{"id":21714,"date":"2009-07-19T18:47:01","date_gmt":"2009-07-19T18:47:01","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/07\/der-mord-als-simple-filmkunst-betrachtet\/"},"modified":"2022-06-07T17:18:30","modified_gmt":"2022-06-07T15:18:30","slug":"der-mord-als-simple-filmkunst-betrachtet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/07\/der-mord-als-simple-filmkunst-betrachtet\/","title":{"rendered":"Der Mord als simple Filmkunst betrachtet"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Filmkunstwerke der Helene Tursten sind radikal. Sie denken das Genre Film zuende, was man leicht daran erkennt, dass ihr j\u00fcngstes Werk &#8222;Das Brandhaus&#8220; nicht als Film, sondern als Buch daherkommt, obwohl es \u2013 was zu zeigen sein wird \u2013 nat\u00fcrlich ein Film im Bucheinband ist. Es kurbelt sich sozusagen direkt ins innere Kino des Lesers und okkupiert seine Bildwelten, denn bei allem digitalen Fortschritt auf dem Gebiet des Filmemachens ist nur das menschliche Gehirn in der Lage, &#8222;Das Brandhaus&#8220; in seiner avantgardistischen Sch\u00f6nheit, seinem experimentellen Anspruch zu projizieren.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dabei basiert Turstens Erz\u00e4hlweise durchaus auf den konventionellen Techniken, wie wir sie aus den \u00fcblichen Fernsehfilmen kennen. Dort gibt es zum Beispiel eine Kameraeinstellung, die uns ein Ermittlungsteam in einem Gro\u00dfraumb\u00fcro zeigt. Der Fokus liegt auf der Protagonistin \u2013 wir wollen sie Irene Huss nennen, um sie herum wuselt eher peripheres Personal. Irene Huss trinkt gerade eine Tasse Kaffee:<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Wie immer trank sie Kaffee mit einem Schuss Milch und verzichtete auf das Geb\u00e4ck. Aus reinem Trotz nahm sich Irene eine weitere Zimtschnecke und leckte sich zuletzt noch sorgf\u00e4ltig Zimt und Perlzucker von den Fingerspitzen. Kindisch, gewiss, aber anschlie\u00dfend ging es ihr bedeutend besser. Allerdings w\u00fcrde sie ein paar Kilometer zus\u00e4tzlich joggen m\u00fcssen, damit sich die Zimtschnecke nicht an den H\u00fcften festsetzte.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Schon hier ist uns ein Blick in die film\u00e4sthetisch ambitionierte Arbeitsweise der Autorin verg\u00f6nnt. Wir sehen die Kamera in einer langen Einstellung auf Irene Huss verharren, sehen, wie sie Kaffee trinkt, noch eine Zimtschnecke i\u00dft und sich die Fingerspitzen ableckt. Das ist beinahe naturalistisch und w\u00e4re somit nichts Besonderes. Gleichzeitig jedoch verk\u00fcndet uns eine Stimme aus dem Off: Schau nur, Leserin oder Leser, wie kindisch das ist. Und jetzt muss die Arme auch noch joggen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Blick auf die Allt\u00e4glichkeiten des Lebens wird also durch dem Kunstgriff des permanent \u00fcber die Bilder geblendeten Off-Kommentars einerseits verst\u00e4rkt, andererseits aber auch verfremdet. Die banale Verrichtung des Zimtschneckenessens gelangt kraft des erkl\u00e4renden Wortes auf eine andere, psychologisch interessante Ebene.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der n\u00e4chsten Seite ist Irene Huss zu Hause \u2013 und scheint wieder zu essen:<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Spaghetti mit Hackfleischsauce von Krister zubereitet schmeckten wie immer wunderbar, obwohl er darauf bestand, das Gericht Spaghetti Bolognese zu nennen. Ketchup war bei ihm nat\u00fcrlich verp\u00f6nt. Die Sauce bereitete er aus reifen Fleischtomaten, Knoblauch, Basilikum, einem ordentlichen Schuss Rotwein und frischem Hackfleisch zu, das er in der Markthalle am Kungstorget kaufte.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres Stilmittel von Tursten. Der Leser, die Leserin hat nicht nur den Mehrwert eines prima Pastagerichts (wobei ich den &#8222;ordentlichen Schu\u00df Rotwein&#8220; weglassen w\u00fcrde; aber in Schweden schreibt man nicht nur anders, man isst wohl auch anders), er wird auch abrupt aus der Stringenz des Filmes gerissen. Vor seinem inneren Auge erscheint Krister (Irenes Ehemann), wie er durch die Markthalle am Kungstorget schleicht und nach frischem Hackfleisch Ausschau h\u00e4lt. Wir h\u00f6ren ihn sogar reden und erfahren im Folgenden, welchen Zweck Tursten mit diesem pl\u00f6tzlichen Szenenwechsel verfolgt:<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;&#8218;Ich will mir das Fleisch anschauen k\u00f6nnen, bevor sie es kleinhacken&#8216;, pflegte er zu sagen. Das hatte er immer so gehalten, schon bevor ruchbar geworden war, dass in den L\u00e4den abgepacktes Hackfleisch umetikettiert worden war.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Hier begibt sich Tursten augenzwinkernd ironisch in die schwedische Kriminalliteratur-Geschichte und zollt den gesellschaftskritischen Krimis von Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 bis Henning Mankell Tribut. Ein Lebensmittelskandal, der nur en passant erw\u00e4hnt wird und daran gemahnt, wieviel nicht nur ern\u00e4hrungstechnisch noch im Argen liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie souver\u00e4n Tursten mit ihren Mitteln arbeitet, dieser Mischung aus aneinandergereihten Banalit\u00e4ten, belehrenden Stimmen aus dem Off und v\u00f6llig unvermittelten Perspektiv- und Schauplatzwechseln, zeigt sich in einer wunderbaren Passage auf Seite 203.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;&#8218;Kann jemand mein Bereitschaftswochenende mit mir tauschen?&#8216;, fragte Fredrik Stridh in die Kaffeepause am Mittwochnachmittag.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wer ist Fredrik Stidh? Ein Kollege von Irene Huss, das ja. Aber spielt er in diesem Roman eine Rolle? Eine kleine zumindestens? Das nein. Er m\u00f6chte das Bereitschaftswochenende tauschen, okay. Das wissen wir jetzt, und damit k\u00f6nnte es eigentlich auch gut sein. Nicht so im \u00e4sthetischen Konzept der Helene Tursten:<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Zwei Wochen zuvor war Fredrik Vater eines kleinen Wunders namens Agnes geworden. Die Geburt war glatt verlaufen, und Fredrik hatte seither im gesamten Dezernat f\u00fcr gute Laune gesorgt. Jetzt waren Baby und Mutter schon geraume Zeit wieder zu Hause, und Fredrik wollte sich gern ein paar Tage frei nehmen, um mit seiner Familie zusammen sein zu k\u00f6nnen. Er hatte au\u00dferdem etliche \u00dcberstunden angeh\u00e4uft, die er nun endlich abfeiern wollte.&#8220; <\/em>Usw.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier steckt alles drin: Eine total \u00fcberfl\u00fcssige Figur wird in ihren Banalit\u00e4ten ausgeleuchtet, die Stimme aus dem Off erkl\u00e4rt uns, was diese Figur vorhat, wir sehen es direkt vor uns: Fredrik Stridh mit seiner Frau und dem kleinen Wunder Agnes picknickend am See \u2013 hoffentlich holt sich Agnes keine Erk\u00e4ltung, denken wir weiter, sonst wird sie am Ende noch krank und Fredrik Stridh muss unbezahlten Pflegeurlaub nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch, das ist alles ziemlich beeindruckend und \u2013 wenigstens f\u00fcr die Kriminalliteratur \u2013 beinahe revolution\u00e4r. Aber Tursten geht weiter, viel weiter. Sie bricht mit der ehernsten Regel des Genres, welche besagt: Hey, ich habe einen Plot. Es geht um Mord und Totschlag. Um Opfer und T\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p>Und genau das interessiert Tursten nur am Rande, obwohl ihr Roman sogar zwei Plots besitzt. Zum einen den einer Reihe von Morden an jungen M\u00e4dchen, die sich ein unheimlicher Killer \u00fcber das Internet gesucht hat und weiter suchen m\u00f6chte. Zum anderen eine in einem Kamin eingemauerte Leiche, die zu einer anderen Leiche f\u00fchrt, die es in den Vierziger Jahren bereits zu beklagen gab. Beide wurden mit derselben Waffe erschossen, die F\u00e4lle h\u00e4ngen also zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Helene Tursten interessiert das aber alles nicht sehr. Den M\u00e4dchenm\u00f6rder \u00fcberf\u00fchrt sie routiniert per Lockvogel, er interessiert nicht weiter, er muss irgendwie psychopathisch gewesen sein. Die Opfer? Beide aus zerr\u00fctteten Familien, mehr g\u00e4be es dazu auch nicht zu sagen. Im anderen Fall f\u00fcgt es sich noch besser, da bekommen die Ermittler das Gest\u00e4ndnis auf dem silbernen Tablett via Zeugenaussage serviert (hier \u00fcbrigens die einzige Schw\u00e4che des Romans, denn der Zeuge k\u00f6nnte durchaus auch der M\u00f6rder sein und &#8222;Das Brandhaus&#8220; mithin ein Krimi, bei dem sich die Autorin etwas gedacht hat).<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Helene Tursten hat einen hochinteressanten Kriminalroman f\u00fcr Leute geschrieben, die eigentlich keine Kriminalromane lesen wollen, sondern teilnehmen am gr\u00f6\u00dften und ehrgeizigsten Projekt der Film-, ach was sag ich: der Kunst- und Literaturgeschichte: Wie schaffe ich es, meine Leser \/ Zuschauer so einzuschl\u00e4fern, dass sie am Ende gar nicht mehr merken, wie sehr sie sich gelangweilt haben?<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Helene Tursten: Das Brandhaus. <br \/>Btb 2009. 334 Seiten. 19,95 \u20ac<br \/>(Det l\u00f6mska n\u00e4tet\", 2008. Deutsch von Lotta R\u00fcegger und Holger Wolandt)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Filmkunstwerke der Helene Tursten sind radikal. Sie denken das Genre Film zuende, was man leicht daran erkennt, dass ihr j\u00fcngstes Werk &#8222;Das Brandhaus&#8220; nicht als Film, sondern als Buch daherkommt, obwohl es \u2013 was zu zeigen sein wird \u2013 nat\u00fcrlich ein Film im Bucheinband ist. 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