{"id":21688,"date":"2009-06-23T16:16:17","date_gmt":"2009-06-23T16:16:17","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/06\/dagmar-scharsich-der-gruene-chinese\/"},"modified":"2022-06-18T02:47:06","modified_gmt":"2022-06-18T00:47:06","slug":"dagmar-scharsich-der-gruene-chinese","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/06\/dagmar-scharsich-der-gruene-chinese\/","title":{"rendered":"Dagmar Scharsich: Der gr\u00fcne Chinese"},"content":{"rendered":"\n<p>Zu &#8222;historischen Kriminalromanen&#8220; habe ich ein eher gespanntes Verh\u00e4ltnis. Was einem da an &#8222;akribisch recherchiertem und atmosph\u00e4risch dichtem Zeitbild&#8220; gepinselt wird, entkommt selten den Biederkeiten kriminalliterarischen Mittelma\u00dfes und scheitert in den meisten F\u00e4llen an der Tatsache, dass sich bestimmte Dinge eben nicht so einfach recherchieren lassen. Die Denkweise der Menschen zum Beispiel. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wer einen Krimi aus dem 19. Jahrhundert schreibt, sollte mindestens 100 Originalkrimis aus dem 19. Jahrhundert studiert haben (also nicht einfach nur gelesen). Profunde Kenntnisse der Epoche (politisch, gesellschaftlich, sozial, literarisch etc.) w\u00e4ren auch hilfreich. Am hilfreichsten jedoch: ein eigenes Konzept, das auch andere Elemente ber\u00fccksichtigt. Bez\u00fcge zur Jetztzeit, das Alte als Vehikel des Aktuellen, ein originelles Konzept&#8230; apropos: Dagmar Scharsichs &#8222;Der gr\u00fcne Chinese&#8220; ist genau wegen dieses originellen Konzepts eine der wenigen r\u00fchmlichen Ausnahmen von der Regel. Das liest man gerne, das ist \u00fcberlegt gemacht, da macht man es sich gem\u00fctlich \u2013 aber nicht zu gem\u00fctlich.<br \/>Bezeichnenderweise beginnt &#8222;Der gr\u00fcne Chinese&#8220; nicht in der eigentlichen Aktzeit \u2013 1909 -, sondern in der Gegenwart. Die junge Berliner Antiquarin Marie Baer, die mit ihrem klapprigen, aber noch ganz fidelen Gro\u00dfvater in einer Wohngemeinschaft lebt, st\u00f6\u00dft auf alte Krimigroschenhefte einer gewissen Wanda von Brannburg. Auf der Suche nach mehr von dem guten und gesuchten Stoff lernt sie die 93j\u00e4hrige, etwas verschrobene Rose von Reventlow kennen. Die hat tats\u00e4chlich noch eine ganze Kiste alter Brannburg-Krimis \u2013 und geh\u00f6rig \u00c4rger mit Immobilienhaien. Dass letzteres bereits zur Geschichte der Hefte geh\u00f6rt, wissen zu diesem Zeitpunkt weder Heldin noch Leser.<\/p>\n\n\n\n<p>Spannender als die Hefte ist jedoch das Papier, in das sie eingewickelt sind. Offensichtlich ein Tagebuch der Autorin \u2013 oder doch nur ein weiterer, nicht ver\u00f6ffentlichter Roman? Nun, wir werden sehen. Jedenfalls beginnen Marie, ihr Gro\u00dfvater sowie ein hilfreicher junger Mann sofort gebannt mit der Lekt\u00fcre der Aufzeichnungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis sie das tun, braucht es beinahe 100 Seiten, auf denen wir Marie und ihre Liebesn\u00f6te kennenlernen. &#8222;Der gr\u00fcne Chinese&#8220; ist ein erz\u00e4hlerisch opulenter Text, was man ihm, w\u00e4re man b\u00f6swillig, durchaus als un\u00f6konomisch ankreiden k\u00f6nnte. Dass man es nicht tut, hat einen einfachen Grund: Der Text liest sich prima, hat durchaus Ankl\u00e4nge an Heftromanartiges, setzt die aber immer geschickt und ironisch ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Aufzeichnungen der jungen Wanda von Branndenburg, die da so begierig gelesen werden, entf\u00fchren uns in die Zeit um 1909, das Kaiserreich in seinen letzten Z\u00fcgen also. Wanda, ein beh\u00fctetes M\u00e4dchen aus gutem Landbesitzerhause, ger\u00e4t unvermittelt in mysteri\u00f6se Abenteuer. Zun\u00e4chst findet sie einen toten Engl\u00e4nder auf den Branndenburgischen Besitzungen. Dann verschwinden Lieblingsonkel- und tante unter seltsamen Umst\u00e4nden. Schlie\u00dflich ger\u00e4t Wanda \u2013 an ihrer Seite der treue Chauffeur Justus, der nat\u00fcrlich schnell mehr wird als nur treu und Chauffeur \u2013 in den Mittelpunkt arger Verbrechen. Morde geschehen, Anschl\u00e4ge werden ver\u00fcbt. Sind hier skrupellose Immobilienspekulanten am Werk? Scheint so; denn seit der Reichsgr\u00fcndung 1871 boomt das Immobilienwesen, vor allem im schnell wachsenden Berlin und seinen vorgelagerten l\u00e4ndlichen Gebieten. Doch allm\u00e4hlich wird eine andere Spur immer konkreter. Sie f\u00fchrt ins Hochpolitische, hat etwas mit Zeppelinen zu tun und den Kriegsvorbereitungen, die 1909 schon nicht mehr zu \u00fcbersehen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Das klingt wie ein Doppelroman, ein erz\u00e4hlerischer Kniff also. Das Sch\u00f6ne bei Scharsich ist nun die Konsequenz, mit der beide Geschichten verzahnt sind. Bis zum Schluss bleibt ungekl\u00e4rt, ob wir es bei Wandas Bericht um einen Roman oder ein wirkliches Tagebuch zu tun haben, Wanda von Brannburg identisch ist mit Wanda von Branndenburg. Aufgekl\u00e4rt wird einiges, aber eben nicht alles. Es bleibt auf eine angenehme Art fragmentarisch, das in den Kopf der geneigten Leserschaft gepflanzte Fragezeichen wird selbst wieder zu einer m\u00f6glichen Geschichte. Aber ganz so harmlos ist die eben nicht. In Wandas Erz\u00e4hlungen klingen die Rolle der Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die Immobilienspekulation, das fr\u00f6hliche Kriegstreiben an und werden teilweise zu Beginn des 21. Jahrhunderts apart gespiegelt. So etwas nennt man intelligente Unterhaltung, ein rares Gut, fast 500 Seiten davon liefert Dagmar Scharsich frei Haus, f\u00fcr lumpige12,90. Darauf einen gr\u00fcnen Chinesen!<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Dagmar Scharsich: Der gr\u00fcne Chinese. <br \/>Argument \/ Ariadne Krimi 2008. 475 Seiten. 12,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu &#8222;historischen Kriminalromanen&#8220; habe ich ein eher gespanntes Verh\u00e4ltnis. Was einem da an &#8222;akribisch recherchiertem und atmosph\u00e4risch dichtem Zeitbild&#8220; gepinselt wird, entkommt selten den Biederkeiten kriminalliterarischen Mittelma\u00dfes und scheitert in den meisten F\u00e4llen an der Tatsache, dass sich bestimmte Dinge eben nicht so einfach recherchieren lassen. 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