{"id":21693,"date":"2009-06-30T15:25:56","date_gmt":"2009-06-30T15:25:56","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/06\/justo-e-vasco-im-visier\/"},"modified":"2022-06-18T02:46:26","modified_gmt":"2022-06-18T00:46:26","slug":"justo-e-vasco-im-visier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/06\/justo-e-vasco-im-visier\/","title":{"rendered":"Justo E. Vasco: Im Visier"},"content":{"rendered":"\n<p>Unter dem leicht mit Edgar Wallace kokettierenden Titel &#8222;Die toten Augen von Havanna&#8220; hat die Edition K\u00f6ln zwei Kriminalromane aus Kuba in einem dicken Sonderband zusammengefasst, Justo E. Vascos &#8222;Im Visier&#8220; sowie &#8222;Die Nachbarin&#8220; von Roberto Estrada Bourgeois. Besch\u00e4ftigen wir uns heute mit Vasco.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wollen wir mit etwas Zynismus beginnen? Dem, der besagt, es sei viel leichter, in einem augenscheinlich maroden, bis zum Bankrott ruinierten Land Kriminalromane zu schreiben als inmitten saturierter Routinedemokratie? Und schlussfolgern, nichts stehe der Literatur \u00fcber das Verbrechen besser zu Gesicht als eben dieses Verbrechen als gro\u00dfe, allgegenw\u00e4rtige gesellschaftliche Klammer? Nein, wollen wir nicht, obwohl es ja zutrifft. Aber das Ganze hat einen gewaltigen Nachteil. Wann immer man einen kubanischen Kriminalroman zu lesen beginnt, springen einem die immergleichen Sujets entgegen: die Korruption der Beh\u00f6rden, der \u00dcberwachungs- und Repressionsapparat, die aus der Not geborene Kriminalit\u00e4t, das im Illegalen organisierte \u00dcberleben des &#8222;kleinen Mannes&#8220;, die Flucht \u00fcbers Meer ins gelobte Gringoland, die Prostitution, die Hitze, die Ausweglosigkeit. Also: Warum \u00fcberhaupt noch Kubakrimis lesen, wenn wir das alles schon kennen?<\/p>\n\n\n\n<p>Justo E. Vasco pr\u00e4sentiert uns, was soeben aufgez\u00e4hlt wurde. Was soll er auch anderes tun, es ist eben Kuba, \u00fcber das er schreibt. Ein &#8222;Heckensch\u00fctze&#8220;, der aber mit dem modischen &#8222;Sniper&#8220;-Klischee nur wenig zu tun hat, erschie\u00dft aus dem Fenster seiner Hochhauswohnung heraus wahllos Menschen. Doch wen immer er auch trifft, das Opfer scheint in kriminelle Machenschaften verstrickt. Die Polizei in Gestalt des Mayors Cartaya folgt also zun\u00e4chst falschen Spuren. Dahinter steckt nat\u00fcrlich ein reichlich b\u00f6ser Humor: Egal, wen du abschnallst, es ist wohl immer ein Verbrecher.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Anfang an kennen wir den Sch\u00fctzen, einen alten Mann, dessen Tochter und Bruder sich l\u00e4ngst ins Ausland abgesetzt haben. Wir kennen auch den Grund, warum er Menschen erschie\u00dft. Er will seinen ersten Mord vertuschen, als Zufallstat erscheinen lassen. Diesem ersten Mord ist ein Transsexueller zum Opfer gefallen, den der T\u00e4ter mit dem Fernglas in seinen vier W\u00e4nden beobachtet hat. Eine Tat aus Ekel vor soviel Unmoral! Da delektiert man sich geifernd an praller Weiblichkeit \u2013 und pl\u00f6tzlich zieht sich die Frau aus und ist ein Kerl!<\/p>\n\n\n\n<p>Das erfahren wir aus den Gedanken des M\u00f6rders, eines unbegreiflich spie\u00dfigen Moralisten, eines zum T\u00e4ter gewordenen Opfers oder eines T\u00e4ters in der Opferrolle. Und genau hier weist Vascos Buch eben weit \u00fcber das \u00dcbliche kubanischer Kriminalromane hinaus, wird zu einer allgemeinen Studie der \u00fcber Leichen gehenden Selbstzufriedenheit, der mit Kalk\u00fcl operierenden Verklemmtheit. Wir einen das Leben kaputtmacht und wird der eine dann das Leben der anderen kaputtmacht. Das Ganze f\u00fcgt sich organisch in die Handlung, es ist gewisserma\u00dfen die Betrachtung en d\u00e9tail dessen, was eine verkorkste Gesellschaft aus Menschen machen kann. Und sie h\u00e4lt keinen Trost bereit. Cartaya, der Zweifler und Einzelg\u00e4nger, gebeutelt wie jeder Protagonist kubanischer Krimis, kommt dem T\u00e4ter zwar auf die Schliche, aber mal ehrlich: K\u00f6nnen kubanische Krimis mit einem Happyend schlie\u00dfen? Nein, sicher nicht. Auch hier macht uns Vasco nichts vor. Starker Text. \u2013 Wir sind gespannt auf den zweiten Krimi des Bandes.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Justo E. Vasco: Im Visier. <br \/>In: Justo E. Vasco \/ Roberto Estrada Bourgeois: Die toten Augen von Havanna. <br \/>Zwei Romane. Edition K\u00f6ln 2009. (Mirando espero, 1999. Deutsch von Klaus E. Lehmann. <br \/>Mit einem Vorwort von Amir Valle). 255 Seiten (von insgesamt 459). 13,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><em>(Der Rezensent steht in gesch\u00e4ftlichen Verbindungen mit der Edition K\u00f6ln)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter dem leicht mit Edgar Wallace kokettierenden Titel &#8222;Die toten Augen von Havanna&#8220; hat die Edition K\u00f6ln zwei Kriminalromane aus Kuba in einem dicken Sonderband zusammengefasst, Justo E. Vascos &#8222;Im Visier&#8220; sowie &#8222;Die Nachbarin&#8220; von Roberto Estrada Bourgeois. 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