{"id":21720,"date":"2009-07-26T16:05:38","date_gmt":"2009-07-26T16:05:38","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/07\/krimileseleben-3\/"},"modified":"2022-06-15T02:26:56","modified_gmt":"2022-06-15T00:26:56","slug":"krimileseleben-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/07\/krimileseleben-3\/","title":{"rendered":"Krimileseleben -3-"},"content":{"rendered":"\n<p>Dpr fragt \u2013 die Krimileserschaft antwortet. Heute: Henny Hidden alias \u2192<a href=\"http:\/\/krimilady.blogspot.com\/\">&#8222;Krimilady&#8220;<\/a>, auch in Sachen \u2192<a href=\"http:\/\/frauenkrimis.net\/\">&#8222;Frauenkrimis&#8220;<\/a> flei\u00dfig unterwegs. \u2013 Demn\u00e4chst gibt es die ersten vier Interviews kompakt im Krimikultur: Archiv, weitere Nachrichten aus dem Krimileseleben folgen \u2013 bereitwillige Leserinnen und Leser sind immer \u2192<a href=\"mailto:dpr@hinternet.de\">willkommen<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dieter Paul Rudolph: Standarder\u00f6ffnungsfrage: Wie bist du zur Krimileserin geworden &#8211; und, viel wichtiger noch: Warum bist du dabei geblieben?<\/p>\n\n\n\n<p>Henny Hidden: &#8222;Wie bist du zur Krimileserin geworden?&#8220; &#8211; Ich habe festgestellt, dass ich nicht allein stehe, wenn ich sage, dass Mankell bei mir der Ausl\u00f6ser war. Irgendwie habe ich nach einem Urlaub in Schweden mitgekriegt, dass sein Krimi da spielt, wo ich gerade vor wenigen Wochen gewesen war. Ich glaube, ich habe den Krimi in einem Lottoladen gekauft, beim Lesen dachte ich, man, der Mann beschreibt ja jede Stra\u00dfenkreuzung, ich konnte mich sogar erinnern, und ich fragte mich, was das f\u00fcr einen Sinn macht. Ich kannte das so nicht aus der Literatur. Die ausf\u00fchrliche Darstellung der Ermittlungsmethoden hat mich fasziniert, seine Methode, Handlungsstr\u00e4nge aus vielen kleinen Teilen zusammenzuf\u00fchren, war eine neuartig f\u00fcr mich. Das geschah alles sehr direkt und unmittelbar.<br \/>Vordem habe ich ein bisschen moderne Dramatik gelesen und dort habe ich mir auch schon die Strukturen angeguckt und gesehen, mit welchen Kommunikationsstrategien man welche Wirkung erzielen kann. \u00dcber Krimis nachzudenken war sozusagen eine Erg\u00e4nzung und ideale Weiterf\u00fchrung f\u00fcr mich.<br \/>Ich habe damals alle B\u00fccher von Mankell gelesen, dann wollte ich wissen, wie es andere machen, ich las Hakan Nesser und dann Ake Edwardson. Mit dem Kennenlernen der unterschiedlichen Handschriften bin ich immer neugieriger auf Krimis geworden und mein Bed\u00fcrfnis nach neuen Formen des Krimis wuchs.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Warum bist du es geblieben?&#8220; &#8211; Das kann ich gar nicht so leicht beantworten. Wenn ich Freunde treffe und ich erw\u00e4hne, dass ich Krimis lese, suchen sie immer jemanden, der auch Krims liest und wenn ich mich dann unterhalten will, hat dieser meist Krimis gelesen, die ganz oben in den Bestsellerlisten stehen und die ich garantiert nicht kenne. Es gibt nur zwei Ereignisse im Jahr, wo mir in den Sinn kommt, dass ich auch mal was anderes lesen k\u00f6nnte, die Buchmesse und das Bachmannpreislesen. So fand ich Sibylle Lewitscharoffs Auftreten sehr imposant, dass ich mir sagte, ich sollte sie unbedingt lesen. Aber ich habe es bis heute nicht getan.<br \/>Das Krimigenre ist ja sehr vielseitig, gute Literatur gibt es \u00fcber alle Grenzen hinweg. Bereut habe ich es noch nicht, manchmal denke ich nach dem Lesen eines Krimis, dass ich lieber einen anderen h\u00e4tte w\u00e4hlen sollen, aber es bleibt immer der Krimi.<br \/>Vielleicht h\u00e4ngt es auch mit der Pers\u00f6nlichkeit zusammen, die Prosa mit ihrem gleichbleibenden Fluss und mit ihrer Innerlichkeit reichte mir irgendwann nicht mehr f\u00fcr die Abbildung der Ungeheuerlichkeit des Lebens. Und die Dramatik hat einen langen Lauf. F\u00fcr mich ist es das Genre dazwischen. Im Krimi kann das Absurde und Monstr\u00f6se schneller auf den Punkt gebracht werden. Einen Krimi empfinde ich gedr\u00e4ngter und intensiver und Wendungen k\u00f6nnen viel unvermittelter geschehen. Er ist bezogener und verliert sich nicht so leicht.<br \/>Aber je l\u00e4nger ich hier nachdenke, umso schwerer kann ich das Besondere bestimmen, das Kriminalliteratur hervorhebt. Andere Literatur leistet vieles, was ich mir erhoffe, auch. Und vielleicht l\u00e4uft es doch letzten Endes auf die L\u00f6sung eines R\u00e4tsels hinauf, im engeren Sinne wohlgemerkt. Nein, sicher nicht!<br \/>Literatur hilft uns ja immer beim Entschl\u00fcsseln der nicht verstehbaren Realit\u00e4t und das verlange ich auch von Krimis.<br \/>Vielleicht ist es auch das Verlangen nach immer originellen Konstruktionen. Wer der T\u00e4ter ist, interessiert mich nicht mehr so, ebenso wenig beeindrucken mich blutr\u00fcnstige Darstellungen oder Monsterfiguren.<br \/>Es passiert selten, dass ich im Krimi richtig drin bin, das bedauere ich schon, aber es gibt Abstufungen. Meistens denke ich dar\u00fcber nach, wie der Autor wohl die konkrete Situation aufl\u00f6sen wird, manchmal habe ich echt keine Idee und dann werde ich vom Autor so \u00fcberrascht, dass ich ihm um den Hals fallen k\u00f6nnte. Ich freue mich dann, dass es Autoren schaffen, mir neue Sichtweisen nahe zu bringen. Ich kann mich \u00fcberhaupt freuen, wenn ich bei KrimiautorInnen Kreativit\u00e4t und Begabung entdecke.<\/p>\n\n\n\n<p>Dpr: Das mit den &#8222;neuen Sichtweisen&#8220; m\u00f6chte ich ein wenig vertiefen. Bezieht sich das eher auf den Inhalt &#8211; oder auch auf die Art und Weise der Darstellung, also etwa das &#8222;Sprengen von Genregrenzen&#8220;? Wie weit darf dich ein Krimiautor, eine Krimiautorin eigentlich d\u00fcpieren (T\u00e4ter wird nicht entlarvt \/ bestraft, vieles bleibt unklar, wird nicht aufgel\u00f6st etc.).<\/p>\n\n\n\n<p>H.H.: Nun, wenn man von jemand d\u00fcpiert wird, ist das ja keine sch\u00f6ne Sache. Es ist ja immer die Frage, ob man es so auffasst. Und das h\u00e4ngt von meinen Leseerwartungen ab, von meinen Leseerfahrungen und meiner Strukturiertheit. Grunds\u00e4tzlich, als generelle Haltung, kann mir ein Autor alles anbieten, wenn ich merke, dass er sich einer Idee verpflichtet f\u00fchlt. Das ist nach den ersten Seiten nicht immer gleich zu erkennen, und manchmal braucht man schon etwas Ausdauer, um die Macht der S\u00e4tze zu begreifen. Ein Autor sollte mir schon eine Denkrichtung vorgeben oder zumindest erahnen lassen. In den seltensten F\u00e4llen gef\u00e4llt es mir, wenn ich so g\u00e4nzlich im Regen stehengelassen werde. Finde ich nicht irgendwo einen Haken, wo ich mich anklammern kann, verliere ich das Interesse. Das ist wie mit einem abstrakten Bild, ist da nicht mal eine ungewohnte Farbkomposition oder eine kleine Provokation dahinter zu erkennen, die einen anspricht, ist es vorbei.<br \/>Ich gehe davon aus, dass ein Autor beim Schreiben ja an irgendeiner Stelle mal inneh\u00e4lt, um dar\u00fcber nachzudenken, warum er seine Figur so und nicht anders enden lassen will, und bei einem ernstzunehmenden Autor wird es ja inhaltlich motiviert sein und nicht nur die Freude an einer \u00e4sthetisch sch\u00f6nen Konstellation dahinterstehen.<br \/>Obwohl mir bei Thierry Jonquets Krimi \u201eDie Haut, in der ich wohne\u201c der Gedanke daran kurz gekommen ist, und ich h\u00e4tte des Autors Vorgehen sogar verstanden. Das sind vielleicht die aufregendsten Momente des Lesens: wenn man vor sich selbst erschrickt und seine Asozialit\u00e4t entdeckt.<br \/>Nein, ich suche in Krimis nicht nur den aufkl\u00e4rerischen Gestus, den gesellschaftlichen Bezug, obwohl ich ihn f\u00fcr ausgesprochen wichtig und notwendig erachte, ich m\u00f6chte durch ihn auch in den Bereich der Grenzerfahrungen vorsto\u00dfen. Mittlerweile glaube ich, dass ich mit einem Sachbuch wohl besser bedient bin, weil Figurenzeichnungen oft zu einfach und klischeehaft daherkommen. Es interessiert mich immer, wie und warum Menschen anderen Menschen Gewalt in der einen oder anderen Weise antun k\u00f6nnen. Individuelle Verschr\u00e4nkungen mit gesellschaftlichen erahnbar zu machen, denke ich, sollte ein guter Krimi aufzeigen.<br \/>Ich besitze nat\u00fcrlich bestimmte Vorlieben wie jeder andere Leser auch. Wenn sie nicht bedient werden, muss der Krimi ja nicht schlecht sein, er spricht mich eben nur nicht an. Wie in jedem Buch sucht man nach Gewohntem und Neuem. Ganz klar habe ich auch meine Dogmen, und wenn ich im Krimi nicht mal ansatzweise merken kann, dass sie Best\u00e4tigung erfahren, dann tut es mir leid. So m\u00f6chte ich in einer Zweierbeziehung eine mehrschichtige Dialogf\u00fchrung und eine Entwicklung durch Figurenbezug erkennen k\u00f6nnen. Ich gebe zu, das ist eigenwillig, aber es gibt so gro\u00dfartige Vorbilder, darunter will ich es nicht mehr. Auch nicht bei Andrea Maria Schenkels \u201eBunker\u201c, trotzdem warte ich gespannt auf ihren n\u00e4chsten Krimi.<br \/>Ich k\u00f6nnte jetzt noch anf\u00fcgen, dass ich Krimis nicht mag, die ins Phantastische abgleiten, die auf vordergr\u00fcndigen Humor bauen oder die auf immer \u00e4hnlich gestrickte Whodunnits bauen. Doch diese Abneigung kann sich sofort aufheben, wenn ich etwas Neues, Verst\u00f6rendes \u00fcber mich oder die Welt erfahre. Deshalb meine ich, dass ein Autor mich nicht d\u00fcpiert, wenn er ungewohnte Bilder liefert, sondern wenn er durch ewig gleiche Muster g\u00e4hnende Langeweile in mir hervorruft.<br \/>Ich will noch auf den ersten Teil deiner Frage eingehen. Zum \u201eSprengen der Genregrenzen\u201c kann ich mich nicht \u00e4u\u00dfern, weil ich die Grenzen nicht ausmachen kann. Bis jetzt habe ich auch noch keine \u00fcberzeugende Erkl\u00e4rung gelesen, wo sie liegen.<br \/>Das mit den neuen Sichtweisen sehe ich auch etwas vertrackt. Manchmal ist es ja nur ein kleiner Schritt, und dann hat man sie verpasst. Ich kann es heute nicht mehr erkl\u00e4ren, warum ich bei David Peace dabeigeblieben bin, es ist mir anfangs nicht leicht gefallen, etwas hat mich anger\u00fchrt, weiterzulesen, und ich bin mir selber dankbar daf\u00fcr. Es ist mir schon einige Male im Leben passiert, dass ich mit einer Textstruktur nicht klargekommen bin, manchmal bin ich hartn\u00e4ckig geblieben und habe es zum sp\u00e4teren Zeitpunkt wieder versucht, und es hat wunderbar geklappt. Manchmal bin ich in einem Essay oder in einer Rezension wieder auf das Buch aufmerksam geworden, weil der Schreiber interessante Aspekte hervorhob, die ich dann unbedingt erfahren wollte.<br \/>Das geh\u00f6rt wohl auch zur Krimikultur, Ignoranten und Nichtwissenden ein Tor zu \u00f6ffnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dpr: Wie kommst du eigentlich an deine Lekt\u00fcre? Nach welchen Kriterien gehst du da vor? Den Inhaltsangaben der Verlage, vorhandenen Kritiken &#8211; und wie bewertest du die Informationsm\u00f6glichkeiten \u00fcber Krimiliteratur generell?<\/p>\n\n\n\n<p>H.H.: Da ich rezensiere, bekomme ich inzwischen die B\u00fccher zugeschickt. Von den AutorInnen selbst oder von einer Agentur, der ich sehr vertraue. Rezensionsexemplare fordere ich von den Verlagen an, die haben mittlerweile ihr Herz f\u00fcr Blogger entdeckt oder ihre Marketingstrategie aufs Internet ausgeweitet. \u00dcber Newsletter erfahre ich von den Neuerscheinungen, \u00fcber die neuen B\u00fccher des kommenden Monats informiere ich mich auf den Onlineseiten der hammett- Buchhandlung Berlin, die ich etwas aussagekr\u00e4ftiger finde als die der Krimi-couch.<br \/>Ich lese fast t\u00e4glich die Buchzusammenfassungen in den Alligatorpapieren. Zur Groborientierung achte ich auf Reizw\u00f6rter wie \u201eabgr\u00fcndig\u201c \u201everst\u00f6rend\u201c \u201eirritierend\u201c, tauchen sie auf, schaue ich mir das genauer an und finde ich dabei noch eine interessante Konstellation, vielleicht noch mit einer originellen Ausgangssituation, dann ist das f\u00fcr mich ein Krimi, den ich in die engere Wahl ziehe. Bei aller Vorsicht, wohlgemerkt.<br \/>Rezensionen \u00fcberfliege ich in der Regel nur, und je klarer mir wird, dass ich das Buch rezensieren will, lasse ich sie ganz beiseite. Rezensionen sind dann mich aufschlussreich, wenn ich einen Autor in der Gesamtheit seines Schaffens einsch\u00e4tzen will.<br \/>Ich habe mir vorgenommen, alle B\u00fccher von Krimiautorinnen, die auf den Pl\u00e4tzen der Krimiweltbestenliste stehen, zu lesen, na ja, viele sind das ja bis jetzt nicht gewesen.<br \/>Prinzipiell unterscheide ich bei der Wahl eines Krimis nicht zwischen Deb\u00fct und Bestseller. Meistens interessieren mich sogar Deb\u00fcts mehr. Auch wenn mir manchmal ein Krimi gef\u00e4llt, wenn ich merke, dass in kurzen Abst\u00e4nden weitere hinterher geschoben werden, bin ich skeptisch.<br \/>Da ich mehr Krimis von Autorinnen lese, achte ich darauf, dass in Abst\u00e4nden auch mal Krimis von M\u00e4nnern folgen, einfach, um Neues nicht zu verpassen und mich anderen Sicht- und Schreibweisen nicht zu verschlie\u00dfen.<br \/>Ich bin viel im Netz unterwegs und die Informationsm\u00f6glichkeiten \u00fcber Krimis sind sehr vielseitig und ausreichend. Manchmal vermisse ich l\u00e4ngere Aufs\u00e4tze, die sich mit verschiedenen \u00fcbergreifenden Aspekten befassen, vorzugsweise die unter psychologischen oder soziologischen Blickwinkeln. Die Betrachtung von Krimis ersch\u00f6pft sich ja im Tagesgesch\u00e4ft leider nur im Schreiben von Rezensionen. Oder es werden Interviews mit AutorInnen gef\u00fchrt, die qualitativ sehr abweichen.<br \/>Die Verlage geben ja viel Informationen \u00fcber ihre Neuerscheinungen raus, aber ab und zu r\u00e4tsle ich schon, ob das angek\u00fcndigte Buch erschienen ist oder nicht. Und wie ich mitbekommen habe, wissen es selbst Autoren nicht immer so genau.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dpr fragt \u2013 die Krimileserschaft antwortet. 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