{"id":21707,"date":"2009-07-12T18:58:30","date_gmt":"2009-07-12T18:58:30","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/07\/krimi-und-gesellschaft\/"},"modified":"2022-06-05T22:25:36","modified_gmt":"2022-06-05T20:25:36","slug":"krimi-und-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/07\/krimi-und-gesellschaft\/","title":{"rendered":"Krimi und Gesellschaft"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Ist der Krimi &#8222;die ideale Form des Gesellschaftsromans&#8220;, wie es Anne Chaplet glaubt, \u2192<a href=\"http:\/\/web23.cletus.kundenserver42.de\/2009\/07\/10\/kriminal-gesellschaftsroman\/\">Herr Linder <\/a>aber wohl eher nicht? Keine Ahnung. Ich wei\u00df nur, dass Daniel Defoes &#8222;Robinson Crusoe&#8220; auch dort Gesellschaftsroman ist, wo der Held allein auf seiner einsamen Insel fuhrwerkt. Man muss schon lange suchen \u2013 wahrscheinlich vergebens -, um einen Roman zu finden, der nichts \u00fcber die Gesellschaft erz\u00e4hlt, und f\u00e4nde man ihn, w\u00fcrde er, gerade weil er nichts erz\u00e4hlt, sehr viel dar\u00fcber erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nun bin ich wissenschaftlich mit der Rezeptionsforschung gro\u00dfgeworden. Die untersucht \u2013 verk\u00fcrzt gesagt \u2013 die Wirkung von Literatur auf ihre Leser, mithin also auch auf die Gesellschaft. Die Rezeption von &#8222;Krimi&#8220; im Deutschland des beginnenden 21. Jahrhunderts vermag also, diesen Ansatz zugrundelegend, \u00fcber die Gesellschaft einiges zu berichten, ohne auf Themen und Inhalte im Speziellen zur\u00fcckzugreifen. Schauen wir uns nur an, wie es den beiden Verfilmungen der Tabor-S\u00fcden-Romane von Friedrich Ani ergangen ist. Sie sollten eine Reihe einl\u00e4uten, kamen jedoch \u00fcber den Status von Pilotsendungen nicht hinaus. Die Einschaltquote solala, die Abschaltquote ein Graus. Einzige Medienkonsequenz: abgesetzt. Darauf h\u00e4tte man beinahe Wetten abschlie\u00dfen k\u00f6nnen. Was sich nicht ins Schema f\u00fcgt, wird gnadenlos verworfen, das will keiner sehen, und wer es sehen will, der rechnet schon gar nicht mehr damit, vor 23.30 Uhr auf halbwegs verwertbares Fernsehgut zu sto\u00dfen. Fast m\u00f6chte man von Parallelgesellschaften reden, einer \u00fcbergro\u00dfen der Primetime-Unterhaltung und einer eher \u00fcberschaubaren des Sp\u00e4testprogramms.<\/p>\n\n\n\n<p>So sieht es ja auch in der Kriminalliteratur aus. Man liest die geschickten dramaturgischen Automatismen eines Sebastian Fitzek, begeistert sich an der ma\u00dflosen Formlosigkeit der Klischees in den Romanen eines Stieg Larsson, greift zu den Schm\u00f6kern einer Charlotte Link. Was sagt das \u00fcber den Zustand unserer Gesellschaft aus? Vielleicht, dass sie selbst das Abgr\u00fcndige nur im Rahmen strikter Regelhaftigkeit goutiert, die Gesetze des Genres als Werkzeug einer inneren Ordnungsmacht braucht, die aus dem eigentlich Irritierenden das zur Unterhaltung Geb\u00e4ndigte macht. Der Anarchist, der nur bei Gr\u00fcn \u00fcber die Stra\u00dfe geht, der Revolution\u00e4r, wie er vorschriftsm\u00e4\u00dfig eine Bahnsteigkarte l\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p>Bye-bye, Tabor-S\u00fcden-m\u00e4\u00dfiges Leben, willkommen Edgar-Wallace-Schmarren, bei denen man schon in den Sechzigern am liebsten in die Kinoleinwand gebissen h\u00e4tte. Nun sagt dieses Krimileseverhalten aber wenig \u00fcber den Zustand der Gesellschaft aus; vielmehr spiegelt es die Vision, wie eine ideale Gesellschaft auszusehen habe. Alles unter Kontrolle, alles im Zaum der Staatsgewalt, das Abnorme eingek\u00e4figt im soziozoologischen Garten, von kr\u00e4ftigen und behenden W\u00e4rtern jederzeit wieder einzufangen, sollte doch einmal der Ausbruch gelingen. Logik? Ja. Aber bittsch\u00f6n: Binnenlogik. Der Plot darf ruhig haneb\u00fcchen sein, muss aber zu Ende gedacht werden wie eine Mathematikaufgabe.<\/p>\n\n\n\n<p>Was interessieren dabei noch Inhalte? Die Behauptung, Kriminalliteratur beschreibe, analysiere gar gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse, ist so zutreffend wie sie unzutreffend ist. Solange sie sich nicht an die Strukturen von Gesellschaft wagt, liefert sie Ausrisse von Gesellschaft, die, da in Qualit\u00e4t und Quantit\u00e4t beliebig, allenfalls Anekdoten zu erz\u00e4hlen haben. Da ist der &#8222;Robinson Crusoe&#8220; auch f\u00fcr uns Heutige noch aussagef\u00e4higer als der n\u00e4chste in die Genrebackform geknetete Sozialschmarren, die dramatisierte Kapitalismuskritik oder ein hochgetrillerter Terrorismusfetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>So erz\u00e4hlt der Zustand unserer &#8222;Krimikultur&#8220; eigentlich die spannenderen Geschichten \u00fcber uns. Es sind keine tr\u00f6stlichen Geschichten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist der Krimi &#8222;die ideale Form des Gesellschaftsromans&#8220;, wie es Anne Chaplet glaubt, \u2192Herr Linder aber wohl eher nicht? Keine Ahnung. Ich wei\u00df nur, dass Daniel Defoes &#8222;Robinson Crusoe&#8220; auch dort Gesellschaftsroman ist, wo der Held allein auf seiner einsamen Insel fuhrwerkt. 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