{"id":21669,"date":"2009-06-07T11:03:45","date_gmt":"2009-06-07T11:03:45","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/06\/krimikultur-1\/"},"modified":"2022-06-07T14:25:54","modified_gmt":"2022-06-07T12:25:54","slug":"krimikultur-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/06\/krimikultur-1\/","title":{"rendered":"Krimikultur, 1"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>In den n\u00e4chsten Tagen m\u00f6chte ich in einer kurzen Serie von Beitr\u00e4gen ein paar wenige provisorische Umrisse dessen zeichnen, was &#8222;Krimikultur&#8220; sein k\u00f6nnte. Was soll damit erreicht werden, Krimikultur zu f\u00f6rdern? Ja, was ist das \u00fcberhaupt? Welche Schritte sind wie und wann zu unternehmen? Was soll sie f\u00fcglich NICHT sein? \u2013 Beginnen wir damit, uns Gedanken \u00fcber den Status Quo zu machen, warum man ihn ver\u00e4ndern sollte \u2013 und welche Konsequenzen das haben k\u00f6nnte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was ist hier und heute Krimikultur? Ein kleines Beispiel: Vor einigen wenigen Jahren kam es zu einem fatalen Missverst\u00e4ndnis. Die Krimideb\u00fctantin Andrea Maria Schenkel ver\u00f6ffentlichte einen schmalen Text namens &#8222;Tann\u00f6d&#8220;, der sofort von Kritik und erstaunlich vielen Lesern als &#8222;Krimi, aber irgendwie anders, irgendwie mehr&#8220; identifiziert wurde. Das Buch verkaufte sich mehr als gut. Dann kam eine Fernsehdame daher und befand in ihrer kriminalliterarischen Ahnungslosigkeit, es handele sich bei &#8222;Tann\u00f6d&#8220; um ein beinahe epochales Werk und empfahl es ihrem Millionenpublikum. Und die Medienmaschine kam ins Laufen. In der Folge wurde aus &#8222;Tann\u00f6d&#8220;, dem Krimi \u2013 wir erinnern uns -, der anders war als das sonstige Futter aus der gro\u00dfen Bestsellerei \u2013 so etwas wie die Neugeburt des Genres. Das ging so lange, bis auch der Ahnungsloseste unter den Meinungsf\u00fchrern seine Zimmermannsarbeit am K\u00e4stchen &#8222;Neuer Deutscher Heimatkrimi&#8220; geleistet hatte und das entsprechende Etikett geschrieben und aufgeklebt war. Die kritische und sachliche Betrachtung von &#8222;Tann\u00f6d&#8220; hatte inmitten dieses hektischen Spektakulums kaum eine Chance, geh\u00f6rt zu werden. Frau Schenkel schrieb ein zweites Buch, &#8222;Kalteis&#8220;, das man mit einigen M\u00fchen noch in das frisch gebaute K\u00e4stchen stecken konnte, obwohl die murrenden Stimmen schon bedenklich lautstark &#8222;Hype&#8220; zischten. Dann kam das dritte Buch, &#8222;Bunker&#8220;, und jetzt wars vorbei. Das passte einfach nicht mehr ins K\u00e4stchen, beim besten Willen nicht. Jetzt erhob sich auch die Kritik und protestierte. Die Leserschaft verweigerte sich endg\u00fcltig, aus dem Murren wurde H\u00e4me, an eine wirklich kritische Betrachtung war kaum noch zu denken. Nicht dass sie h\u00e4tte zu Gunsten des Buches h\u00e4tte ausfallen m\u00fcssen. Das eben ist der Punkt. Sie entpuppte sich dort, wo in aller Ahnungslosigkeit gezimmert worden war, als eine Steigerung dieser Ahnungslosigkeit, das Buch wurde nach Kriterien beurteilt, die ihm gar nicht gerecht werden konnten, weil sie von den Kriterien abgeleitet wurden, die schon den Vorg\u00e4ngerb\u00fcchern nicht gerecht wurden. &#8222;Krimi&#8220; wurde pl\u00f6tzlich von Leuten definiert, die sich zeitlebens nicht mit Krimi besch\u00e4ftigt hatten. &#8222;Tann\u00f6d&#8220; und folgende wurden zu medialen Spielb\u00e4llen, zu Liebesbeweis und Liebesentzug \u2013 und diejenigen, die dem Fundiertes und durchaus Kritisches entgegenzusetzen hatten, gingen unter, ja, sie wurden zu unfreiwilligen Teilnehmern einer wildgewordenen Rezeption, Einzelstimmen im Gebr\u00fcll.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist die herrschende Krimikultur. Mediales Get\u00f6se, kenntnislos entfachter Hype, um &#8222;das Genre&#8220; aus seiner \u00fcblichen Elend des Durchschnittlichen zu heben, hernach von billiger Entr\u00fcstung gespeiste Versuche, alles was sich \u00fcber den Durchschnitt erhebt oder propagandam\u00e4\u00dfig \u00fcber ihn erhoben wurde, wieder auf das nivellierende Normalma\u00df zu dr\u00fccken. Es gibt Krimikultur, die sich gegen diese Praxis str\u00e4ubt, wenn \u00fcberhaupt, dann nur als solistische Veranstaltung, unterbrochen von einigen gewiss lobenswerten Gemeinschaftsaktionen, die aber, weil auch sie letztlich zu solistischen Leistungen werden m\u00fcssen, nicht viel bewirken. Was k\u00f6nnte aber eine andere, eine gemeinsam geschaffene Krimikultur erreichen? Was k\u00f6nnte, was m\u00fcsste sie ver\u00e4ndern?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einfach ausgedr\u00fcckt: Das Bild, das man sich von Krimi macht, diese bonbonbunte, alle Sinne bet\u00e4ubende, von schierem Fun &amp; Event metastasierte Pr\u00e4sentation eines im Grunde beliebigen Produkts, dessen Wert l\u00e4ngst vom Grad seiner Verk\u00e4uflichkeit abgeleitet wird. Das Bild auch des zur blo\u00dfen \u00c4sthetik degradierten &#8222;Kunstprodukts&#8220; Krimi, dem man seine Trivialit\u00e4t wie eine schlechte Angewohnheit aus dem Leib pr\u00fcgeln m\u00f6chte, damit es nach \u00fcberlebter Erziehungsma\u00dfnahme wie nur je ein verkr\u00fcppelter Mustersch\u00fcler im Kreise der literarischen Connoisseurs hockt und vor lauter intellektuellem Diskurs nicht mehr zu atmen wagt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine neue Krimikultur w\u00fcrde also dort ansetzen, wo noch keine Bilder entstanden sind, wo noch Bewegung m\u00f6glich ist. Sie w\u00e4re auch mehr als eine reine special-interest-Liebhaberei. Denn wir reden hier \u00fcber die inneren Werte des Produkts Krimi, \u00fcber das, was es im Guten wie im B\u00f6sen in die Welt setzt, die es beschreibt und von der es gleichzeitig erschaffen wird. Wir reden \u00fcber die Degradierung einer Literatur zum Profitfaktor, zum Sinnverderber, zum desensibilisierenden Narkotikum \u2013 und wir reden \u00fcber das, was Krimi auch ist: ein Beschreibungs- und Erkenntnismedium, Lieferant verborgener Informationen und Strukturen. Wir reden auch \u00fcber uns, die Leser, die Kritiker, die Autoren. \u00dcber unsere Verpflichtung, das, was wir im Krimi jenseits eitler Pfauenradschl\u00e4gerei erkennen, mit den uns gegebenen Mitteln zu f\u00f6rdern, ans Tageslicht zu bringen. Das reicht alles weit \u00fcber den eigentlichen Gegenstand hinaus, so wie gute Literatur immer \u00fcber sich hinausreicht und weder in ihrer Beschreibung als Unterhaltung oder intellektueller Zeitvertreib zu fassen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun gut; sehr sch\u00f6n. Aber wie gelangt man zu einer Krimikultur, die genau dies bewirken k\u00f6nnte? Und was genau sollte sie bewirken? Der erste, der allererste Schritt: Man muss die Kr\u00e4fte b\u00fcndeln. Denn diese Kr\u00e4fte gibt es. Bei den Erzeugern von Kriminalliteratur selbst, bei Verlagen, bei Kritikern, bei Lesern. Krimikultur ist keine lockere Veranstaltung, bei der sich ein paar Gestalten auf dem Podium die Inhalte ihrer K\u00f6pfe zeigen und das Publikum im Saal dem mehr oder weniger interessiert folgt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deshalb: Interesse bekunden, selbst aktiv zu werden. Jeder dort, wo er will und kann. Sich \u00fcber die n\u00e4chsten Schritte Gedanken machen, aber vor allem erst einmal: Flagge zeigen. Krimikultur ist nichts, was per Akklamation definiert wird, sie ist ein st\u00e4ndiger Prozess, der Versuch auch, Plattformen zu schaffen, ins Gespr\u00e4ch zu kommen, Dinge zu erm\u00f6glichen, die nur eine Gruppe von Menschen erm\u00f6glichen k\u00f6nnen. Aber so weit sind wir noch nicht, noch lange nicht. Und: Wir werden immer zu wenige sein. Nur: Allein sind wir gar nichts \u2013 h\u00f6chstens eine Horde Windm\u00fchlenbek\u00e4mpfer, die sich ihres Frusts bei Bedarf jammernd entledigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Demn\u00e4chst ein paar Bemerkungen zu den avisierten &#8222;n\u00e4chsten Schritten&#8220;. Vergessen wir aber den ersten nicht: Zeigen Sie Interesse. \u2192<a href=\"mailto:dpr@hinternet.de\">Melden Sie sich<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den n\u00e4chsten Tagen m\u00f6chte ich in einer kurzen Serie von Beitr\u00e4gen ein paar wenige provisorische Umrisse dessen zeichnen, was &#8222;Krimikultur&#8220; sein k\u00f6nnte. Was soll damit erreicht werden, Krimikultur zu f\u00f6rdern? Ja, was ist das \u00fcberhaupt? Welche Schritte sind wie und wann zu unternehmen? 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