{"id":21675,"date":"2009-06-11T10:31:31","date_gmt":"2009-06-11T10:31:31","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/06\/auch-irgendwie-krimikultur\/"},"modified":"2022-06-12T22:04:19","modified_gmt":"2022-06-12T20:04:19","slug":"auch-irgendwie-krimikultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/06\/auch-irgendwie-krimikultur\/","title":{"rendered":"Auch irgendwie: Krimikultur"},"content":{"rendered":"\n<p>Es gibt keine guten und schlechten B\u00fccher, es gibt nur gute und schlechte Leser. Boah! Ducken! Er wird doch nicht wieder&#8230; Nein, nein, wir bleiben friedlich. Und wiederholen es dennoch: Es gibt keine guten und schlechten B\u00fccher. Es gibt nur gute und schlechte Leser.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Erlauben Sie mir, in meiner eigenen Leserbiografie zu kramen und drei Beispiele herauszufischen, abzustauben und als Belege der These zu pr\u00e4sentieren. Ich bin mir fast sicher, fast jeder hat diese oder \u00e4hnliche Erfahrungen auch schon sammeln k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine erste ernsthaft Konfrontation mit dem, was man so &#8222;gute Literatur&#8220; nennt, fand in pubert\u00e4ren Hochzeiten statt, mit 14, mit 15. Mir fiel Heinrich B\u00f6lls &#8222;Ansichten eines Clowns&#8220; in die H\u00e4nde, und ich liebte dieses Buch. Ein Au\u00dfenseiter, eine tragische Liebe, die Beschreibung der adenauerianischen Nachkriegsgesellschaft mit ihren Verdr\u00e4ngungen, Leichenkellern, Bigotterien. Das traf, wie man so sagt, einen Nerv. Ich habe das Buch innerhalb kurzer Zeit mehrmals gelesen (2x? 3x? 4x? Mein Ged\u00e4chtnis r\u00e4tselt.), dann eine Zeitlang nicht mehr, weil anderer Stoff auf mich wartete, denn &#8222;Ansichten eines Clowns&#8220;, dieses Verdienst bleibt ihm auf ewig, hat mich in die &#8222;anspruchsvolle, engagierte Literatur&#8220; hineingezogen. Dann wurde Heinrich B\u00f6lls Roman Schullekt\u00fcre. Und ich begann das Buch zu hassen, ja, zu hassen. Der Schuldige war schnell gefunden, er trug den allt\u00e4glichen Namen XXX, Oberstudienrat oder noch h\u00f6her. Wie da das Buch auseinandergenommen wurde! Interpretiert! Es war nicht zum Aushalten! DAS sollte in &#8222;Ansichten eines Clowns&#8220; stehen? \u2013 Ich opponierte, aber nicht lang, dann wars mir einfach wurscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst viel sp\u00e4ter, als ich &#8222;Ansichten eines Clowns&#8220; noch einmal las, wurde mir klar, dass den guten Oberstudienrat nur einen Teil der Schuld traf. Den anderen musste ich bei mir selbst suchen. Ich fand n\u00e4mlich &#8222;Ansichten eines Clowns&#8220; nur noch \u00e4rgerlich, mindestens so verlogen wie die Gesellschaft, die es angeblich zeichnete, dazu stilistisch und dramaturgisch h\u00f6chst bescheiden, mit Stellen unfreiwilligen Humors, vor allem dort, wo es um &#8222;Erotik&#8220; ging. Ich muss also in meiner Jugend ein &#8222;schlechter Leser&#8220; gewesen sein, einer, der das Buch schlichtweg zum falschen Zeitpunkt in die H\u00e4nde bekommen hat. Oder war ich damals ein &#8222;guter Leser&#8220; und wurde erst sp\u00e4ter zum schlechten?<\/p>\n\n\n\n<p>Zweites Beispiel. Vor einigen Wochen besprach ich &#8222;N\u00e4chtliche Vorkommnisse&#8220; von William Gay. Ein nach meiner festen \u00dcberzeugung total missratenes Buch, stilistisch wie dramaturgisch wie inhaltlich. Nicht einmal Joe Lansdale f\u00fcr arme Leute. Kurze Zeit sp\u00e4ter steht &#8222;N\u00e4chtliche Vorkommnisse&#8220; auf der Krimiwelt-Bestenliste. Ziemlich weit hinten, aber immerhin. Die Kritiken sind wohlwollend bis preisend. Huch? Was ist denn da passiert? Habe ich mich geirrt oder muss ich das h\u00fcbsche Bild von den 100 Millionen Fliegen respektive 20 Kritikern bem\u00fchen, die da nach Atzung lechzend um den Kuhfladen brummen?<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, ich wei\u00df, jetzt kommt der Standardeinwand: Die Geschm\u00e4cker sind halt verschieden. Aber diejenigen, die da gelesen haben und zu diametralen Ergebnissen kamen, sind doch EXPERTEN, manche Wissenschaftler gar, die das studiert haben. Es muss doch Kriterien geben, nach denen man&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Gemach. Nat\u00fcrlich gibt es Kriterien. Sie haben nur den bedauernswerten Nachteil, genauso deutbar zu sein wie die Texte, die sie zu deuten haben. Das nennt man Geisteswissenschaft, und die lebt intern davon, sich durch diverse Sprachregelungen und ein eigenes Vokabular (das von Nichtwissenschaftlern in der Regel nicht verstanden wird und deshalb verp\u00f6nt ist) ein Koordinatensystem zu schaffen, in dem so etwas wie &#8222;objektive Beurteilung&#8220; gew\u00e4hrleistet sein soll (ich spreche jetzt nur vom &#8222;Auslegungspart&#8220; der LitWiss) . Aber das \u00e4ndert nichts daran, dass man zu v\u00f6llig unterschiedlichen Bewertungen kommt. Nicht weil das Buch gut \/ schlecht oder der Leser gut \/ schlecht w\u00e4re, sondern einfach deswegen, weil es keine Geisteswissenschaft mehr w\u00e4re, lie\u00dfen sich B\u00fccher nach einem festgelegten und allgemein g\u00fcltigen Regelwerk erforschen wie jeder xbeliebige Grippevirus. Ja, Literatur, die sich solcherma\u00dfen beurteilen lie\u00dfe, w\u00e4re auch keine Literatur mehr. Andererseits: Es geh\u00f6rt zur Beurteilung von Literatur auch dazu, sich zu streiten. Manchmal erbittert, manchmal unerbittlich. Oder w\u00fcrden Sie die Behauptung, die Erde sei eine Scheibe, mit einem Schulterzucken quittieren?<\/p>\n\n\n\n<p>Hier hilft uns also die bew\u00e4hrte &#8222;gut \/ schlecht&#8220; &#8211; Dichotomie nicht weiter. Das mindestes, was ich von einer Literaturwissenschaftler erwarte, ist die handwerkliche Bef\u00e4higung, auf Zuruf JEDES literarische Werk nach Belieben &#8222;positiv&#8220; oder &#8222;negativ&#8220; zu beurteilen. Das hei\u00dft n\u00e4mlich, dass er sein Handwerkszeug zusammen hat.) Wenn einige Krimiwelt-Bestenliste-Juroren &#8222;N\u00e4chtliche Vorkommnisse&#8220; ihrer eindringlichen Sprache wegen loben m\u00f6gen, mir selbst aber diese Sprache in ihrer ganzen Verschraubtheit eher Magenschmerzen bereitet, dann m\u00fcssten wir uns \u00fcber Sprache als solche unterhalten. Was sie leisten soll, wie sie abh\u00e4ngig ist vom Erz\u00e4hlten usw. Hier w\u00fcrde sich das &#8222;Ich habe recht, du also nicht&#8220; nun vollends vom Gegenstand und dem Gut\/B\u00f6se-Schema l\u00f6sen, denn das Buch, sei es nun gelungen oder nicht, w\u00e4re per se &#8222;gut&#8220;, weil es uns Leser zu tiefergehenden Gedanken n\u00f6tigt. Ein schlechter Leser w\u00e4re in diesem Fall einer, der sich diese Gedanken nicht machen m\u00f6chte, obwohl er es k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Womit wir beim dritten, sehr heiklen Beispiel w\u00e4ren, der von mir ja schon leserbeschimpfend auseinandergenommenen Stieg \u2013 Larsson \u2013 Trilogie. Denn \u2013 und hier kurz zur\u00fcck zu B\u00f6ll \u2013 nicht nur die Einstellung zu einem Buch ist anscheinend lebensalter- und entwicklungsabh\u00e4ngig, auch das Wissen \u00fcber Literatur nimmt, hoffentlich, mit den gesammelten Leseerfahrungen zu. Wenn ich einfach nicht wei\u00df, wie sich &#8222;Krimi&#8220; entwickelt hat, welche Muster sich herausbildeten, welche Bausteine es gibt, die sich legom\u00e4\u00dfig auft\u00fcrmen lassen, dann mag ich in den Larsson-B\u00fcchern tats\u00e4chlich die allerorten euphorisch gepriesene &#8222;Qualit\u00e4t&#8220; entdecken. WENN ich es aber wei\u00df \u2013 und zu Wissenschaft geh\u00f6rt dieses Wissen unabdingbar dazu, es geh\u00f6rt zu jenem Part, den man den &#8222;objektiven&#8220; nennen k\u00f6nnte, und selbst als begnadeter Deuter von Literatur muss ich an Kriminalliteratur scheitern, wenn ich au\u00dfer &#8222;den Klassikern&#8220; nichts kenne \u2013 dann geh\u00f6rt es zu meinen Pflichten, den Larsson-Lesern klipp und klar zu erz\u00e4hlen, welchen Monstren von Versatzst\u00fcck-Babelt\u00fcrmen sie da huldigen. Gut, ich h\u00e4tte das auch konzilianter tun k\u00f6nnen. Aber es stinkt mir manchmal, wie &#8222;kultiviert&#8220; hier die Kritik vorgeht. Die perfideste Form der Leserbeschimpfung ist meines Erachtens dieses &#8222;Sollen sie halt ihren Mist lesen, was k\u00fcmmerts mich&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt keine guten und schlechten B\u00fccher. Es gibt nur B\u00fccher. Sie erz\u00e4hlen uns etwas und warten darauf, dass es zum bekannten Lichtenbergschen Szenario kommt, in dem Buch und Kopf des Lesers gegeneinander schlagen. Es gibt nur gute und schlechte Leser. Bei den schlechten erzeugt dieses Gegeneinanderschlagen einen hohlen Klang. Bei den guten Lesern einen vollen. Selbst dort, wo wir an einem Buch kein gutes Haar lassen k\u00f6nnen, denn schon die Tatsache, DASS wir das nicht k\u00f6nnen, erh\u00f6ht unser Wissen. Wir m\u00f6gen B\u00fccher zum falschen Zeitpunkt lesen, wir m\u00f6gen bei der Beurteilung vom Katheder herab etwas aus dem Blick verlieren, wir m\u00f6gen mit dem, was wir wissen k\u00f6nnten und m\u00fcssten, im R\u00fcckstand sein \u2013 das Lesen selbst ist eine niemals unn\u00fctze Arbeit, aber es ist eben \u2013 Arbeit. Wenn sie uns dazu noch vergn\u00fcgt, dann wissen wir vollends, was wir da vor uns haben: Literatur.<\/p>\n\n\n\n<p><em>(Anmerkung: Da dies ein Feiertagstext ist, ist es wahrscheinlich auch der Freitagstext. Aber vielleicht f\u00e4llt mir morgen im Lauf des Tages doch noch etwas ein. Jedenfalls: Krimikultur. Interessieren Sie sich daf\u00fcr. Das ist der erste Schritt. Teilen Sie \u2192<a href=\"mailto:dpr@hinternet.de\">mir<\/a> einfach mit, DASS Sie sich daf\u00fcr interessieren.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt keine guten und schlechten B\u00fccher, es gibt nur gute und schlechte Leser. Boah! Ducken! Er wird doch nicht wieder&#8230; Nein, nein, wir bleiben friedlich. Und wiederholen es dennoch: Es gibt keine guten und schlechten B\u00fccher. Es gibt nur gute und schlechte Leser.<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-21675","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21675","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21675"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21675\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21675"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21675"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21675"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}