{"id":21726,"date":"2009-08-02T21:11:34","date_gmt":"2009-08-02T21:11:34","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/08\/werde-krimiautor\/"},"modified":"2022-06-09T23:34:49","modified_gmt":"2022-06-09T21:34:49","slug":"werde-krimiautor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/08\/werde-krimiautor\/","title":{"rendered":"Werde Krimiautor!"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Wie schreibt man einen Krimi? Man \u00fcberlegt sich eine spannende Geschichte, nimmt seinen Jahresurlaub, mietet sich ein stilles H\u00e4uschen in S\u00fcdfrankreich oder \u2013 wenn\u2019s ein Gro\u00dfstadtkrimi werden soll \u2013 ein Hotelzimmer auf Mallorca. Und schreibt. Wenn der Krimi dann fertig ist, schickt man ihn an einen Verlag, der ihn ver\u00f6ffentlicht. Den Rest seines Lebens verbringt man nun in Talkshows und auf ausgiebigen, von erotischen Abenteuern aller Art vers\u00fc\u00dften Lesereisen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nein, ganz so einfach ist es nat\u00fcrlich nicht, das wei\u00df der erfahrene wtd-Leser. Krimis schreiben wollen viele \u2013 und noch mehr tun es. Seit geraumer Zeit schon sind die Verlage dazu \u00fcbergegangen, nicht jede Einsendung sofort zu ver\u00f6ffentlichen, sie k\u00f6nnen ausw\u00e4hlen und tun dies nach bestimmten Kriterien, die man kennen sollte, will man Erfolg haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es beginnt mit dem Anschreiben. Ein Er\u00f6ffnungssatz wie &#8222;Ich habe hier einen Krimi, bitte ver\u00f6ffentlichen!&#8220; ist ganz schlecht, denn einen Brief soll man nie mit &#8222;ich&#8220; beginnen. Viel eleganter dieser Einstieg: &#8222;Nachdem nun auch mein Arbeitskollege W\u00fcrselen gemeint hat, ich solle doch mal einen Krimi schreiben, habe ich es hiermit getan. Was zahlen Sie denn so?&#8220; Aha, denkt sich der zust\u00e4ndige Verlagssachbearbeiter, da wei\u00df einer noch, was w\u00f6rtliche Rede ist \u2013 und speichert ihr Manuskript, bevor er es gelesen hat, unter &#8222;literarischer Krimi&#8220;. Die gehen immer, denn immer mehr Deutsche haben Abitur.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer so beginnt, sollte allerdings auch wissen, dass die meisten Verlage nicht mehr so leichtgl\u00e4ubig sind wie noch vor einigen Jahren. Ihr Arbeitskollege W\u00fcrselen hat gemeint, sie sollten endlich einen Krimi schreiben? Das kann jeder sagen! F\u00fcgen Sie in der Anlage eine notariell beglaubte, am besten eidesstattliche Versicherung jenes W\u00fcrselen bei, er halte sie f\u00fcr einen Klasseautor. Bedenken Sie: Je mehr solcher Versicherungen dem Verlag vorliegen, desto klarer wird diesem, dass er es hier mit einem neuen Talent zu tun hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie bei jeder Bewerbung sollte man auch bei Manuskriptangeboten in pr\u00e4gnanten Worten darlegen, wieso und warum und weshalb man sich qualifiziert f\u00fchlt, einen Kriminalroman zu schreiben. Ganz wichtig: Zeugnisabschriften, aus denen hervorgeht, dass man in Deutsch immer eine Eins gehabt hat (wenn einem dieser schreckliche Studienrat Dingsbums mal &#8222;aus p\u00e4dagogischen Gr\u00fcnden&#8220; eine Drei verpasst hat, sollte man das nicht verschweigen. Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter kommt alles raus, also lieber gleich mit offenen Karten spielen und erkl\u00e4ren, dieser Dingsbums habe kurz vor dem Burnout gestanden. Der Verlag dr\u00fcckt dann gewiss ein Auge zu.). Wer Krimis schreibt, sollte auch ein paar gelesen oder gesehen haben. Vergessen Sie daher nicht, auf den l\u00fcckenlosen Konsum aller bisher versendeten Tatort-Krimis hinzuweisen und nennen Sie wenigstens drei, vier Klassiker des Genres, die Sie am Wochenende gerne lesen (wenn nicht gerade der Rasen gem\u00e4ht und der Grill bedient werden muss), also etwa Christie, Chandler, Wallace und Heinrich Steinfest.<\/p>\n\n\n\n<p>Haben Sie die H\u00fcrde des Anschreibens gemeistert, kommt der Text selbst an die Reihe. Krimis bestehen zu 80 Prozent aus Sprache, aber Sprache ist nicht gleich Sprache, wie wir alle wissen. Schon der erste Satz verr\u00e4t, in welcher stilistischen Ecke sie kauern, um sogleich in die Ringmitte zu st\u00fcrmen und ihren Gegner \u2013 den Leser \u2013 KO zu schlagen. Beginnen Sie mit &#8222;Indem ich einen Fu\u00df vor der anderen setzte, ging ich durch die Stra\u00dfe&#8220;, wird der Lektor gleich erkennen: Aha, ein n\u00fcchterner Realist. Sollten Sie hingegen in das Segment &#8222;Regionalkrimi&#8220; einbrechen wollen, empfiehlt sich folgender Einstieg: &#8222;Ich ging durch die Hauptstra\u00dfe von Sulzenreuth, an der die gr\u00f6\u00dfte Sehensw\u00fcrdigkeit des Ortes liegt, der 1594 von Ansgar H\u00fchnerbein errichtete Hennesjenturm, in dem sich heute eine Videothek (immer offen au\u00dfer Sonntag, Ausleihe nur gegen Vorlage des Personalausweises) befindet.&#8220; Freunde des hardboiled\/noir\/Schwedenkrimis beginnen folgenderma\u00dfen: &#8222;Ich ging durch die Stra\u00dfe wie durch eine Mauer des Schweigens.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Bitte verkneifen Sie es sich, Ihrem Roman einen Titel zu geben. Den sucht der Verlag f\u00fcr sie aus. Entweder aus dem aktuell so beliebten biblischen Fundus (&#8222;Massaker am brennenden Dornbusch&#8220; \u2013 &#8222;Is noch Fisch da, Jesus?&#8220;) oder als Anleihe an coole Kinofilme (&#8222;Sulzenreuth burning&#8220; \u2013 &#8222;Dornbusch Seven&#8220;).<\/p>\n\n\n\n<p>So. Sie sind nun gut ger\u00fcstet f\u00fcr eine Karriere als Krimiautor. Freuen Sie sich auf knisternde Lesereisen mit blutjungen Buchh\u00e4ndlerinnen und nymphomanischen Oberstudienr\u00e4tinnen (f\u00fcr Krimiautorinnen: mit r\u00fcstigen Rentnern aus der nahen Seniorenverwahranstalt), ein pralles Konto und rasant steigende gesellschaftliche Anerkennung. Wir w\u00fcnschen Ihnen viel Erfolg!<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie schreibt man einen Krimi? Man \u00fcberlegt sich eine spannende Geschichte, nimmt seinen Jahresurlaub, mietet sich ein stilles H\u00e4uschen in S\u00fcdfrankreich oder \u2013 wenn\u2019s ein Gro\u00dfstadtkrimi werden soll \u2013 ein Hotelzimmer auf Mallorca. Und schreibt. Wenn der Krimi dann fertig ist, schickt man ihn an einen Verlag, der ihn ver\u00f6ffentlicht. 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