u00dfartiger Roman werden, das zweite, bei aller innovatorischen Anstrengung, ein \u00fcble Mi\u00dfgeburt. Einverstanden. Bei Literatur, die &#8222;Wirklichkeit&#8220; ja immer reduzieren \/ konzentrieren muss, um sie f\u00fcr uns auszuweiten, kommt es weniger auf gute Absichten als auf schriftstellerisches Verm\u00f6gen an. Auch ist &#8222;die Wirklichkeit&#8220; nicht immer politisch \/ gesellschaftlich. Manchmal verraten mir 300 Seiten in einem Kopf egozentrisch Zugerechtgedachtes mehr \u00fcber den Zustand der Welt als jeder &#8222;politische Krimi&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage indes bleibt: Ist die Kriminalliteratur mit all ihren Regeln und Lesererwartungen \u00fcberhaupt in der Lage, Konstrukte von Wirklichkeit jenseits des Althergebrachten zu erschaffen? Oder anders: Versperrt nicht gerade das Verdammtsein zur &#8222;spannenden Unterhaltung&#8220;, zur suspensetriefenden Dramaturgie die alternativen Wege zur &#8222;Darstellung von Wirklichkeit&#8220;? Denn wenn wir uns noch einmal an das zweite Expos\u00e9 erinnern: Es w\u00fcrde in einem Nicht-Krimi prima funktionieren k\u00f6nnen. Nun kann man sagen: Okay, dann soll, wer so etwas schreiben will, halt einen Nichtkrimi verfassen. Was dann einem Eingest\u00e4ndnis der Beschr\u00e4nktheit von &#8222;Krimi&#8220; gleichk\u00e4me, ein vor dem Hintergrund, dass Kriminalliteratur momentan als DIE &#8222;Gesellschaftsliteratur&#8220; gehandelt wird, beinahe peinliches Resignieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein anderer Ansatz w\u00fcrde jedoch davon ausgehen, dass es ja l\u00e4ngst Kriminalliteratur gibt, die nur partiell den Regeln folgt. Nehmen wir zum Beispiel kubanische oder mexikanische Krimis, \u00fcberhaupt: s\u00fcd- und mittelamerikanische, ja, sogar afrikanische, asiatische: Hier werden oft zwei Geschichten von Verbrechen erz\u00e4hlt. Die einen handeln von Mord und Aufkl\u00e4rung, die anderen von einer durch Verbrechen erst zusammengehaltene, in sich maroden Gesellschaft, die zwischen Opfern und T\u00e4tern nur noch schwer unterscheiden kann. Das sind durchaus &#8222;Porsche-Krimis&#8220; mit im Grunde &#8222;nicht literaturf\u00e4higem&#8220; Personal. Und vergessen wir nicht die ganz Gro\u00dfen von Ambler \u00fcber Thomas bis Simenon, all jene, von denen es manchmal hei\u00dft, sie h\u00e4tten &#8222;mehr als Krimis&#8220; geschrieben oder sich des Genres lediglich bedient, um irgend etwas zu transportieren. Ist es nicht doch eher so, dass sie einfach nur dazu bef\u00e4higt waren, das Genre neuen Themen und ihrer Darstellung anzupassen? Jedenfalls: &#8222;Nicht literaturf\u00e4hig&#8220; ist letztlich nur das, was von nicht literaturf\u00e4higen Autoren geschrieben wird.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ein Porsche-Krimi w\u00e4re ein ziemlich langweiliges Buch&#8220;: sagt Krimiautor Wolfgang Schorlau in einem aufschlussreichen \u2192Interview (\u2192via) \u2013 und folglich wird er ihn nicht schreiben. Aber Kollege Heinrich Steinfest differenziert: &#8222;Mein Interesse gilt ja dem Abstrusen und Grotesken in der Welt, und beides ist in diesen Konzernen massiv vorhanden. 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