{"id":21665,"date":"2009-06-04T17:34:48","date_gmt":"2009-06-04T17:34:48","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/06\/von-simenon-lernen\/"},"modified":"2022-06-16T20:36:58","modified_gmt":"2022-06-16T18:36:58","slug":"von-simenon-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/06\/von-simenon-lernen\/","title":{"rendered":"Von Simenon lernen"},"content":{"rendered":"\n<p><em>&#8222;Er war drauf und dran, diese braven, anst\u00e4ndigen Leute zu verabscheuen.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Warum tut sich Kommissar Maigret nur so schwer mit diesem Fall? Monsieur Josselin ist in seinem Wohnzimmer ermordet worden, ein ehemaliger Fabrikant, dann Rentier, gl\u00fccklich verheiratet, keine besonderen Vorkommnisse. Und alle, alle sind wie er: so brav, so reputiert, anst\u00e4ndig eben. Gut; wir verstehen den Kommissar. Das ist nicht sein Metier. Dort wo gemordet wird, kann es mit dem Anstand nicht weit her sein. Doch einer dieser Biedermenschen muss der T\u00e4ter sein \u2013 daf\u00fcr spricht alles. Nur wie will Maigret die Maske vom Gesicht des M\u00f6rders rei\u00dfen, wenn auf diesem Gesicht gar keine<br \/>Maske sitzt?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>&#8222;Maigret und die braven Leute&#8220; wurde am 11. September 1961 vollendet \u2013 und wir wagen uns gar nicht vorzustellen, wann Georges Simenon den ersten Satz des 180-Seiten-Romans geschrieben hat. Am 10. September, am 9., am 8.? Er schrieb viel und er schrieb schnell, dieser Band ist der 58. vom 75, in denen der Diogenes Verlag seit geraumer Zeit &#8222;s\u00e4mtliche Maigret-Romane&#8220; ver\u00f6ffentlicht. Wer viel schreibt, wer dazu schnell schreibt, der kann nicht gut schreiben. Diesen Gemeinplatz hat Simenon ad absurdum gef\u00fchrt. Er konnte nicht nur gut schreiben, er beherrschte auch die Kunst, Dinge nicht zu formulieren, sie aber f\u00fcr die Sensibleren unter seiner Lesern anzudeuten. &#8222;Maigret und die braven Leute&#8220; bildet da keine Ausnahme.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich haben wir es mit einem geradlinigen Polizeiroman zu tun. Monsieur Josselin wird ermordet, man alarmiert die Polizei, Maigret, gerade aus dem Sommerurlaub zur\u00fcck, erscheint am Tatort und beginnt mit seiner Arbeit. Die Familienangeh\u00f6rigen des Opfers (Frau, Tochter und Schwiegersohn) werden befragt, die Concierge, die Nachbarn, die Gesch\u00e4ftsinhaber der Umgegend, Kellner, Bekannte, fr\u00fchere Angestellte. Das ist nicht sehr aufregend, eher betulich. Maigret findet heraus, dass der M\u00f6rder die Tat von langer Hand geplant haben muss. Er hat sich in der Wohnung Josselins mehr als gut ausgekannt. Zudem wurde offensichtlich nichts entwendet, kein Raubmord, kein kriminelles Milieu weit und breit. Brave Leute. Maigret verflucht sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum eigentlich? Brave Leute, die zu M\u00f6rdern werden, halten den Druck nicht aus. Sie haben Leichen im Keller \u2013 oder der Get\u00f6tete hatte sie. Jeder andere Autor von Spannungsliteratur w\u00fcrde nun damit beginnen, die Abgr\u00fcnde zu entdecken, die Katastrophen, die aus dem Ruder gelaufenen Leidenschaften. Nicht so Simenon. Er neckt uns. Der einzige Abgrund, den er im Leben Josselins finden wird, f\u00fchrt in ein B\u00fcro f\u00fcr Pferdewetten, das der Ermordete gelegentlich aufgesucht hat, um ein paar Francs zu setzen. Mehr gibt es da nicht zu entlarven.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch einmal: Warum mag Maigret diesen Fall nicht? Ganz einfach: Er ist doch selbst einer von den braven Leuten, und wenn er tats\u00e4chlich &#8222;D\u00e4monen&#8220; finden sollte in all der Biederkeit, dann sind es wom\u00f6glich seine eigenen. Hier dreht sich die Geschichte, wird aus dem Polizeiroman ein allerliebst psychologischer.<\/p>\n\n\n\n<p>Maigret ist also verunsichert, und das zeigt er. <em>&#8222;Warum begann er beim Essen die beiden Frauen [Frau Maigret und Frau Josselin] miteinander zu vergleichen, obwohl doch keinerlei Gemeinsamkeiten zwischen ihnen bestanden?&#8220; <\/em>So wiegelt er ab. Und denkt weiter. <em>&#8222;Maigret ertappte sich dabei, dass ihn diese Details so sehr besch\u00e4ftigten, als handle e sich um Angeh\u00f6rige seiner eigenen Familie.&#8220; <\/em>Und nicht nur die. Auch die Freunde der Maigrets, die Pardons, ebenfalls brave Leute. Wie Frau Josselin geht <em>&#8222;auch Madame Pardon (&#8230;) fast jeden Nachmittag ihre Tochter besuchen, die im vergangenen Jahrgeheiratet und seit ein paar Monaten ein Baby hatte. Falls die Maigrets ein Kind gehabt h\u00e4tten, w\u00e4re es jetzt wahrscheinlich auch verheiratet, und Madame Maigret w\u00fcrde wie die anderen&#8230;&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>So ist das n\u00e4mlich: Maigret steckt in der Zwickm\u00fchle. Wenn er den Fall nicht l\u00f6st, also die braven Leute die braven Leute bleiben, ist auch seine Welt weiterhin eine heile. Aber er MUSS den Fall l\u00f6sen, dazu ist er nun einmal Kommissar Maigret.<\/p>\n\n\n\n<p>Vieles aus der unheilen Welt, die Maigret durchaus vermutet, wird im Verlauf des Romans ganz zart angedeutet, mit spitzen Fingern angefasst und sofort wieder fallengelassen. Die Ehe der Josselins mag in Ordnung gewesen sein \u2013 aber wei\u00df man es wirklich? Die Ehe der Tochter Josselin indes&#8230; Sie ist mit einem Kinderarzt verheiratet, den sein Beruf auffrisst, der sich gerne von seinem Beruf auffressen l\u00e4sst. Das kann nicht gutgehen, geht vielleicht schon nicht gut. Manchmal denkt Maigret in diese Richtung \u2013 und wendet sich dann doch ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie entkommt er nun aber seinem Dilemma? Die Welt der braven Leute darf nicht zerst\u00f6rt werden, aber man kann es drehen und wenden, wie man will: Es ist ein Mord geschehen, der Mord muss aufgekl\u00e4rt werden. Das Dilemma Maigrets wird das Dilemma seines Autors Simenon, es ist nur um den hohen Preis der Verletzung der Genregesetze aufzul\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Genregesetze. Kl\u00e4re den Fall logisch auf, pr\u00e4sentiere uns den T\u00e4ter. Genau das tut Simenon nicht, aber wie er das nicht tut, hat schon Stil. Tats\u00e4chlich wird der T\u00e4ter ermittelt (wir lernen ihn nicht pers\u00f6nlich kennen, im ganzen Roman nicht), aber ob er es auch wirklich ist? Die Wahrscheinlichkeit mag hoch sein, Gewissheit verschafft uns Simenon keineswegs. Ja, er mutet uns, um alles in der Schwebe zu halten, einen unlogischen Schluss zu. Erinnern wir uns: Der T\u00e4ter muss die Tat geplant haben. Er lockt mit einem fingierten Notruf den Arzt-Schwiegersohn aus Josselins Wohnung, so dass dieser dort alleine ist. Dann verschafft er sich Zutritt zum von der Concierge \u00fcberwachten Haus, indem er sich f\u00fcr einen anderen Bewohner ausgibt. Er wei\u00df, wo Josselins Waffe liegt, er wei\u00df, wo der Schl\u00fcssel zur &#8222;Dienstbotenkammer&#8220; unterm Dach h\u00e4ngt, in der er sich seelenruhig bis zum n\u00e4chsten Morgen aufhalten wird, um dann ungesehen in all dem Trubel aus dem Haus zu schl\u00fcpfen. Und nun dieser T\u00e4ter. Vieles, fast alles spricht daf\u00fcr, dass er NICHT mit dem Vorsatz, Josselin zu t\u00f6ten, dessen Wohnung betreten hat. In Ordnung, Maigret entwickelt ein fl\u00fcchtiges Szenario, das diesen Vorsatz ber\u00fccksichtigt. Aber wirklich \u00fcberzeugend ist es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir zweifeln also an Maigrets Version, so wie er es selber tut. Und der vermeintliche T\u00e4ter wird nicht in die Verlegenheit kommen, sich dazu zu \u00e4u\u00dfern, davor sorgt Simenon schon. Am Ende, Monate sp\u00e4ter, ein verr\u00e4terischer Satz: <em>&#8222;Maigret musste noch einmal in die Rue Notre-Dame-des-Champs gehen;&#8220;<\/em> \u2013 musste? Warum muss Maigret die Witwe Josselin aufsuchen? Er l\u00e4sst sich von der Hausdame melden, wartet im Wohnzimmer, dem einstigen Tatort. Der Roman endet mit einem zweiten verr\u00e4terischen Satz: &#8222;<em>Ihm war trotz allem danach, sich die Stirn abzuwischen, als er sich fl\u00fcchtig im Spiegel betrachtete.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, Maigret hat sich in diesem Fall mit den braven Leuten fl\u00fcchtig im Spiegel betrachtet. Was er gesehen hat, d\u00fcrfte ihm nicht gefallen, einen kleinen Schwei\u00dfausbruch verursacht haben. Maigret \/ Simenon ist es gelungen, die Angst vor der Selbstspiegelung mit der Pflicht des Polizisten zu vers\u00f6hnen. Der scheinbare M\u00f6rder geh\u00f6rt zu den feinen Leuten \u2013 und doch wieder nicht. Sein Leben ist der Abgrund des B\u00fcrgerlichen, in den Maigret nicht schauen darf \u2013 und Simenon, indem er Maigret offensichtlich diensteifrig zur Seite steht, uns doch einen Blick werfen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>All das geschieht ohne viele Worte. Andeutungen, mehr nicht. Abgr\u00fcnde, die keine sind, vielleicht nicht \u2013 vielleicht doch? Wir werden es nie erfahren, ebenso wenig, wie wir je Klarheit dar\u00fcber gewinnen werden, ob der T\u00e4ter nun der T\u00e4ter war oder nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles steht in &#8222;Maigret und die braven Leute&#8220;, einem Roman, von dem wir in d\u00fcsteren Momenten annehmen, Georges Simenon habe ihn in drei oder vier Tagen geschrieben. Wie lange h\u00e4tte man selber daf\u00fcr gebraucht? Und h\u00e4tte das Ergebnis dem Vergleich standgehalten? \u2013 Dar\u00fcber: kein Wort.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Georges Simenon: Maigret und die braven Leute. <br \/>Diogenes 2009 (Maigret et les braves gens. 1962. Deutsch von Ingrid Altrichter). <br \/>181 Seiten, 9 \u20ac (Band 58 von \"S\u00e4mtliche Maigret-Romane)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Er war drauf und dran, diese braven, anst\u00e4ndigen Leute zu verabscheuen.&#8220; Warum tut sich Kommissar Maigret nur so schwer mit diesem Fall? Monsieur Josselin ist in seinem Wohnzimmer ermordet worden, ein ehemaliger Fabrikant, dann Rentier, gl\u00fccklich verheiratet, keine besonderen Vorkommnisse. Und alle, alle sind wie er: so brav, so reputiert, anst\u00e4ndig eben. 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