{"id":21670,"date":"2009-06-08T14:23:23","date_gmt":"2009-06-08T14:23:23","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/06\/john-harvey-tiefer-schnitt\/"},"modified":"2022-06-18T02:47:33","modified_gmt":"2022-06-18T00:47:33","slug":"john-harvey-tiefer-schnitt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/06\/john-harvey-tiefer-schnitt\/","title":{"rendered":"John Harvey: Tiefer Schnitt"},"content":{"rendered":"\n<p>Man nehme eine Gruppe Polizisten, gebe ihr ein Verbrechen und lasse sie im K\u00e4fig der B\u00fcrokratie, der gegenseitigen Animosit\u00e4ten und Intrigen mehr oder weniger planvoll hin und her hasten. Eine\/r aus dieser Gruppe hebt sich ein wenig von den anderen ab: der Protagonist, die Protagonistin. Die Vorgesetzten sind zumeist borniert, manche gar heimt\u00fcckisch, das \u00fcbrige Personal \u2013 das ermittelnde wie das im Laufe der Ermittlungen auftauchende \u2013 hat seine psychischen Defekte, die entweder privat oder sozial bedingt sind oder beides. Und schon hat man das Muster, nach dem Krimis beinahe wie am Flie\u00dfband verfertigt werden, weltweit, am kultiviertesten vielleicht in Gro\u00dfbritannien.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Einer von denen, deren Romane diesen wenigen Vorgaben folgen, ist John Harvey. Inzwischen runde 70, seit langem im Gesch\u00e4ft, bekannt geworden durch seine Reihe um Detective Inspector Charlie Resnick, der auch am Rande der Trilogie um Frank Elder auftaucht. Letztere war es auch, die John Harvey einem breiteren Publikum in Deutschland nahebrachte respektive wieder in Erinnerung rief, nachdem Versuche, die Charlie-Resnick-Romane in den neunziger Jahren erfolgreich zu vermarkten, weitgehend gescheitert waren. Wie \u00fcberhaupt Harvey bei aller internationalen Wertsch\u00e4tzung kein &#8222;Star&#8220; des Gewerbes wurde, sehr wohl aber ein &#8222;Author&#8217;s Author&#8220;, einer also, den die Kollegen gerne lesen (was eher selten vorkommt) und von dem sie sich (was h\u00e4ufiger vorkommt) inspirieren lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht ohne Grund, wie &#8222;Tiefer Schnitt&#8220; zeigt, die bei dtv besorgte Neuauflage eines 1991 erschienenen (in Deutschland: 1994 bei Goldmann) Falls f\u00fcr Charlie Resnick. Der sieht sich mit einer \u00dcberfallserie im Umfeld eines Krankenhauses konfrontiert, bei der Klinikmitarbeiter von einem Unbekannten angegriffen und schwer verletzt werden. Die Tatwaffe ist ein Messer, die zugef\u00fcgten Verletzungen derart, dass man dahinter anatomische Kenntnisse vermuten darf.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Verd\u00e4chtiger findet sich schnell. Ian Carew, Medizinstudent, Tatmotiv: Eifersucht, denn das erste Opfer ist Carews Nachfolger im Bett der aparten Karen. Als Carew Karen vergewaltigt, daf\u00fcr aber nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann, scheint der Fall klar. Nat\u00fcrlich ist er es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nat\u00fcrlich bringt es nichts, hier eine erweiterte Inhaltsangabe zu pr\u00e4sentieren. Wie Resnick und die Seinen nun ermitteln, das unterscheidet sich kaum von den Arbeiten all der anderen, die das anfangs umrissene Schema zugrundelegen. Auch Resnicks Truppe hat &#8222;Probleme&#8220;, mit der Ehefrau, dem Polizistsein an sich. Am Ende spitzt sich die Geschichte zu, es wird noch einmal dramatisch, der T\u00e4ter wird \u00fcberf\u00fchrt, sein Motiv kommt ans Tageslicht \u2013 nein, das unterscheidet Harvey wie gesagt nicht von den anderen, die ihr Ding handwerklich solide, spannend und plausibel \u00fcber die B\u00fchne bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das: Die Art, wie Harvey sein Personal konturiert, angefangen bei Resnick selbst und bis in die kleinste Nebenfigur konsequent fortgesetzt. Was wissen wir \u00fcber Resnick? Er hat polnische Wurzeln, liebt Jazz und Katzen, wurde von seiner Frau verlassen, ern\u00e4hrt sich eher unregelm\u00e4\u00dfig und ungesund, befindet sich in der Polizeihierarchie wie ein St\u00fcck Schinken zwischen den Sandwichscheiben eingeklemmt in der Mitte, ihm wird befohlen und er befiehlt selbst. Wir erfahren noch mehr \u00fcber Resnick, registrieren, wie manche der genannten Eigenschaften in Konflikt miteinander geraten, wie Resnick reagiert. Doch je mehr wir von Resnick erfahren, desto weniger wissen wir von ihm. Die Sache mit Ed Silver zum Beispiel, fr\u00fcher ein ber\u00fchmter Saxophonist, heute &#8222;Penner&#8220; mit psychotischen Anwandlungen. Ihn nimmt Resnick bei sich auf, und wie sie sich da einander reiben, gleichzeitig anziehen und absto\u00dfen, das ist eines der gro\u00dfen kleinen Glanzst\u00fccke des Buches. Bar jeder Erkl\u00e4rung, nichts, das irgendwie auf Teufel komm raus k\u00fcchenpsychologisch sein m\u00fcsste; hier werden Menschen gezeigt, die Hauptperson und eine Nebenfigur, die pl\u00f6tzlich beides nicht mehr sind, nicht mehr eingebunden in eine starre Erz\u00e4hl\u00f6konomie, die von irgend welchen &#8222;Genreregeln&#8220; diszipliniert wird (r\u00fccke deinen Protagonisten in m\u00f6glichst grelles Licht und lasse die Komparsen dienstfertig und schnell durchhuschen, von einem Nichts ins n\u00e4chste).<\/p>\n\n\n\n<p>Das geht einem so mit allen Personen, ob nun f\u00fcr die Handlung wichtig oder nicht. Besonders deutlich wird es in jenen Passagen, die dem T\u00e4ter selbst gelten. Ohne zuviel zu verraten: Sie f\u00fchren in die Irre, weil ihre Perspektive irritiert, der Umgang mit &#8222;wichtig&#8220; und &#8222;unwichtig&#8220;. Die Konsequenz: Man liest einen Polizeiroman, dessen Mechanismen man als erfahrener Konsument l\u00e4ngst intus hat \u2013 und muss irgendwann erkennen, dass man einen Roman \u00fcber Menschen liest, \u00fcber Menschen und ihre Merkw\u00fcrdigkeiten, die zwar durch Verbrechen miteinander schicksalhaft verbunden sind, aber nicht von ihnen dominiert werden. Hier geschieht etwas, das in Krimis nur h\u00f6chst selten und dann auch nur bei den gro\u00dfen Meistern geschieht. Man befindet sich in einer spannenden Geschichte und zugleich in einer anderen, deren Spannung von besonderer Art ist. Und beide Geschichten greifen ineinander, ohne dass man genau w\u00fcsste, an welchen Stellen sie das tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer John Harvey liest, bekommt etwas geschenkt, das anderswo selbst f\u00fcr viel Geld nicht zu haben ist: eine Ahnung davon, was Kriminalliteratur leisten kann.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">John Harvey: Tiefer Schnitt. Dtv 2009 <br \/>(Cutting Edge. 1991. Deutsch von Bernhard Schmid). 365 Seiten. 8,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man nehme eine Gruppe Polizisten, gebe ihr ein Verbrechen und lasse sie im K\u00e4fig der B\u00fcrokratie, der gegenseitigen Animosit\u00e4ten und Intrigen mehr oder weniger planvoll hin und her hasten. Eine\/r aus dieser Gruppe hebt sich ein wenig von den anderen ab: der Protagonist, die Protagonistin. 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