{"id":21674,"date":"2009-06-09T15:18:13","date_gmt":"2009-06-09T15:18:13","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/06\/noch-einmal-simenon\/"},"modified":"2022-06-16T04:29:18","modified_gmt":"2022-06-16T02:29:18","slug":"noch-einmal-simenon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/06\/noch-einmal-simenon\/","title":{"rendered":"Noch einmal: Simenon"},"content":{"rendered":"\n<p>Einer der Nachteile stolzen Blogbesitzertums ist die Notwendigkeit, sich auf das Tagesgesch\u00e4ft zu konzentrieren. Spannend, keine Frage; auf der Strecke bleibt aber zuverl\u00e4ssig das Studium der Klassiker, jenes St\u00fcndchen am Abend, das uns zu den abgegriffenen B\u00e4ndchen greifen l\u00e4sst, in denen die Gro\u00dfen das Genre gepr\u00e4gt haben. Manchmal hilft einem das Schicksal \u2013 oder nennen wir es Zufall: ein unverhofft eintrudelndes P\u00e4ckchen mit vier Simenon-Neuausgaben etwa oder der runde Geburtstag von Mister Ambler. Dann nimmt man sie guten Gewissens wieder zur Hand, die Ehrw\u00fcrdigen, und liest. Und liest.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Simenon beispielsweise. Mit Anfang 20 die erste Maigret-Lekt\u00fcre, eine durchaus gemischte Leseerfahrung. Jahre sp\u00e4ter der n\u00e4chste Versuch: schon beeindruckender. Nat\u00fcrlich nicht alle 75 B\u00e4nde, aber zwanzig, drei\u00dfig, am Ende vielleicht vierzig, die hat man da schon konsumiert. Und jetzt also noch einmal vier, davon zwei, die man garantiert noch nicht gelesen hat, einen, der irgendwie bekannt vorkommt, der vierte, an den man sich noch gut erinnert. Widmete man sich fr\u00fcher, altersgem\u00e4\u00df, dem Spannungsmoment (und wurde bei der Frage des Wer-wars nicht selten entt\u00e4uscht) respektive der &#8222;gesellschaftlichen Relevanz&#8220; (\u00fcber die man, ehrlich gesagt, gar nicht so viel wusste), so ist es jetzt die Kunst des Autors selbst, ist es auch die Figur des Maigret, die einen fasziniert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Thomas W\u00f6rtche seinen gro\u00dfen Simenon-Aufsatz &#8222;Das Versagen der Kategorien&#8220; \u00fcbertitelt, dann meint er damit unter anderem, wie jeder Versuch, sich der Figur Maigret griffig zu bem\u00e4chtigen, scheitern muss. <em>&#8222;Der Figur Maigret fehlen deutlich die Komponenten, die den psychosozialen Haushalt des gemeinten &#8218;Kleinb\u00fcrgers&#8216; ausmachen&#8220;. <\/em>Dass man, fahndet man nur genug nach ihnen, sie im Werk dennoch entdeckt, spricht erstaunlicherweise nicht f\u00fcr, sondern gegen Kleinb\u00fcrgerlichkeit. Maigret ist b\u00fcrgerlich, keine Frage. In &#8222;Maigret und der faule Dieb&#8220; \u00e4chzt er unter der zunehmenden B\u00fcrokratisierung, der Degradierung des Polizisten zum Helfershelfer einer elit\u00e4ren, an den Menschen desinteressierten Justiz. Privatim klagt er seinem Freund, dem Arzt Pardon: <em>&#8222;Die Leute meinen, Pardon, dass wir dazu da sind, Straft\u00e4ter ausfindig zu machen und Gest\u00e4ndnisse aus ihnen herauszuholen. (&#8230;) In Wirklichkeit besteht aber unsere Hauptaufgabe darin, zuerst einmal den Staat und die amtierende Regierung sowie die Institutionen zu sch\u00fctzen, au\u00dferdem das Kapital, das \u00f6ffentliche und das Privateigentum, und dann zum Schluss erst das Leben jedes einzelnen B\u00fcrgers.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Erkenntnis, gewisserma\u00dfen staatserhaltend t\u00e4tig zu sein, f\u00fchrt nicht zur Emp\u00f6rung, wie sie durchaus kennzeichnend f\u00fcr das B\u00fcrgertum ist (und von Stammtischgegr\u00f6le \u00fcber &#8222;Protestw\u00e4hlen&#8220; bis zum Ruf nach dem Aufkn\u00fcpfen von denen &#8222;da oben&#8220; reichen kann). Aber Maigret opponiert auf seine Art, indem er seine Rolle aus Polizeibeamter und Wahrer des Rechts gegen alle Regeln auslegt. Hier trifft sich die Figur mit ihrem Sch\u00f6pfer, denn dieses &#8222;gegen alle Regeln&#8220; wird zum konstituierenden Element der Kriminalliteratur Simenons, ohne dass es eine \u00e4sthetische Attit\u00fcde, ein gesuchtes, auf Kalk\u00fcl basierendes Alleinstellungsmerkmal w\u00e4re. Schon in \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2009\/06\/von-simenon-lernen.php\">&#8222;Maigret und die braven Leute&#8220;<\/a> d\u00fcpiert er den gemeinen Genreleser, in &#8222;Maigret und der Clochard&#8220; ebenfalls, indem er seinen Kommissar sowohl im Sinne der Professionalit\u00e4t als auch der literarischen Umsetzung dieser Professionalit\u00e4t subversiv handeln l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem zugrunde liegt eine beinahe anarchistische Wesensart Maigrets.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Wie denken Sie \u00fcber den Fall, Maigret?&#8220;, hatte ihn oft ein Untersuchungsrichter gefragt, wenn er bei einem Lokaltermin oder einer Rekonstruktion des Tathergangs dabei war.<br \/>&#8222;Im Gerichtsgeb\u00e4ude wurde seine stets gleichlautende Antwort kolportiert:<br \/>&#8222;Ich denke nie, Herr Richter.&#8220;<br \/>Und irgend jemand hatte eines Tages kommentiert:<br \/>&#8222;Er saugt sich voll&#8230;&#8220;<br \/>In gewisser Weise stimmte das. Die W\u00f6rter waren ihm zu eindeutig, deshalb schwieg er lieber.<\/em><br \/>(&#8222;Maigret und der Clochard&#8220;)<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nicht nur ein bezeichnender Charakterzug Maigrets, der ihn vollends aus dem B\u00fcrgerlichen werfen k\u00f6nnte, steckte er nicht wie die meisten anderen rettungslos in ihr fest, es ist auch eine Beschreibung des Unterschieds zwischen regelkonformer, d.h. den Mustern verpflichteter und von den Regeln abweichender Kriminalliteratur. Er saugt sich voll&#8230; und dr\u00fcckt sich dann selbst wie ein Schwamm aus. Wenngleich die Behauptung, Maigret denke nicht, in die Irre f\u00fchrt. Maigret denkt durchaus. Aber anders, sp\u00e4ter, wenn ihm das Unglaubliche der Geschichte bewusst geworden ist, nicht vorher, denn das w\u00fcrde dieses Unglaubliche sofort zerst\u00f6ren, in die Schemata des Bekannten pressen.<\/p>\n\n\n\n<p>So ist auch Simenon ein Autor, der sich zuerst vollsaugt, k\u00fcnstlerisch ausquetscht und erst dann denkt. Die Regeln folgen dem Inhalt, und manchmal sind es die alten Regeln und manchmal sind es neue und manchmal ist alles regellos. Gut; das m\u00fcsste man jetzt genauer untersuchen, vielleicht stimmt es n\u00e4mlich gar nicht. Man br\u00e4uchte mehr Zeit f\u00fcr die Klassiker. Das n\u00e4chste Mal.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einer der Nachteile stolzen Blogbesitzertums ist die Notwendigkeit, sich auf das Tagesgesch\u00e4ft zu konzentrieren. Spannend, keine Frage; auf der Strecke bleibt aber zuverl\u00e4ssig das Studium der Klassiker, jenes St\u00fcndchen am Abend, das uns zu den abgegriffenen B\u00e4ndchen greifen l\u00e4sst, in denen die Gro\u00dfen das Genre gepr\u00e4gt haben. 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