{"id":21727,"date":"2009-08-03T13:46:50","date_gmt":"2009-08-03T13:46:50","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/08\/dr-jekyll-und-mister-krimi\/"},"modified":"2022-06-09T23:36:00","modified_gmt":"2022-06-09T21:36:00","slug":"dr-jekyll-und-mister-krimi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/08\/dr-jekyll-und-mister-krimi\/","title":{"rendered":"Dr. Jekyll und Mister Krimi"},"content":{"rendered":"\n<p><em>&#8222;Writing under his own name, Banville manages around 100 sweated-over, teased, honed and polished words a day; but as Benjamin Black, he can manage a couple of thousand.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>So, jetzt haben die Engl\u00e4nder auch ihre \u2192<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/print-welt\/article181854\/In_der_Gartenkluft.html\">&#8222;Gartenklamotten&#8220;-Aff\u00e4re<\/a>. Wir erinnern uns: Der Autor Matthias Altenburg hatte bekannt, zum Schreiben von Kriminalromanen unter dem Namen Jan Seghers die &#8222;Gartenklamotten&#8220; anzuziehen. Sprich: Bei Krimis wirft man sich nicht in den feinen Sprach- und Stilzwirn, sondern schreibt mehr oder weniger drauf los. Der Booker-Prize-Gewinner John Banville siehts wohl \u00e4hnlich. Als Hochliterat schafft er gerade einmal 100 polierte W\u00f6rter, als Krimiautor Benjamin Black haut er sie hingegen nur so in die Tasten (die ganze Geschichte gibt\u2019s bei \u2192<a href=\"http:\/\/www.sarahweinman.com\/confessions\/2009\/07\/hey-kids-lets-transcend-some-genre.html\">Sarah Weinman<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Einige sind jetzt von Banvilles \/ Blacks Bekenntnis gar nicht begeistert, Reginald Hill etwa. Dabei \u2013 wozu die Aufregung. Wie in der sich Weinmans Beitrag anschlie\u00dfenden Diskussion erw\u00e4hnt, ist noch lange nicht ausgemacht, ob 100 unter Schwei\u00df aufs Papier gesetzte W\u00f6rter wirklich &#8222;besser&#8220; sind als mehrere Tausend rausgehauene. Man frage Herrn Simenon. Entscheidender jedoch d\u00fcrfte sein, dass sich die Arbeit eines Autors nicht darin ersch\u00f6pft, eine Geschichte AUFZUSCHREIBEN. Ein bisschen mehr Aufwand ist es schon. Man braucht eine Story, wenigstens eine Ahnung von der Dramaturgie, man w\u00e4lzt das alles bei jeder Gelegenheit \u2013 sei es beim Spazierengehen, beim Aufwachen morgens, beim Essen, beim Urinieren, beim Sex, beim Einkaufen \u2013 im Gehirn, man verwirft, man assoziiert, man l\u00e4sst sich inspirieren, man ist verzweifelt, man ist euphorisch \u2013 kurz: Das Schreiben selbst ist die Spitze des Eisbergs, eigentlich der lockerste Teil des Ganzen. Sehr viel schwieriger ist es, die geeignete Sprache erst zu finden, in die die Geschichte gegossen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Gibt es nun bei dieser gedanklichen (Vor-)Arbeit gravierende Unterschiede zwischen &#8222;Hoch&#8220;- und Kriminalliteratur? Nur dann, wenn man das Schreiben von Krimis unter die Pr\u00e4misse des &#8222;Es geht ausschlie\u00dflich um den Inhalt&#8220; stellt. Das wiederum bedeutet, die LeserInnen von Kriminalromanen dem Generalverdacht auszusetzen, sie interessierten sich nicht wirklich f\u00fcr die Sprache, in der eine Geschichte herkommt, sondern ausschlie\u00dflich f\u00fcr die dramaturgische Gestaltung dieser Geschichte. Andererseits wird davon ausgegangen, LeserInnen sogenannter &#8222;Hochliteratur&#8220; w\u00e4ren darauf geeicht, Sprachfeinheiten zu erkennen und anzuerkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>In praxi mag so etwas ja gelegentlich vorkommen; die Regel ist es aber nicht. Es soll Autoren geben (ich nenne jetzt keine Namen), die \u00fcberlegen schon eine Weile, ob sie &#8222;ich hab&#8220; oder &#8222;ich habe&#8220; schreiben sollen. Wenn in einem Krimi etwa eine Ich-Erz\u00e4hlerin, die als &#8222;eher ungebildet&#8220; charakterisiert wurde, pl\u00f6tzlich anfinge, ziseliertes Akademikerdeutsch zu reden, w\u00e4rs ein unentschuldbarer Faux Pas. Desgleichen jedoch in einem Roman der &#8222;Hochliteratur&#8220;. Ich pers\u00f6nlich mag keine B\u00e4uerinnen, die, obwohl sie ihr Leben lang B\u00e4uerinnen waren, pl\u00f6tzlich zu tiefgeistigen Philosophinnen mutieren. Nicht weil ich ihnen das Recht und das K\u00f6nnen absprechen w\u00fcrde, tiefgeistig zu philosophieren \u2013 sondern weil ich nicht glaube, dass sie es in der Sprache tun, die man in Romanen der Hochliteratur von ihnen erwartet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das sind Entscheidungen, die der Autor, die Autorin VOR der eigentlichen Niederschrift zu treffen hat. Wie reden meine Protagonisten? Was erz\u00e4hle ich als Autor \u2013 und was nicht? Wie viele Schichten t\u00fcrme ich \u00fcbereinander, Sprachschichten, Bewu\u00dftseinsschichten, Inhaltsschichten? Hier gibt es keinen Unterschied zwischen einem ernsthaften Krimi und einem ernsthaften Nichtkrimi. Es sei denn, ich mag das, was ich unter meinem Kriminamen mache, eigentlich gar nicht und tue es nur, weil es sich besser verkauft. Und \u00fcberhaupt: Warum sich &#8222;seri\u00f6se Autoren&#8220; pl\u00f6tzlich anders nennen, wenn sie &#8222;nur Krimi&#8220; schreiben, wird mir immer ein Buch mit sieben Siegeln bleiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Writing under his own name, Banville manages around 100 sweated-over, teased, honed and polished words a day; but as Benjamin Black, he can manage a couple of thousand.&#8220; So, jetzt haben die Engl\u00e4nder auch ihre \u2192&#8222;Gartenklamotten&#8220;-Aff\u00e4re. 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