{"id":21689,"date":"2009-06-24T15:48:42","date_gmt":"2009-06-24T15:48:42","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/06\/la-protagoniste-inconnue\/"},"modified":"2022-06-16T04:30:02","modified_gmt":"2022-06-16T02:30:02","slug":"la-protagoniste-inconnue","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/06\/la-protagoniste-inconnue\/","title":{"rendered":"La protagoniste inconnue"},"content":{"rendered":"\n<p>Wenn man schon nicht die Finger von den Maigret-Romanen lassen kann und manche Neuerscheinung deshalb zum Mauerbl\u00fcmchen wird, dann sollte man die Lesefr\u00fcchte auch schriftlich festhalten. Diesmal f\u00fchren sie uns weg von den Verbrechen ins ganz normale Ehedasein und seine Abgr\u00fcnde&#8230;<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>&#8222;Maigret und das Gespenst&#8220; geh\u00f6rt zu den konventionelleren Abenteuern des Pariser Kommissars. Auf Inspektor Lognon, genannt &#8222;Inspektor Griesgram&#8220;, den notorischen Pechvogel, wird ein Mordanschlag ver\u00fcbt. Und \u2013 deshalb &#8222;konventionell&#8220; \u2013 auch genre\u00fcblich aufgekl\u00e4rt. Das Besondere an diesem Roman ist die Rolle einer Person, deren Unauff\u00e4lligkeit in der Maigret-Saga beinahe sprichw\u00f6rtlich geworden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber Madame Maigret wei\u00df man wenig. Sie ist Teil von Zeremonien. Steht der Kommissar morgens auf, bringt ihm seine Frau eine Tasse Kaffee ans Bett. Hat Maigret Feierabend, gibt es ein gutes Abendessen und man setzt sich vor den Fernseher. Ab und an geht man ins Kino. Schafft es Maigret nicht zu den h\u00e4uslichen Mahlzeiten, informiert er seine Frau telefonisch, nicht mit dem Essen auf ihn zu warten und l\u00e4sst sich statt dessen vom Kellner der nahen Brasserie Dauphine mit Bier und Sandwichs versorgen. Kurz: Madame Maigret funktioniert in allen Lebenslagen. Wir wissen, dass sie aus dem Elsass stammt, Kontakt zu ihrer Schwester hat, kinderlos ist. Eine interessante Biografie sieht anders aus. Frau Maigret \u2013 Pardon, Madame \u2013 bleibt reichlich blass. Von sich aus fragt sie ihren Mann selten nach dem aktuellen Fall. Und Maigret geh\u00f6rt nicht zu denen, die privat gerne \u00fcber ihre Arbeit reden. Als Leser wartet man st\u00e4ndig darauf, dass sie einmal mit der Faust auf den Tisch haut, &#8222;ausbricht&#8220;, opponiert. Allein: Man wartet vergebens. Also: Was sollen wir uns n\u00e4her mit ihr besch\u00e4ftigen? Sie ist eine Nebenfigur, Staffage.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht so in &#8222;Maigret und das Gespenst&#8220;. Dort geht es um Ehepaare und ihre Arrangements. Lognon, das Opfer, ist mit einer kranken Frau verheiratet, die er nach Dienstschluss aufwendig pflegen muss. Wir erfahren aber, dass die Krankheit der Frau eingebildet ist, eine Art Trotzreaktion auf die Entt\u00e4uschung \u00fcber das mangelnde berufliche Fortkommen Lognons. Anders verh\u00e4lt es sich bei dem reichen holl\u00e4ndischen Kunstsammler Jonker und seiner bedeutend j\u00fcngeren, nat\u00fcrlich bet\u00f6rend sch\u00f6nen Frau Mirella. Sie f\u00fchren eine &#8222;offene Ehe&#8220;. Beide Paare haben sich augenscheinlich arrangiert, so wie sich auch die Maigrets arrangiert haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dennoch ist es bei den Maigrets anders. In &#8222;Maigret und das Gespenst&#8220; wirkt Madame aktiv mit. Sie betreut die &#8222;kranke&#8220; Frau Lognons und sammelt dabei wichtige Informationen. Die Routine der Ehe ger\u00e4t ins Wanken, als Maigret seine Frau \u2013 zum Mittagessen in ein Lokal einl\u00e4dt:<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Sie traute ihren Ohren nicht. Wenn sie \u2013 an einem Samstag oder Sonntag \u2013 \u00fcberhaupt jemals im Restaurant a\u00dfen, dann so gut wie nie zu Mittag, schon gar nicht, solange eine Untersuchung im Gange war. (&#8230;) Besonders Madame Maigret war in h\u00f6chst angeregter Stimmung, ihre Augen strahlten mehr als sonst, und ihre Wangen r\u00f6teten sich, w\u00e4hrend sie sprach. Wenn Sie zu Hause a\u00dfen, redete vor allem er, weil sie nichts Interessantes zu erz\u00e4hlen hatte. Jetzt aber wusste sie, dass sie ihm n\u00fctzlich war.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Man kann sich nicht des Eindrucks einer gewissen, ins Komische schwappenden Tragik erwehren. Madames tristes Dasein erh\u00e4lt pl\u00f6tzlich einen Sinn, Monsieur hat sich herabgelassen, ihr zuzuh\u00f6ren, ja, er nennt ihre Informationen gar n\u00fctzlich. <em>&#8222;Sie sah ihn an, ungl\u00e4ubig noch und trotzdem begl\u00fcckt. Das Mittagessen bei &#8218;Mani\u00e8re&#8216; sollte eine ihrer sch\u00f6nsten Erinnerungen werden.&#8220;<\/em> Arme Madame&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Im weiteren Verlauf der Handlung begegnen wir Madame immer wieder. Sie berichtet ihrem Mann, sie wird aber auch bei allen m\u00f6glichen Gelegenheiten beil\u00e4ufig erw\u00e4hnt. Einmal sagt der gereizte Jonker: <em>&#8222;Ich bin \u00fcberzeugt, Monsieur Maigret, an Ihrem Privatleben w\u00fcrde mir ebenfalls vieles sonderbar, wenn nicht gar unverst\u00e4ndlich erscheinen, wenn ich \u00fcberraschend bei Ihnen auftauchen, jeden Winkel durchsuchen und Ihre Frau mit Fragen \u00fcbersch\u00fctten w\u00fcrde.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Recht hat er, mehr sogar als er glaubt. Das Sonderbarste erfahren wir, nachdem Maigret ein Telefongespr\u00e4ch mit seiner Frau beendet hat: <em>&#8222;Er sprach sie nicht mit ihrem Vornamen an, und sie ihn nicht mit dem seinen. Er nannte sie nicht Liebling, ebenso wenig wie sie ihn. Wozu auch, da sie sich doch in gewisser Weise f\u00fchlten, als w\u00e4ren sie ein und dieselbe Person?&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Entbehrt nicht einer gewissen Logik \u2013 wer nennt sich schon selbst beim Vornamen oder gar Liebling? \u2013 ist aber, bei genauerer Betrachtung, ziemlich unheimlich, ja, um beim Romantitel zu bleiben, geradezu gespenstisch. Keine Frage, wer bei dieser Einswerdung auf der Strecke geblieben sein muss; Madame n\u00e4mlich. Auf gewisse Funktionen reduziert (dass eine sexuelle dazugeh\u00f6rt, kann man sich schlechterdings gar nicht vorstellen), f\u00fchrt sie die niederen T\u00e4tigkeiten dieses neuen Doppelwesens aus. Einerseits. Andererseits: Was w\u00e4re Maigret ohne sie? Maigret braucht seinen Rahmen, sein Geregeltes. Er ist wenigstens so abh\u00e4ngig von ihr wie sie von ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Arrangement wie bei Jonker und Lognon ist das nicht. Ein Arrangement kann man beenden, doch \u00fcber dieses Stadium sind Madame und Monsieur Maigret l\u00e4ngst hinaus. Untrennbar sind sie. So betrachtet, m\u00fcssen wir uns, wenn wir vom Protagonisten Maigret reden, die Protagonistin Madame Maigret immer mitdenken. Sie ist eben die gro\u00dfe Unbekannte in dieser Konstellation.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<p>Georges Simenon: Maigret und das Gespenst. S\u00e4mtliche Maigret-Romane Band 62. Diogenes 2009 (Maigret et le Fant\u00f4me. 1964. Deutsch von Barbara Heller). 171 Seiten. 9 \u20ac<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man schon nicht die Finger von den Maigret-Romanen lassen kann und manche Neuerscheinung deshalb zum Mauerbl\u00fcmchen wird, dann sollte man die Lesefr\u00fcchte auch schriftlich festhalten. 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