{"id":21722,"date":"2009-07-28T17:24:19","date_gmt":"2009-07-28T17:24:19","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/07\/versionen-des-fiktiven\/"},"modified":"2022-06-09T23:34:05","modified_gmt":"2022-06-09T21:34:05","slug":"versionen-des-fiktiven","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/07\/versionen-des-fiktiven\/","title":{"rendered":"Versionen des Fiktiven"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Aus gegebenem Anlass (schauen Sie mal \u2192<a href=\"http:\/\/www.pfau-verlag.de\/sbh_aktuell.html\">hier<\/a> ins Inhaltsverzeichnis) habe ich am Wochenende in der neuesten und 101. Ausgabe der ehrw\u00fcrdigen &#8222;Saarbr\u00fccker Hefte&#8220; gebl\u00e4ttert und bin an einem Artikel h\u00e4ngengeblieben. Hans Horch rollt in seinem Beitrag &#8222;Antiskepsis oder: Vom Zweifel am Zweifel. Nachbetrachtungen zum Saarbr\u00fccker Kindersch\u00e4nderproze\u00df&#8220; noch einmal die Geschichte des Mordes an Pascal auf, jenes Jungen, der von einem &#8222;Kindersch\u00e4nderring&#8220; brutal vergewaltigt und ermordet worden sein soll. Die Leiche wurde bis heute nicht gefunden.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der Prozess wurde bundesweit beachtet, vor allem das Urteil gegen die Angeklagten erregte die Gem\u00fcter. Jene n\u00e4mlich, s\u00e4mtlich Angeh\u00f6rige der &#8222;Unterschicht&#8220;, einige das, was man &#8222;geistig zur\u00fcckgeblieben&#8220; nennen k\u00f6nnte, wurden freigesprochen. Man konnte ihnen die Tat einfach nicht nachweisen, was indes den Richter nicht davon abhielt, in seiner Schlu\u00dfbemerkung zu verstehen zu geben, er halte das Konstrukt der Staatsanwaltschaft trotz seiner Unbeweisbarkeit f\u00fcr schl\u00fcssig.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen gibt es zwei B\u00fccher zum Thema, eines vom ehemaligen Chefreporter der Saarbr\u00fccker Zeitung, Dieter Gr\u00e4bner, eines von Gisela Friedrichsen, der fr\u00fcheren Gerichtsreporterin des &#8222;Spiegel&#8220;. W\u00e4hrend Gr\u00e4bner eher der Linie der Staatsanwaltschaft folgt, kommt Friedrichsen zu einem v\u00f6llig anderen Ergebnis. Sie h\u00e4lt die Freispr\u00fcche f\u00fcr den einzig logischen Schluss, spart nicht mit Kritik an der Staatsanwaltschaft und am Richter. In seinem Aufsatz stellt sich Horch auf die Seite Friedrichsens, deren Beweisf\u00fchrung er f\u00fcr l\u00fcckenlos und schl\u00fcssig h\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Setzen wir f\u00fcr einen Augenblick voraus, dieser Fall sei fiktiv und von zwei verschiedenen Autoren in Sprache gesetzt worden. Dann h\u00e4tten wir zum einen die Version der nach allerlei Pannen durch das Netz der Rechtsprechung geschl\u00fcpften T\u00e4ter (an deren Schuld der Autor indes keinen Zweifel l\u00e4sst) und zum anderen die Version eines Justiz- und Gesellschaftsskandals, in dem Menschen, nur weil sie &#8222;unterschichtig und geistig minderbemittelt&#8220; sind, in f\u00fcr sie nicht mehr zu \u00fcberschauende, schon gar nicht zu bew\u00e4ltigende Zwangslagen geraten. In dieser Version g\u00e4be es zwar ein &#8222;happy end&#8220;, den Freispruch, jedoch nur zum Preis einer v\u00f6lligen Zerst\u00f6rung der Existenz.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesen beiden Fiktionen w\u00fcrde gegen\u00fcberstehen, was wir &#8222;die Wahrheit&#8220; nennen: die tats\u00e4chlichen Ereignisse der Ermordung. Diese Wahrheit ist bislang unbekannt und wird es m\u00f6glicherweise bleiben, d.h. ein einziger, vielleicht ein Gruppe kennt sie: der oder die T\u00e4ter. Sollten sie sich jemals bekennen oder ermittelt werden, w\u00e4re damit zu rechnen, dass Autoren sich des Falles aufs Neue ann\u00e4hmen, um ihn wieder in v\u00f6llig unterschiedlichen Versionen zu fiktionalisieren. Doch selbst wenn das nicht gesch\u00e4he: &#8222;Die Wahrheit&#8220; lie\u00dfe sich nur als ein von Autoren ersonnener Text beschreiben, der Text einer Ermittlung, eines Strafprozesses, von Pl\u00e4doyers, Kommentaren, inszenierten Bildern etc.<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles ist bekannt. Interessant scheint mir indes die Frage, ob es denn einen Unterschied gibt zwischen der Fiktion, der keine Kenntnis der wesentlichen Tatsachen (X. hat Pascal zum Zeitpunkt Y aus der Motivation Z heraus ermordet und an einem bestimmten Ort versteckt) zugrunde liegen und der zweiten Fiktion, die \u00fcber diese Kenntnisse verf\u00fcgt. Welche dieser Fiktion ist wahrhaftiger \u2013 und welche Version innerhalb dieser Fiktionen? Die einzige befriedigende Antwort, die mir dazu einf\u00e4llt: Am wahrhaftigsten ist immer die am besten geschriebene Version, das gr\u00f6\u00dfte Kunstwerk in der Auswahl.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber&#8230; ja, genau: die Wahrheit, das Faktische, die Wirklichkeit. Nur die Versionen der zweiten Fiktion bringt uns das, was doch eigentlich interessiert: den oder die T\u00e4ter, den Tathergang \u2013 die Gewissheit. Mag sein. Aber am Fiktiven ist selten das am wesentlichsten, was sich am wenigsten interpretieren l\u00e4sst. Die Fiktion liebt nicht die Fakten, sie liebt die Strategien, das Faktische ins Unendliche zu zerlegen. Da h\u00e4lt sie es mit der Wirklichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<br \/>Verein Saarbr\u00fccker Hefte e.V. (Hrg.): Saarbr\u00fccker Hefte Nr. 101, Sommer 2009. Die saarl\u00e4ndische Zeitschrift f\u00fcr Kultur und Gesellschaft. Saarbr\u00fccken (Pfau Verlag) 2009. Darin: Hans Horch: &#8222;Antiskepsis oder: Vom Zweifel am Zweifel. Nachbetrachtungen zum Saarbr\u00fccker Kindersch\u00e4nderproze\u00df&#8220;, S. 11-15<br \/>Gisela Friedrichsen: Im Zweifel gegen die Angeklagten. Der Fall Pascal \u2013 Geschichte eines Skandals. Deutsche Verlags-Anstalt 2008. 238 Seiten<br \/>Dieter Gr\u00e4bner: Pascal. Anatomie eines ungekl\u00e4rten Falles. Gollenstein 2008. 279 Seiten<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus gegebenem Anlass (schauen Sie mal \u2192hier ins Inhaltsverzeichnis) habe ich am Wochenende in der neuesten und 101. 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